Viele Dortmunder haben das Gefühl, dass die Aggressivität zunimmt. © dpa
Angriff auf Ordnungsamtsmitarbeiter

Psychiater erklärt: Werden die Dortmunder wirklich aggressiver?

Nach einem Angriff auf einen Dortmunder Ordnungsamtsmitarbeiter liegt dieser seit Sonntag im Krankenhaus. Auch Notärzte und Feuerwehrleute werden oft Ziel von Wut und Aggressivität.

Bei der Bombenentschärfung am Schwanenwall am Sonntag (15.8.) in Dortmund wurde ein Mitarbeiter des Ordnungsamts von einem Anwohner angegriffen und schwer verletzt. Noch immer liegt er im Krankenhaus. Der Angriff auf ihn ist kein Einzelfall. Immer wieder werden inzwischen auch Notärzte und Feuerwehrleute zur Zielscheibe von Wut und Aggressivität. Doch woher kommt dieses Verhalten?

Darüber hat sich die Autorin mit Dr. Harald Krauß unterhalten. Er ist Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie an der Klinik für Seelische Gesundheit im Marien-Hospital in Dortmund.

Dr. Krauß, ist das nur ein Gefühl oder werden die Menschen wirklich aggressiver?

Die Menschen fühlen sich durch die Pandemie sehr belastet: Wir dürfen nicht feiern, durften unsere Familie nicht sehen, nur eingeschränkt reisen. All das, was den Menschen Kraft und Halt gibt, ist weggebrochen. Hinzu kommt, dass wir diese Erfahrung mit der Pandemie nicht kennen, weil es so ein Ausmaß in der Menschheitsgeschichte noch nie gab. Es fällt also schwer, sich unter dem Virus etwas vorzustellen, gerade wenn man nicht selber erkrankt ist oder im unmittelbaren Umfeld. Dann versteht man die ganzen Maßnahmen nicht. Man sucht nach einfachen Lösungen. Aber: Worüber wir hier reden sind Gewalttaten und Straftaten. Man mag sich ja beeinträchtigt fühlen, aber so ein Verhalten ist nicht zu rechtfertigen.

Warum trifft es inzwischen auch Notärzte oder eben Ordnungsamtsmitarbeiter?

Sie repräsentieren auch einen stückweit den Staat. Vor allem auch Ordnungsamtsmitarbeiter repräsentieren eine Behörde, die auch Gewalt anwenden darf und Befugnisse hat.

War diese steigende Aggressivität auch vor der Pandemie schon bemerkbar?

Man hat auch vor der Pandemie immer wieder gehört, dass diese Berufsgruppen mal beschimpft oder angegriffen wurden, aber das waren Einzelfälle, die es immer wieder gab. Die Menschen fühlten sich dann in ihrer Freiheit eingeengt, weil sie Platz machen mussten. In meinen Augen ist dies auch ein stückweit durch die politische Situation befeuert worden, zum Beispiel durch Donald Trump, der dezidiert den Staat in Gänze infrage gestellt hat. Solche Protagonisten gibt es ja auch in Deutschland.

Was empfehlen sie Menschen, die merken, dass sie schnell aggressiv werden?

Wir alle fluchen lauthals beim Autofahren und beschimpfen Menschen in einer Art und Weise, in der wir nie mit ihnen reden würden. Man darf auch in seiner Fantasie alles Mögliche tun – aber eben nur in der Fantasie. Man kann die berühmte Faust in der Tasche machen. Ansonsten hilft Sport sehr gut gegen Aggressionen. Andere Möglichkeiten sind die Musik mal laut aufzudrehen oder kalt duschen zu gehen. Damit werden die Sinnesreize umgelenkt, was auch sehr hilfreich ist.

Kann diese Situation denn noch weiter eskalieren? Oder gibt es auch eine Möglichkeit, dass wir alle wieder sozialer werden?

Es ist sehr zu hoffen, dass es wieder besser wird, weil es nicht anders geht. Wir können die Augen nicht davor verschließen, dass dies alles globale Probleme sind: Die Klimakrise ist global, Corona ist global, Armut ist global. Wir dürfen uns nicht nur darauf konzentrieren, was mit uns und den Menschen links und rechts von uns passiert. Sozialer werden ist inzwischen eine Überlebensfrage, wenn man mal die Klimakrise zum Beispiel betrachtet. Ich glaube aber, dass sich das auch wieder entspannt, wenn die Pandemie in den Griff bekommen wird. Respekt und Rücksichtnahme sind leider Begriffe, die aus der Mode gekommen sind. Dennoch wünscht sich jeder von uns genau dies.

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
1993 in Werne geboren. Habe Geschichte und Religionswissenschaften an der Ruhr-Uni Bochum studiert. Seitdem ich 15 bin bei Lensing Media: Angefangen in der Lokalredaktion Werne, inzwischen fast nur noch als Freie Mitarbeiterin in der Stadtredaktion Dortmund.
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