Das Wohnzimmer bietet jeden Montag eine Brotzeit mit internationalen Spezialitäten an. Unsere Autorin hat den russischen Abend getestet - mit ein bisschen Expertise und viel Angst vor Dill.

Dortmund

, 07.11.2018, 15:34 Uhr / Lesedauer: 6 min

Nach der Schule war ich für ein Jahr in der Ukraine, genauer auf der Krim (das war vor Krieg und Krim-Krise, um die Frage vorwegzunehmen). Meine Begeisterung ist entsprechend groß, als ich vom russischen Themenabend in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel höre. Ich war zwar noch nie in Russland, aber auf der Krim wird russisch und ukrainisch zu gleichen Teilen gekocht. Russische Küche ist für mich also ebenso eng mit meiner Zeit in der Ukraine verknüpft wie ukrainische Gerichte.

Einen ganzen Abend lang in Nostalgie schwelgen und meine Begleitung und das Personal mit einem begeisterten „Wie bei meiner Babushka in Simferopol!“ und kritischen Sprüchen wie „Naja, also das schmeckt jetzt aber nicht ganz authentisch...“, „Dazu müsste man jetzt eigentlich schwarzen Tee trinken...“ nerven, was für ein Spaß!

Papua-Neuguinea, Kambdoscha und Mali auf der Speisekarte

Die Wohnzimmer Cafébar, Neuer Graben 16, ist an sieben Tagen die Woche geöffnet, an sechs davon bietet Betreiber Simo Slaoui seinen Gästen Frühstück, Mittagstisch und Abendessen. Und montags gibt es die Brotzeit, jede Woche ein Menü aus einem anderen Land. In den vergangenen Wochen stand Papua-Neuguinea oder Kambodscha auf der Karte, nach Russland geht es im November unter anderem mit Mali weiter. Eine Möglichkeit, auch Gerichte zu testen, über deren Esskultur man wenig bis gar nichts weiß.

360-Grad-Bild: Schauen Sie sich im Wohnzimmer um!

Die Cafébar hat die Größe eines - Überraschung - Wohnzimmers, Slaoui empfiehlt seinen Gästen daher eine Reservierung. Als ich am Montagvormittag einen Tisch für eine Kollegin und mich reserviere, werde ich gebeten, bereits das Menü zu wählen: vegetarisch oder deftig. Ich nehme zwei Mal vegetarisch.

Ich sollte eins vorweg schicken: Ich bin zwar selbsternannte und überzeugte Expertin für russische Küche, ein besonders großer Fan allerdings nicht. Ich habe in meiner Zeit in der Ukraine, wo man auf alles, wirklich alles Dill streut, ein schweres Dill-Trauma erlitten, außerdem war ich noch nie eine große Fleisch-Connaisseuse.

Alles, was über Hähnchenbrust und Wurst hinausgeht, wird von mir erstmal lange beschnuppert und am Ende wahrscheinlich trotzdem abgewiesen. Nicht unbedingt kompatibel mit der russischen Küche. Die vegetarische Option ist also nicht unbedingt die authentischere, kommt mir aber entgegen.

Die Atmosphäre:

Als wir kommen, ist der Laden schon einigermaßen voll besetzt. Wir werden freundlich begrüßt und an unseren Tisch geführt. Als Nordstädterin ist die Bar genauso, wie ich mir ein Café oder Restaurant im Kreuzviertel vorstelle. Ein bisschen zusammengewürfelt, ein bisschen Vintage, ein bisschen modern. Vor allem ist es gemütlich, die Musik nicht zu laut, das Publikum so gemischt, wie es im Kreuzviertel eben gemischt sein kann. Am Nachbartisch geht es bei einer Gruppe Anfang Dreißiger um Schwangerschaft und Kindererziehung, kurz sehe ich alle meine Kreuzviertel-Vorurteile bestätigt.

