Pylon aus Stahl setzt Kontrapunkt zum historischen Reinoldi-Kirchturm

dzSchätze des Baukunstarchivs

Der stählerne Pylon an der Stadtbahnstation Reinoldikirche prägt das Stadtbild. Sein Bau sorgte Anfang der 1990er-Jahre für erbitterte Diskussionen.

Dortmund

, 15.11.2018, 17:41 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dortmunder Nachtschwärmer kennen ihn bestimmt: Der Reinoldipylon ist seit vielen Jahren zentrale Abfahrtsstation für die Nachtexpress-Busse. Und er macht damit seiner Rolle als Verkehrsknotenpunkte alle Ehre. Denn als solcher wurde er Anfang der 1990er Jahre konzipiert.

Aufgabe für die Planer war, durch ein „augenfälliges Bauwerk“ den Zugang zur neuen U-Bahnstation unmittelbar neben der Reinoldikirche zu markieren. Der Kölner Architekt Walter van Lom löste die Herausforderung auf ganz spezielle Weise: Er entwickelte eine zeltartige Konstruktion, die mit einem hochaufragenden Pylon ganz bewusst Bezug nimmt zu St. Reinoldi.

„Neben der Markierung des geistig-historischen Mittelpunkts von Dortmund durch den Turm der Reinoldikirche an der alten Wegkreuzung aus Hellweg und Brückstraße tritt ein technisches Merkzeichen im Kreuzungspunkt der neuen innerstädtischen Hauptverkehrsachse Kampstraße/Kleppingstraße“, erklärt von Lom selbst.

Sorgen um Konkurrenz für den Reinoldi-Kirchturm

Der Reinoldipylon wurde damit gewissermaßen auch zu einem städtebaulichen Ausrufezeichen für den damals begonnenen Umbau der City, aus der die Autos nach und nach verdrängt wurden. Wo sich einst zwei Hauptverkehrsstraßen kreuzten, wurde nun Platz geschaffen für Fußgänger und öffentlichen Nahverkehr.

Weniger deshalb, sondern vor allem wegen seiner modernen Architektursprache und hochaufragenden Spitze sorgte das Bauvorhaben aber Anfang der 90er Jahre für reichlich Gesprächsstoff. Kritiker befürchteten gar, dass der moderne Pylon der historischen Reinoldikirche die Wirkung nehmen könnte. Eine Sorge, die sich nicht nur wegen der doch stark unterschiedlichen Höhen als unbegründet erwies. Der Reinoldi-Kirchturm ist bis zur Spitze knapp 105 Meter hoch, der stählerne Pylon ragt 49 Meter aus der Erde.

Pylon aus Stahl setzt Kontrapunkt zum historischen Reinoldi-Kirchturm

Am 3. September 1991 wurde dem Reinoldipylon im Schatten des Reinoldikirchturms die Spitze aufgesetzt. © Dieter Menne (Archiv)

„Reinoldikiche und Pylon ergänzen sich in geradezu idealer Weise. Dortmund braucht beides: Den optimistischen Blick nach oben in die Zukunft mit modernem, unverwechselbarem Stadtbild und den Stolz der wenigen Zeugen seiner mittelalterlichen Hochblüte“, erklärte der damalige Oberbürgermeister Günter Samtlebe beim Richtfest mit Aufsetzen der Pylonspitze im September 1991.

Symbol für den Stahlstandort Dortmund

60 Meter misst der Pylon insgesamt. Die unterste Spitze steht auf dem U-Bahnsteig der Ost-West-Stadtbahnstrecke, die über eine Wendeltreppe, die sich um die Stahlkonstruktion windet, erreichbar ist. Insofern hat der Pylon doppelte Funktion: Er markiert den Weg für die Stadtbahn-Nutzer in den Untergrund und trägt an der Oberfläche das 520 Quadratmeter große abgehängte Dach aus Glas und Stahl.

Pylon aus Stahl setzt Kontrapunkt zum historischen Reinoldi-Kirchturm

520 Quadratmeter groß ist das schirmartige Dach des Pylons aus Stahl und Glas. © Dieter Menne

Das Dach erinnert nicht nur an einen Schirm, es diente auch als Regenschutz für die Fahrgäste der anfangs noch oberirdisch fahrenden Straßenbahn auf der Ost-West-Strecke – und auch heute noch der Nachtexpress-Nutzer.

Der stählerne Baukörper war nicht nur als Kontrapunkt zur historischen Reinoldikirche gedacht, er sollte zugleich „ein Symbol für den Stahlstandort Dortmund sein“, wie von Lom erklärt. Eine Dortmunder Stahlbaufirma übernahm auch den Bau des Pylons. Die Stahlbaufirma Rüter galt als Spezialist für schwierige Baufaufgaben, entwickelte sogar eigene Systeme für Tragkonstruktionen.

Besondere Herausforderung für Tragwerksplaner

Als Spezialist mit an Bord war auch der Tragwerksplaner Prof. Stefan Polóny, der zu den Gründungsvätern des Studiengangs Bauwesen an der Universität Dortmund gehört. „Er stand vor einer besonders schwierigen Aufgabe“, erinnert sich von Lom. „Und das damals noch ohne Computer.“

Eine der besonderen Herausforderungen beschrieb Polóny selbst. „Allein die Bestimmung der maßgebenden Windbelastung unter Berücksichtigung der Schwingung der Konstruktion gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die man einem Aerodynamiker stellen kann“, erkärt der inzwischen 88-jährige Polóny, der wie kaum ein anderer für die Verbindung aus Architektur und Ingenieurkunst steht. Auch an anderen markanten Bauwerken in Dortmund wie der Spielbank Hohensyburg, dem Harenberg-Haus und der Berswordt-Halle war Polóny als Tragwerksplaner beteiligt.

Zu den bekanntesten Bauwerken von Walter von Lom, der im Juli 80 Jahre alt wurde, gehört neben seinem eigenen Büro- und Wohnhaus an der Rheingasse in Köln das Deutsche Sport- und Olympia-Museum in Köln.

Und es gibt eine enge Verbindung aller drei am Bau Beteiligten zum neueröffneten Baukunstarchiv NRW am Ostwall. Sowohl von Lom, als auch Polóny und Rüter überlassen ihr Archiv dem Baukunstarchiv NRW am Ostwall. Hier lässt sich künftig also die Entstehung des Reinoldi-Pylons aus allen Perspektiven verfolgen.

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