Respekt vor Frauen lernen, 1200 Bewerbungen: Drei Geschichten von Flüchtlingen in Dortmund

dzVier Jahre „Flüchtlingskrise“

Amer, Abdul und Manar kamen vor vier Jahren allein als junge Männer nach Deutschland. Sie suchen nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Das sind ihre Geschichten - 3 von 9000.

Dortmund

, 10.09.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Amer Alobeid (22), Manar Alhamwi (21) und Abdul Al-Ghanin Nabelsi (29) sitzen in einer Küche an der Heinrichstraße in der westlichen Innenstadt. Sie helfen an diesem Tag ehrenamtlich im Projekt Ankommen anderen Geflüchteten bei Anträgen und Alltagsfragen. Rund 9000 Menschen sind Teil der Stadt geworden, seit Anfang September 2015 die ersten Züge mit Geflüchteten hier ankamen.

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Amer, Manar und Abdul haben in den vergangenen vier Jahren Erfolge und Rückschläge erlebt. Sie haben Hoffnungen und stoßen an Grenzen. So schildern sie ihr Leben vier Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland.

Amer Alobeid, 22, Berufsschüler

Der 22-Jährige flieht vor vier Jahren aus dem Osten von Syrien in der Nähe zum Irak vor dem Militärdienst zuerst in die Türkei. Weil er dort keine Perspektive sieht, bricht er mit Freunden über das Mittelmeer in Richtung Deutschland auf.

„Wir sind auf einem Luftkissen-Boot über das Meer gefahren. Danach sind wir sieben Tage zu Fuß durch Mazedonien und Serbien gelaufen.“ Über Bulgarien kommt er in Halle an der Saale an. In Sachsen-Anhalt ist er auf sich allein gestellt. „Ich war in dieser Zeit völlig isoliert, wie eine Insel. Ich habe kein Wort Deutsch im ersten Jahr gelernt.“

Nachdem er einen Aufenthaltstitel erhalten hat, darf er umziehen. Amer Alobeid entscheidet sich für Dortmund, weil er hier Bekannte hat. Er verlässt Halle. Doch den Weg von seiner „Insel“ findet er erst, als einige Monate später sein Bruder nachkommt, um Medizin zu studieren – und innerhalb weniger Wochen Deutsch lernt. „Ich habe wahrgenommen, dass es bei mir falsch läuft und habe mit Sprachkursen begonnen.“

Berufsziel: Maschinenbau

Er meldet sich am Westfalenkolleg für einen Vorkurs an, um die Chance zu haben, sein Abitur nachzuholen. Jetzt ist er in seinem letzten Schuljahr. „Maschinenbau studieren“, sagt er auf die Frage, was er mit dem Abschluss machen möchte, und lächelt dabei. Mathe und Physik liegen ihm, sagt er.

Dass er durchhalten würde, war nicht immer sicher. „Viele haben aufgegeben und mir gesagt, dass es doch viel zu lange dauert. Diese Leute arbeiten heute im Lager. Ich möchte etwas Besseres machen.“

Der Wechsel von der syrischen in die deutsche Kultur sei ihm nicht leicht gefallen. „Es war am Anfang kompliziert. Mittlerweile geht es und ich habe auch deutsche Freunde.“

Was Einladungen bedeuten

Amer Alobeid hat gelernt, was Einladungen bedeuten. Wie man respektvoll mit Frauen umgeht. Dass hier in der Schule Teamfähigkeit beigebracht wird. Dass die Deutschen entgegen seiner Erwartung doch Zeit haben, zu lachen - auch, wenn sie viel an die Arbeit denken. Seit einem Jahr spielt er in einem Theaterprojekt.

„Ohne Integration ist es schwer. Dabei kann man beide Kulturen behalten“, sagt der 22-Jährige. Alltagsrassismus habe er selbst noch nicht erlebt. „Ich sehe aber auch nicht arabisch aus.“ Allerdings berichtet er von Freunden, die nur aufgrund ihres Aussehens für Drogendealer gehalten werden. Oder nicht in Diskotheken kommen.

Respekt vor Frauen lernen, 1200 Bewerbungen: Drei Geschichten von Flüchtlingen in Dortmund

Manar Alhamwi (21) macht eine Ausbildung zum informationstechnischen Assistenten. © Felix Guth

Manar Alhamwi (21), Auszubildender

Als Manar Alhamwi 2015 in der Asylbewerbererstaufnahme Hacheney ankommt, ist er das, was in der Amtssprache die unelegante Abkürzung umF oder MUFL trägt – ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Über das Jugendamt wird ihm ein Vormund zugewiesen. Was, so sagt er, dafür entscheidend ist, dass er sich heute „gut integriert“ fühlt.

„Ich musste ab dem dritten Tag Deutsch sprechen“, erzählt er. Das erleichtert ihm jeden seiner weiteren Schritte. Er macht seinen Realschulabschluss mit einem Notenschnitt von 1,8. Als beim Bundesamt sein Asylantrag plötzlich verschwindet, muss er seine Asylgründe in einem Gespräch noch einmal mündlich darlegen. Weil er besser Deutsch spricht als der Dolmetscher, führt er sein Interview einfach selbst.

Ausbildung und Minijob

Noch bis 2022 macht Manar Alhamwi eine Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten und erwirbt die Fachhochschulreife. Danach strebt er ein Dual-Studium an. Er hat einen Minijob in einer IT-Firma und erhält eine Studentenförderung. „Ich bekommen keine Leistungen vom Jobcenter“, sagt er.

In Deutschland Freundschaften zu schließen, sei nicht einfach. Er kenne viele Zuwanderer, die damit Probleme haben. „Mein Vorteil war, dass ich von Anfang an direkt mit Deutschen zu tun hatte“, sagt Manar Alhamwi.

Mit Vorbehalten bei Einheimischen hat er gelernt zu leben. „Gerade bei Bewerbungen oder Wohnungssuche kommt es vor, dass das Gespräch manchmal beendet ist, wenn man merkt, dass ich kein Deutscher bin.“

Abdul Al-Ghanin Nabelsi (29), Produktionshelfer

Der 29-Jährige macht am Tag des Treffens in Dortmund Urlaub. Vor einigen Monaten nahm er einen Job als Produktionshelfer beim Pharma-Konzern Merck in Wiesbaden an. „Aber in Dortmund sind alle meine Freunde“, sagt Abdul Al-Ghanin Nabelsi.

Er flieht 2015 vor dem Bürgerkrieg mit Hoffnung und einem abgeschlossenen Chemie-Studium. Und muss realisieren, dass es nicht reicht. Seine syrischen Noten sind umgerechnet nicht gut genug fürs Studium in Deutschland.

„Ich habe mich dann erst mal um die Sprache gekümmert“, sagt er. Dabei hilft ihm das Engagement im Projekt Ankommen, wo er teils allein die Sprechstunden für Geflüchtete organisiert.

1200 Bewerbungen führen zu 5 Vorstellungsgesprächen

„Arbeit zu bekommen, ist unglaublich schwierig“, sagt Abdul Al-Ghanin Nabelsi. Mehr als 1200 Bewerbungen habe er in den vergangenen Jahren verschickt. Eingeladen wurde er zu fünf Vorstellungsgesprächen.

Viele seiner Gedanken kreisen um seine Familie in Syrien. „Ich vermisse sie sehr.“ Fotografieren lassen wollte er sich von uns nicht.

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