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Restaurant-Check Wohnzimmer

So schmeckt es im "Wohnzimmer".
07.11.2018
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Steht in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel am Herd: Köchin Nina Loot.© Oliver Schaper
Dienstag bis Freitag wird im Wohnzimmer Frühstück serviert, unter anderem von Mitarbeiterin Eleonora Borghesi.© Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Zwischen 11.30 und 15 Uhr gibt es dienstags bis freitags den Mittagstisch, ab 18 Uhr wird à la Carte gekocht. Am Wochenende gibt's durchgehend warme Küche. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Zwischen 11.30 und 15 Uhr gibt es dienstags bis freitags den Mittagstisch, ab 18 Uhr wird à la Carte gekocht. Am Wochenende gibt's durchgehend warme Küche. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Mitarbeiterin Eleonora Borghesi und Wohnzimmer-Betreiber Simo Slaoui.© Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper
Ein bisschen Vintage, ein bisschen modern, viel Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer wird seinem Namen gerecht. © Oliver Schaper

Der Themenabend beschränkt sich auf das Essen. Meine Kollegin ist erleichtert: „Zum Glück haben die hier keine Flaggen und sowas aufgehängt“, ich hätte ein bisschen russische Deko - bemaltes Porzellan, Martroshkas oder einen lebendigen Braunbären am Nachbartisch - ganz lustig gefunden. Ich verstehe aber auch, dass das nicht jedermanns Geschmack ist.

Essen und Getränke:

Die freundliche Kellnerin kommt, um unsere Bestellung aufzunehmen. Ich bestelle ein Bier, meine Begleitung einen Ingwer-Tee. Die Kellnerin fragt uns, ob wir über das Montags-Angebot, die Brotzeit, Bescheid wissen. Wissen wir, und bekräftigen nochmal unseren Wunsch nach Vegetarischem.

Die Getränke kommen flott, meine Kollegin ist angetan vom Ingwer-Tee, der mit frischem Ingwer und ein wenig Orange zubereitet wurde. Und auch der erste Gang lässt nicht lange auf sich warten. Es gibt vegetarischen Borschtsch: Suppe mit Roter Bete, Zwiebeln, Kartoffeln, Kohl und einem Klecks Schmand. Nach meiner (begrenzten) Expertise unterscheidet sich die Suppe kaum vom russischen Original, außer in einem Punkt: kein Dill. Ich bin begeistert.

Borschtsch steht auch auf der üblichen Speisekarte, die von Dienstag bis Sonntag im Wohnzimmer angeboten wird und das merkt man. Er hat eine kräftige, rosig-rote Farbe und schmeckt vorzüglich. Frisch, gemüsig, die Rote Bete ist nicht zu intensiv, alle Zutaten kommen zur Geltung.

Ich finde, dass ein wenig Salz fehlt, aber das ist a) Geschmackssache und b) wie ich mich zu erinnern meine, ein Merkmal der russischen Küche. Immer ein bisschen zu wenig Salz für den deutschen Gaumen. Authentisch also. Abgesehen davon gilt Borschtsch zwar als Suppe, hat aber im Idealfall die Konsistenz eines Eintopfs. „Borschtsch sollte so viel Gemüse enthalten, dass ein Holzlöffel im Suppentopf stehen bleibt“, sagt Wikipedia über russischen und ukrainischen Borschtsch.

Das würde beim Borschtsch im Wohnzimmer nicht unbedingt klappen, tut dem Geschmack aber keinen Abbruch. Und, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Koch oder die Köchin an dem Abend hat auf Dill verzichtet. Meine Dankbarkeit kennt keine Grenzen.

Restaurant-Check po russkij: Russische Brotzeit in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel

Der Borschtsch in der Wohnzimmer Cafébar ist sehr gut - und kann auch abseits vom russischen Themenabend bestellt werden. © Victoria Maiwald

Als die Kellnerin unsere Suppenteller abräumt, bestellen wir eine zweite Runde Getränke. Ich nehme eine Cola, meine Kollegin einen Rotwein. Die Cola ist perfekt, aber hier schreibt auch eine Frau mit einem Cola-Suchtproblem. Der Wein ist meiner Begleitung etwas zu sauer, was sie aber als Geschmackssache abtut. Sie freut sich jedoch, dass es ungefragt ein Glas stilles Wasser dazu gibt.

