Radfahrer gegen Autofahrer: Dieser Dortmunder filmt jede Fahrt - als „Lebensversicherung“

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Zugeparkte Radwege, Drängeleien, Gefahr: Wenn Andreas Linnemann (50) sich aufs Rad setzt, fährt eine kleine Kamera immer mit. Wegen der Sicherheit. Aber auch, um eine Botschaft zu senden.

Dortmund

, 15.10.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wann immer es geht, fährt Andreas Linnemann mit seinem Fahrrad auf der Straße. „Dann ärgern die Autofahrer sich zumindest über mich“, sagt er. „Und wenn sie sich über mich ärgern, dann haben sie mich gesehen.“

Ihm geht es nicht ums Prinzip, er hat keinen Spaß daran, Autofahrer zu ärgern. „Aber manchmal ist es eine Lebensversicherung.“

Die Hierarchie auf der Straße: Auto, Rad, Füße

Alles, was der 50-Jährige mit dem Fahrrad erledigen kann, macht er damit. Jeden Morgen fährt er mit dem Rad von seinem Zuhause in der südöstlichen Innenstadt zu seinem Arbeitsplatz im westlichen Unionviertel, die kürzeste Strecke ist knapp fünf Kilometer lang.

Und immer wieder ärgert er sich auf diesen Wegen über die Autofahrer. Vor allem über solche, die Radwege zuparken, aber auch über jene, die ihm die Vorfahrt nehmen oder wütend hupen, wenn er nicht anhält - obwohl er von rechts kommt.

„Im Straßenverkehr gibt es eine Hierarchie“, sagt Andreas Linnemann. „Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger.“ Aber er hat keine Lust, sich länger unterzuordnen.

Die Kamera ist seine Sicherheit

Irgendwann, vielleicht 2016, hat er eine GoPro - eine kleine, wetterfeste Kamera - an seinem Lenker angebracht. Die macht er seitdem jedes Mal an, wenn er aufs Rad steigt. Die Idee kam ihm, als er auf Twitter von jemandem las, der einen Fahrradunfall hatte und nicht beweisen konnte, dass er im Recht war.

Radfahrer gegen Autofahrer: Dieser Dortmunder filmt jede Fahrt - als „Lebensversicherung“

Vor einigen Jahren hat Andreas Linnemann diese kleine Kamera auf seinem Fahrrad-Lenker angebracht. Er will im Zweifelsfall beweisen können, dass er im Recht ist. © Marie Ahlers

Die Kamera ist für Linnemann eine Sicherheit. Und gleichzeitig eine Möglichkeit, zu zeigen, wie man sich als Fahrradfahrer fühlt, in wie viele gefährliche Situationen man fast jeden Tag gerät.

Wenn ihm etwas Extremes, etwas Gefährliches passiert, markiert er sich die Stelle in der Videoaufnahme direkt. Später lädt er den Videoausschnitt bei Twitter hoch.

Seit einigen Jahren postet er immer wieder Ausschnitte aus seinen Videos auf Twitter. „Ich will einfach mal zeigen, wie sich das in meiner Position anfühlt“, sagt er.

Das erleben Fahrradfahrer deutschlandweit

Viele Twitter-Nutzer tun es ihm gleich. Unter den Hashtags #Fahrradalltag oder #mdRzA - „mit dem Rad zur Arbeit“, zeigen sie Ausschnitte aus dem, was sie jeden Tag auf den Straßen und Radwegen erleben: Zugeparkte Wege, Autofahrer, die ihnen die Vorfahrt nehmen, enge Bürgersteige, die sich Radfahrer und Fußgänger teilen müssen, damit Autos am Straßenrand genug Platz zum Parken haben. Sie twittern aus München, Stuttgart, Berlin - oder eben Dortmund.

Auf Linnemanns Twitter-Accounnt sieht man aus seiner Perspektive, wie ein Auto sich direkt vor seiner Nase auf den Radweg schiebt. Das Videobild verwackelt, Linnemann kann gerade rechtzeitig noch bremsen. Ein anderes Mal sieht man, wie ihm ein Autofahrer dreist die Vorfahrt nimmt.

Einmal postet er ein Bild mit dem ironischen Kommentar „Die E-Roller versperren immer und überall den Gehweg“. Auf dem Foto zu sehen: Ein einzelner E-Scooter auf dem Bürgersteig, dahinter ein Familienwagen, der den gesamten Bürgersteig blockiert.

„Viele nehmen das einfach hin, dass die Autos so viel Platz einnehmen“, sagt er. Doch eigentlich sei es doch absurd, findet er, dass hunderte Menschen, die am Tag einen Gehweg nutzen, auf eine Handvoll Menschen Rücksicht nehmen müssen, die hier parken.

Ihm geht es um ein grundlegendes Umdenken

Er will damit nicht sagen, dass sich Autofahrer immer falsch und Radfahrer immer richtig verhalten. „Aber von Autos - auch wenn sie stehen - geht eben ein größeres Gefährdungspotenzial aus.“

Ihn nervt der Egoismus der Autofahrer, die Gehwege zuparken. Oder die Rücksicht von ihm fordern, obwohl sie diejenigen sind, die mit mehreren Tonnen Stahl durch die Stadt rollen. „Eigentlich kenne ich es so, dass die Stärkeren Rücksicht auf die Schwächeren nehmen“, sagt er. „Nicht umgekehrt.“

Neben mehr Rücksicht der Autofahrer wünscht er sich auch von der Stadt etwas: Verkehrskontrollen. Und zwar nicht nur ein paar Knöllchen für Falschparker, sondern dass Autos, die verbotenerweise vor Ampeln, auf Radwegen oder auf dem Bürgersteig parken, konsequent abgeschleppt werden.

Ihm geht es aber nicht nur um das Verhalten der Autofahrer. Linnemann wünscht sich ein grundsätzliches Umdenken, er will, dass Radfahrer und Fußgänger nicht länger gegenüber Autos zurückstecken müssen, sondern gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer werden.

Kleinigkeiten, die zu einem großen Problem werden

Der Teufel steckt dabei seiner Meinung nach im Detail. Details, die alle auf ein Problem deuten: Linnemann findet, dass bei der Infrastruktur zu häufig nur an Autofahrer gedacht werde. Erstmal müsse der Verkehr für sie rundlaufen, dann werde sich um Radfahrer und Fußgänger Gedanken gemacht.

Er deutet auf ein Schild am Südwall. Es weist Autofahrer auf die Baustelle im Kreuzungsbereich hin, warnt sie vor Fahrbahnverengungen.

Das Problem: Das Schild steht mit seinem schweren Betonfuß zur Hälfte auf dem Radweg. Radfahrer müssen sich einschränken, damit Autofahrer informiert werden. Zu niedrig ist das Schild auch: Wer hier nachts entlang fährt, könne sich schnell an den Schildern stoßen, sagt Linnemann.

Radfahrer gegen Autofahrer: Dieser Dortmunder filmt jede Fahrt - als „Lebensversicherung“

Auf dem Südwall stehen momentan Schilder, die für die Autofahrer gedacht sind - und Fahrradfahrer auf dem Radweg einschränken. © Marie Ahlers

„Das sind so Kleinigkeiten, da denkt keiner dran“, sagt er. Kleinigkeiten, die aus seiner Sicht zeigen: Radfahrer und Fußgänger müssen sich nach den Autofahrern richten.

Die Unterschiede, die für Rad- und Autofahrer in der Infrastruktur gemacht werden, versteht er auch deshalb nicht, weil Linnemann sich sicher ist, dass sie eins eint: „Wir wollen doch alle nur von A nach B und heile zu Hause ankommen.“

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