„Professionelle Abzocker“ nutzen in Dortmund die Wespenplage aus

dzUnseriöse Kammerjäger

Derzeit gibt es ungewöhnlich viele Wespen. Das bringt dubiose Kammerjäger ins Spiel: hohe Rechnungen, schlechte Arbeit. Eine Dortmunderin erzählt, wie sie professionell abgezockt wurde.

Dortmund

, 17.07.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es summt und brummt – und wenn es ganz schlecht läuft, dann sticht es. Immer mehr Wespen bevölkern die Dortmunder Gärten und Hausfassaden.

Bereits im Juni prophezeite Imker Ralf Schmidt aus Sölde „eine Plage, wie ich sie noch nie erlebt habe.“

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Viele Wespen sind unterwegs - und das bringt weitere unliebsame Hausbesucher ins Spiel: unseriöse Kammerjäger, die viel zu viel Geld für viel zu schlechte Arbeit verlangen. Immer häufiger bekomme er das zu hören, sagte der Imker jetzt, Mitte Juli.

„Das einzig professionelle war, wie der mich abgezockt hat“

„Ich habe mich leider nicht richtig schlau gemacht“, klagt Sigrid Czyrt aus Sölde. Die 64-Jährige ist Opfer eines solchen Bauernfängers geworden. Als sie am Montag (13.7.) aus dem Urlaub gekommen war, habe sie ein Loch in ihrem Rasen entdeckt. Dort flogen munter Wespen ein und aus.

„Ich hatte Angst um meine freilaufenden Katzen“, sagt sie. Über das Internet habe sie nach Schädlingsbekämpfern in der Nähe gesucht. Etwa vier Stunden nach ihrem Anruf sei ein junger Mann gekommen, erzählt Czyrt.

Unprofessionell sei er gewesen. „Das einzig Professionelle war, wie der mich abgezockt hat“, sagt sie. Ohne Dienstkleidung und auch ohne Mund-Nasen-Schutz sei er in ihr Haus gekommen.

Eine Maske setzte er dann aber doch noch auf. Und zwar als er sich daran machte, ein Mittel gegen die unliebsamen Gäste in das Loch im Boden zu sprühen.

Die Wespen seien aggressiv und erfordern ein starkes Mittel, habe der Mann gesagt. „Das war ein riesiger Schaumberg“, sagt Sigrid Czyrt, die mit ihren Katzen im Haus bleiben sollte.

Beträge bis 150 Euro laut Verbraucherzentrale üblich

Vorher ließ er sich noch einen Vertrag unterschreiben - auf dem noch kein endgültiger Preis festgehalten war. Vorgemerkt waren zu diesem Zeitpunkt aber schon die Arbeitspauschale von 109 Euro und die Einsatzpauschale von 40 Euro.

Hinzu komme noch der Preis für das Mittel, habe er gesagt. Was den genauen Preis anging, habe er jedoch herumgedruckst.

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Mit einem Betrag von circa 150 Euro habe sie gerechnet, sagt die Frau aus Sölde. Das ist auch der Betrag, den die Verbraucherzentrale für Einsätze ohne größeren Aufwand für üblich erachtet.

Rechnung beträgt fast 500 Euro

Nach getaner Sprüh-Arbeit, die laut Sigrid Czyrt nur wenige Minuten gedauert habe, füllte der Mann den Vertrag weiter aus und sagte, sie könne nur direkt bar oder mit EC-Karte bezahlen.

„Da hab ich nicht richtig aufgepasst“, ärgert sich die Dortmunderin im Nachhinein. Denn erst nachdem sie per Karte an seinem Lesegerät bezahlt hatte, erkannte sie den Betrag auf der Rechnung.

„Ich dachte, ich seh‘ nicht richtig“, sagt Sigrid Czyrt. Statt der „üblichen“ 150 Euro hatte sie 497,06 Euro bezahlt: „Ich war richtig perplex.“

Rechnung wirft einige Fragen auf

Darauf angesprochen, habe der junge Mann gesagt, dass er mehr Mittel habe einsetzen müssen als gedacht. Auf der Rechnung, die der Redaktion vorliegt, sind drei Spraydosen für je 59,90 Euro vermerkt. Und eine halbe Stunde Arbeitszeit – „was nicht stimmt“, wie Czyrt sagt. „Der war keine Viertelstunde da.“

Dazu kommt: Die Einsatzpauschale von 40 Euro scheint zweifach berechnet worden zu sein. Plus Mehrwertsteuer ergibt das am Ende jenen Betrag von fast 500 Euro.