Dann kommt der Hauptgang. Piroggen mit vegetarischer Füllung und russischer Käsesalat. Ich kenne Piroggen als Piroshki, die es auf ukrainischen Märkten direkt auf die Hand zu kaufen gibt, mit Kartoffelbrei oder Kohl gefüllt, heiß und fettig.

Bei der Brotzeit im Wohnzimmer sind die Hefeteigtaschen mit Reis, Gemüse und gekochten Eiern gefüllt. Serviert werden sie aufgeschnitten und mit Salat garniert. Habe ich so in der Ukraine nie gesehen, liegt aber laut einer kurzen Google-Recherche eher an einer Wissenslücke von mir als am Koch. Heiß sind sie nicht unbedingt, dafür zum Glück aber auch nicht fettig.

Beim Hauptgang sind meine Kollegin und ich uns schnell einig: Er ist okay. Die Piroggen mal was Anderes, aber keine Offenbarung. Der russische Käsesalat ist im Grunde ein grüner Salat mit Tomaten, Gurken, Dressing und geriebenem Käse. Aufregend und neu schmeckt anders. Dafür ist die Portion genau richtig. Man ist nicht völlig vollgefuttert, aber gut gesättigt.

Restaurant-Check po russkij: Russische Brotzeit in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel

Die Piroggen, gefüllt mit Reis, Gemüse und gekochten Eiern sind gut, der russische Käsesalat ist etwas unspektakulär. © Victoria Maiwald

Die Kellnerin fragt uns rücksichtsvoll, ob wir vorm Dessert eine kurze Pause einlegen wollen, die die 50 Prozent unserer Dinner-Gruppe, die rauchen, dankend annehmen.

Der Nachtisch, angekündigt als Russische Happen beziehungsweise süßes Gebäck, ist ein Stück Nusskuchen. In meiner Erinnerung auch nicht typisch Russisch, kann aber auch an einer weiteren Wissenslücke liegen. Ich bin mir allerdings recht sicher, dass ein russisches Dessert kein russisches Dessert ist, wenn es nicht zu 50 Prozent aus Zucker besteht und ohne Sguschtschjonka, süße Kondensmilch, serviert wird. Meine Begleitung erinnert sich an Besuche zu Hause bei einer russischen Kindheitsfreundin und stimmt mir zu. Wir sind uns aber auch einig, dass uns die weniger süße Variante besser schmeckt, auch wenn der Kuchen ein wenig trocken ist.

Restaurant-Check po russkij: Russische Brotzeit in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel

Nusskuchen zum Nachtisch. Etwas trocken, ansonsten lecker und mit genau der richtigen Menge Schokolade glasiert. © Victoria Maiwald

Das Essen war insgesamt gut, der Borschtsch sogar sehr gut. Und für den Preis unschlagbar. 11,90 Euro zahlen wir pro Kopf für das ganze Menü, da erübrigt sich natürlich alle Kritik an der Qualität des Essens.

Ein original russisches Dinner, wie ich es bei meiner Hasaika, meiner Vermieterin, in Simferopol bekommen hätte, war die Brotzeit aber nicht. Dafür fehlten die Pelmeni, russische Maultaschen; das Baton, russisches Weißbrot; der schwarze Tee mit Zitrone; Smetana, Sauerrahm mit einem Fettgehalt ab 15 Prozent aufwärts; natürlich der Wodka zwischen den Gängen, Dill - ganz viel Dill - und die konstante Aufforderung, noch ein bisschen mehr zu essen.

Okay, Letzteres wäre im Restaurant auch etwas unpassend gewesen. Und über den fehlenden Dill war ich wirklich nicht traurig. Und: Wir waren nicht in Russland oder der Ukraine, sondern in der Wohnzimmer Cafébar im Kreuzviertel, wo Inhaber Slaoui und seine Mitarbeiter sich jede Woche ein neues Menü überlegen und das auch noch preiswert anbieten. Und ich wäre auch sehr enttäuscht gewesen, wenn ich nicht ab und zu die Möglichkeit bekommen hätte, mit meinem Halbwissen zu prahlen, indem ich fehlende hundertprozentige Authentizität bemängel.

