Regina Gottschalk, Martin Klein und Helga Fuhrmann helfen bei Demenz

dzEhrenamtliches Engagement

Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz haben oft einen schwierigen Alltag. Entlasten können Ehrenamtliche, die für einige Stunden die Betreuung übernehmen.

von Fatima Talalini

Dortmund

, 21.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Wenn Helga Fuhrmanns Ehemann die Klingel hörte, zog er sich direkt die Schuhe an, auch wenn er den ganzen Tag noch nicht aufgestanden war. „Das ist meine Betreuerin“, sagte der Mann mit Demenz immer über Regina Gottschalk.

„Wir sind dann häufig Spazieren gegangen und ich habe mir von ihm die Autos erklären lassen“, sagt Regina Gottschalk. „Er erklärte mir, im Zweifel steht bei den meisten Autos auch die Marke drauf.“ Sie schmunzelt. „Oder das mit dem Fernglas“, erinnert sich Helga Fuhrmann. „Ja, wir saßen im Park und guckten in die Bäume und ich sagte, ‚mit einem Fernglas könnten wir mehr sehen‘“, sagt Gottschalk.

„Und als sie wieder bei uns zuhause waren, kramte er und holte ein Fernglas für das nächste Mal“, sagt Helga Fuhrmann und lächelt. „Er hat sehr viel vergessen, aber an das Fernglas konnte er sich erinnern. Diese positive Zeit, die ist ihm im Gedächtnis geblieben“, sagt sie.

Die beiden Frauen verbindet inzwischen eine enge Freundschaft. Sie treffen sich regelmäßig und fahren sogar zusammen in den Urlaub. Angefangen hat diese Freundschaft mit einem Ehrenamt.

Die Ehrenämtler sollen Angehörige zu Hause entlasten

Der ehrenamtliche Seniorenbegleitservice der Stadt Dortmund wurde ins Leben gerufen, um Angehörige von Menschen mit Demenz zu entlasten. „Ein Familienmitglied mit Demenz rund um die Uhr zu betreuen, kann ganz schön an den eigenen Kräften zehren“, weiß Sabine Dahlmann vom Sozialamt der Stadt. Sie koordiniert die Ehrenamtlichen in die einzelnen Haushalte.

„Bevor ein Ehrenamtlicher kommt, machen wir einen ersten Besuch zum Kennenlernen. Dann schaue ich, wer in den Haushalt passen könnte“, sagt sie. In erster Linie solle der Besuch durch die Ehrenamtlichen eine Entlastung sein, sagt Dahlmann. Dennoch sei es oft erst mal ungewohnt, eine fremde Person in die Vertrautheit des eigenen Haushaltes hinein zu lassen. Man kenne sich schließlich am Anfang noch nicht.

Sabine Dahlmann war es auch, die Regina Gottschalk und Helga Fuhrmann zusammenbrachte. „Mein Mann hatte zehn Jahre Alzheimer“, sagt Helga Fuhrmann. „Und Regina war da, als ich sie brauchte. Zum Glück gibt es diesen Besuchsdienst, denn dadurch ist wirklich jemand da, wenn Menschen in Not sind. Als mein Mann dann gestorben ist, war für mich klar: Uns wurde so schön geholfen, das möchte ich weitergeben.“

Freiwillige durchlaufen eine 40-stündige Schulung

Die Ehrenamtlichen verbringen in der Regel zwei bis drei Stunden pro Woche mit den Menschen mit oder ohne Demenz. „Manchmal fühle ich mich, wie ein Animateur“, sagt Regina Gottschalk und lacht. „Wir machen Spiele, gehen spazieren, unterhalten uns und manchmal machen wir auch einfach Quatsch zusammen.“

Die Ehrenamtlichen müssen alle eine 40-stündige Schulung durchlaufen, um auch in schwierigen Situationen zu wissen, was zu tun ist. Martin Klein erinnert sich an so eine Situation: „Ich war mit einem älteren dementen Herren spazieren, zu dem ich auch regelmäßig ging. Plötzlich schaute er mich an und rief ‚du hast meine Frau umgebracht’. Ich weiß nicht, was diesen Wahn ausgelöst hat, aber das darf man dann nicht persönlich nehmen. Immer, wenn ich ihm näher kam, rief er dann wieder ,du hast meine Frau umgebracht!‘.