Eine lebendige Wespe kommt einen Tag nach dem Spüh-Einsatz aus dem Loch in Sigrid Czyrts Garten. Das ist allerdings nicht unbedingt unüblich - es könnte auch eine Nachzüglerin sein, die ausgeflogen war.

Eine lebendige Wespe kommt einen Tag nach dem Spüh-Einsatz aus dem Loch in Sigrid Czyrts Garten. Das ist allerdings nicht unbedingt unüblich - es könnte auch eine Nachzüglerin sein, die ausgeflogen war. © Sigrid Czyrt

Die Rechnung stammt von einer Baufirma aus Düsseldorf, die auf der Internetseite, auf die Sigrid Czyrt bei ihrere Suche gestoßen war, nicht auftaucht. Eine Telefonnummer steht nicht dabei. Der „Monteur/Techniker“, der vor Ort war, ist nur mit Vornamen angegeben.

Nach kurzer Internetrecherche stößt man auf viele Kommentare zu der besagten Firma, die ein ähnliches Bild wie bei Sigrid Czyrt abgeben: teure Rechnungen, schlechte Arbeit.

Thema taucht bei der Verbraucherzentrale immer wieder auf

„Das ist immer ein Jahreszeiten-Thema“, sagt Rafael Lech, Leiter der Dortmunder Beratungsstelle der Verbraucherzentrale. Dort kennt man das Thema gut und hat immer wieder damit zu tun. Alle Jahre wieder, sozusagen. Ob Wespenplage oder nicht.

Tipps der Verbraucherzentrale

Schutz vor Abzocke

  • Die Verbraucherzentrale gibt auf ihrer Internetseite (www.verbraucherzentrale.de) Tipps, um sich vor Abzocke zu schützen.
  • Man sollte genau auf die Telefonnummer achten und auf Anbieter mit Festnetznummern aus der Region setzen. „Beauftragen Sie niemanden, der nur eine 0800-Nummer oder Handynummer angibt“, heißt es da.
  • Bei der Internetsuche empfiehlt es sich immer, auf das Impressum zu klicken. So kann man erfahren, ob der Anbieter tatsächlich in der Nähe sitzt.
  • Auch vom sofortigen Bezahlen rät die Verbraucherzentrale dringend ab. Die Rechnung eingehend zu prüfen, sei ein gutes Recht der Verbraucher.

„Ein grundsätzlicher Tipp: Man sollte über den Preis sprechen und sich drei oder vier Angebote einholen“, rät Lech. Und man solle lieber auf den Experten vor Ort setzen. „Wenn Sie telefonisch in einer Zentrale landen, ist das schon komisch“, sagt er.

Auch von Firmen, bei denen der Vermerk „in Gründung“ zu finden ist, solle man lieber Abstand nehmen. „Das bedeutet oft: der macht das schwarz“, sagt Rafael Lech.

Denn das Gewerbe ist dann nicht angemeldet – und die Ansprüche des Verbrauchers im Nachhinein durchzusetzen, werde schwierig, weil es keinen wirksamen Vertragsschluss gebe.

Wespen stehen unter Artenschutz

„Im Zweifel weiß man bei unseriösen Kammerjägern auch nicht, was die sprühen“, sagt der Verbraucherberater. „Man sollte sich das Mittel immer benennen lassen.“

Ein weiteres Problem, auf das die Verbraucherzentrale auf ihrer Homepage aufmerksam macht, ist, dass Wespen unter Artenschutz stehen. Ein seriöser Experte kann einschätzen, ob die Wespen überhaupt umgesiedelt oder getötet werden dürfen.

Bei Sigrid Czyrt macht sich Resignation breit. Von ihrer Bank habe sie schnell ihre Karte sperren lassen. Auf das Loch im Garten habe sie einen großen Stein gelegt. „Ich schätze, dass ich da gar nichts machen kann“, sagt sie. Doch ihr sei es wichtig, andere Leute darauf aufmerksam zu machen.

Am Donnerstagabend (16.7.) meldet sie sich nochmal: Das Loch in ihrem Rasen ist ein paar Tage nach der Sprüh-Aktion wieder dicht mit Wespen besiedelt.

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