Die Preise:

Unschlagbar, familien- und studentenfreundlich. Das vegetarische Menü zur Brotzeit am Montag kostet 11,90 Euro, mit Fleisch 12,90 Euro. Und auch die Gerichte von der Karte, die an anderen Tagen angeboten werden, sind erschwinglich: Die Kartoffelpfanne gibt es für 8,90 Euro, die Hähnchenmedaillons für 11,40 Euro. Gerichte für den kleinen Hunger gibt es schon ab 3,50 Euro. Ein Kollege empfiehlt zum Beispiel den gratinierten Schafskäse für 5,50 Euro.

Und auch die Getränke sind günstig. Das kleine Bier gibt es für 2,60 Euro, den frischen Ingwer-Tee für 3 Euro und den Rotwein für 4,40 Euro.

Für zwei Menüs und vier Getränke zahlen wir am Ende des Abends insgesamt rund 36 Euro.

Der Service:

Top. Beide Kellnerinnen, die uns im Laufe des Abends bedienen, sind freundlich, professionell und aufmerksam, dabei nie aufgesetzt oder übertrieben gut gelaunt. Die Bestellungen kommen schnell, leere Teller und Gläser werden flott wieder abgeräumt.

Die Kinderfreundlichkeit:

Darauf zu verzichten, kann sich wohl kein Gastronom im Kreuzviertel leisten. Es gibt eine Kinderkarte mit Nudeln mit Tomatensauce, Bratkartoffeln mit Spiegelei und Hähnchensteak mit Gemüse und Kartoffeln im Angebot - alle Gerichte zu niedrigen Preisen.

Barrierefreiheit

Das Wohnzimmer ist zwar ebenerdig erreichbar, aber das kleine Lokal ist sehr eng und verwinkelt, die Toiletten sehr klein. Barrierefrei ist es also nicht.

Anfahrt / Parkplatzsituation

Ins Kreuzviertel sollte man, zumindest abends, besser nicht mit dem Auto kommen. Die Parkplatzsuche ist keine Freude und kann mitunter sehr lange dauern. Sehr viel praktischer ist die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Von der Stadtbahn-Haltestelle Saarlandstraße (U 46) sind‘s nur wenige Meter zum Wohnzimmer.

Fazit:

In der Wohnzimmer Cafébar sitzt man gemütlich, wird freundlich bedient und kann sich Getränke und Essen auch bei kleinem Budget leisten. Für mich persönlich ist das schon mehr als die halbe Miete. Das Menü zur Brotzeit mit dem Thema Russland hat mich nicht vom Hocker gehauen, allerdings war es ja auch eine einmalige Aktion.

Und die Idee, jede Woche ein Menü aus einem Land, über dessen Kulinarik man wenig bis gar nichts weiß, anzubieten, ist zweifelsohne gut. Da geht es dann auch mindestens so sehr um die Erfahrung wie um den Geschmack. Über die klassische Speisekarte kann ich nichts sagen, für sie spricht jedoch, dass der Borschtsch so gut war - der Teil vom Menü, der auch standardmäßig im Wohnzimmer serviert wird.

Alles in allem vergebe ich der Brotzeit in der Wohnzimmer Cafébar vier von fünf sibirischen Pelzmützen.

Restaurant-Infos:

Wohnzimmer Cafébar, Neuer Graben 16, Öffnungszeiten: Montag 17 bis 23 Uhr, Dienstag bis Sonntag 10 bis 24 Uhr, Reservierung empfohlen: Tel. 1384653, Website.


Wie funktioniert der Restaurant-Check? Wir gehen ohne Vorankündigung in die jeweiligen Restaurants – als ganz normale Gäste. Wir sind keine Gastro-Experten, sondern einfach Menschen, die gerne an schönen Orten essen. Wir beschreiben die Läden so, wie wir über sie auch mit Freuden und Bekannten sprechen würden. Mit ihren Schwächen, mit ihren Stärken. Ehrlich.
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