Ich habe mich dann den restlichen Weg im Hintergrund gehalten und nur aufgepasst, dass er nicht vor ein Auto läuft oder so etwas. Als wir dann bei ihm Zuhause angekommen sind, war seine Frau auch schon wieder zurück, da war dann alles wieder weg. Ich habe mich dann genähert und er sagte zu mir, ‚ach hallo, schön dass Sie da sind.‘“

Regina Gottschalk, Martin Klein und Helga Fuhrmann helfen bei Demenz

Sabine Dahlmann (2.v.r.) koordiniert die Ehrenamtlichen Helga Fuhrmann, Regina Gottschalk und Martin Klein (v.l.). Zusammen bilden sie ein gutes Team. © Oliver Schaper

Eine wichtige Fortbildung für die Ehrenamtlichen sei auch das Thema Alter und Trauma, sagt Sabine Dahlmann. „Man darf nicht vergessen, dass viele den Krieg miterlebt haben. Wenn man mit schweren Stiefeln durchs Altersheim marschiert, bekommen viele Ältere Angst, weil sie denken, jetzt kommt die Armee.“

Für Martin Klein sind solche Situationen keine Abschreckung. „Aber nein“, winkt der 80-jährige Rentner ab. „Ich bin immer wieder gerne zu dem Mann gegangen. Die positiven Erfahrungen überwiegen einfach.“

Zum Beispiel die mit dem singenden Herrn. Er habe oft ein Kofferradio mit alten Liedern dabei, denn viele Menschen mit Demenz würden sich an die Musik aus ihrer Jugend erinnern, sagt Klein. Einmal habe ein Herr wirklich jedes Lied von vorne bis hinten mitgesungen. „Sie sind aber textsicher, habe ich zu ihm gesagt. Und er antwortete nur: Hätten Sie in der Schule aufgepasst, könnten Sie das auch.“

Die Ehrenamtler bringen viel Lebenserfahrung mit

Martin Klein hat zum Gespräch ein dickes Fotoalbum mit Ledereinband mitgebracht. Fotos, Postkarten und kleine bunte Basteleien hat er sorgfältig beschriftet und aufbewahrt. Auf den Bildern sieht man vor allem eins: lachende Gesichter. „Mein ganzer Keller ist voll mit Erinnerungen an die Aktionen, die wir in den Gruppen gemacht haben“, sagt Klein.

Die Betreuungsgruppen für Menschen mit Demenz sind neben der häuslichen Betreuung, eine weitere Möglichkeit, die Angehörigen für einige Stunden zu entlasten. Tanznachmittage, Backaktionen, Spiele – die Liste der Aktivitäten, die Klein sich mit den anderen Ehrenamtlichen ausgedacht hat, ließe sich endlos weiterführen.

Anerkennung bekommen die Helfer vor allem von den Angehörigen und den Betroffenen selbst. „Es gibt eine Dame, die freut sich immer sehr, dass ich komme. Und sie fragt immer, ob ich denn auch bestimmt wieder komme“, sagt Helga Fuhrmann lächelnd.

Die Angehörigen haben dann mal wieder Zeit für sich

„Wenn die Angehörigen mal wieder Zeit haben, ins Theater zu gehen oder auf einen Geburtstag, weil wir da sind und uns kümmern oder mal zum Arzt begleiten, dann haben wir viel erreicht“, sagt Regina Gottschalk, die wie Martin Klein schon seit 2004 dabei ist. Sie ist es auch, die stellvertretend für dieses Ehrenamt zum Sommerfest des Bundespräsidenten eingeladen wurde.

„Die körperlichen Fähigkeiten der älteren Menschen lassen zwar nach“, sagt Sabine Dahlmann. „Aber die Lebenserfahrung bleibt. Es ist einfach wichtig, dass jemand da ist, zuhört und sich Zeit nimmt.“

Sie wollen den ehrenamtlichen Seniorenbegleitservice nutzen?
  • Weitere Informationen gibt es in allen zwölf Seniorenbüros (zum Beispiel im Wilhelm-Hansmann-Haus, Märkische Straße 21), im Sozialamt (Kleppingstraße 26), telefonisch unter 0231 502 70 94 und im Internet auf www.dortmund.de.
  • Der Besuchsdienst für nicht demente ältere Menschen ist kostenfrei.
  • Der Besuchsdienst für Menschen mit Demenz kostet kostet 7,50 Euro pro Stunde. In der Regel ist eine Refinanzierung über die Pflegeversicherung möglich.
  • Die Betreuungsgruppen für Menschen mit Demenz kosten 20 Euro pro Vor- oder Nachmittag. Auch hier ist in der Regel eine Refinanzierung über die Pflegeversicherung möglich.
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