Seit Jahren sind der Deutschen Post AG die Diebstähle aus kleinen Briefdepots in ihren Zustellbezirken bekannt. Viele Taten zeigte sie laut Polizei nicht an. Das ist nicht die einzige Panne.

Dortmund

, 03.11.2018, 04:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schon seit vielen Jahren plündern Kriminelle bundesweit die kleinen Ablagekästen der Deutschen Post AG, um Briefe nach EC- und Kreditkarten und passenden Persönlichen Identitätsnummern (PIN) abzusuchen. Mit gestohlenen oder im Darknet georderten Originalschlüsseln können sie die Depots in den Zustellbezirken der Deutschen Post AG ohne Gewalt öffnen. Der Post sind diese Fälle seit Jahren auch bekannt. Sie spricht von „Einzelfällen“. Doch nicht immer habe sie die Polizei eingeschaltet, berichtete ein Ermittler vor dem Amtsgericht in Witten. Selbst dann nicht, wenn eigene Post-Mitarbeiter einen Täter beobachteten.

Auf Diebstähle spezialisiert

Rund um den, vor dem Wittener Amtsgericht verhandelten, Fall eines Kriminellen ist zu erkennen, dass es die Polizei bei Nachforschungen offenbar nicht leicht hat: „Die Post hält sich bedeckt und zeigt nur selten an. Nur auf Drängen und Anfragen erklärte sie, dass da was faul ist“, berichtete ein Ermittler der Dortmunder Polizei als Zeuge im Prozess. In Witten angeklagt ist ein junger Mann, der auf Diebstähle aus „Postablagekästen“ spezialisiert gewesen sein soll. Derzeit sitzt der Angeklagte wegen anderer Taten in Untersuchungshaft. Sein Name taucht in weit mehr als 100 Computereinträgen der Polizei auf. „Aber dafür im Gefängnis gesessen hat er noch nie“, sagte der Kriminalbeamte.

Wie arbeiten die Täter? Dieser Text aus unserem Archiv zeigt die Arbeitsweise:

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Wie lukrativ die Diebstähle sein können, zeigte sich bei einer Tat im Jahr 2016 am Helenenbergweg im Dortmunder Stadtteil Barop: In dem Bezirk entwendeten unbekannte Täter erst eine EC-Karte und kurz darauf auch eine PIN - sie konnten an Geldautomaten über sechs Wochen verteilt 52.000 Euro abheben. Die Brief-Diebstähle vom Helenenbergweg zeigte die Post nicht an. Die Polizei erfuhr erst davon, als die Geschädigte die illegalen Geldabhebungen anzeigte. Mühsam arbeitete sich die Kriminalpolizei vor. Recherchen führten von den Briefkästen der rechtmäßigen Besitzer der Karten in die großen Verteilzentren der Post. Dass die vielen 1000 kleinen grauen Depots an den Straßenrändern in NRW die Schwachstellen sind, teilte die Post erst spät mit. Ihr Schweigen schützte die Täter, die ungestört weiterarbeiten konnten. Die Absender und Adressaten hatten nie eine Chance, vom „Verlust“ der Karten zu erfahren und die Karten oder Konten zu sperren.

Bei Ikea, im Aldi und im Baumarkt

Der in Witten angeklagte Mann soll laut Staatsanwaltschaft Bochum weit mehr als 1000 Briefe gestohlen und mit erbeuteten Karten Werkzeuge und Laptops gekauft und anschließend gegen Bargeld umgetauscht haben. Bei Ikea in Dortmund habe er mit seiner eigenen EC-Karte gezahlt - Wochen, nachdem die Commerzbank das Konto gekündigt hatte. Seine Verlobte ist bereits wegen Betrugs mit EC-Karten verurteilt worden. Ihre Wohnung durchsuchte die Bochumer Polizei. Dort lebte auch der Angeklagte. Ermittler stellten in Ablagekästen passende Schlüssel und in einem Plastikbeutel verstaute und zerschnittene EC- und Kreditkarten sicher. Doch auf wundersame Weise kamen diese mit Fingerabdrücken und anderen Spuren behafteten Beweismittel nie in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft Hagen an. Zeugenaussagen belasten den Angeklagten dennoch: Der Bruder seiner Verlobten gab vor Gericht an, EC-Karten mit fremden Namen in der Wohnung gesehen zu haben - gelagert in gelben Transportkästen der Deutschen Post AG. Ein Kurierfahrer, der für 20 bis 30 Euro eigentlich Prostituierte quer durchs Ruhrgebiet fährt, gab an, den Tatverdächtigen zu den Depots und zu Baumärkten gefahren und dafür bis zu 30 Euro erhalten zu haben.

Täter gesehen, aber die Polizei nicht informiert

In einem Gespräch mit einem Kriminalbeamten räumte die Post schließlich ein, „selber große Probleme“ zu haben. Schon 2015 seien kleine Depots am Straßenrand in Kamen ausgeräumt worden. Dazu kommen Taten in Hattingen, Witten, Dortmund und Bochum. Mit eigenem Personal observierte die Post eine Ablagestation am Straßenrand in Witten. Das Depot war zuvor mehrfach ausgeräumt worden. Im Einsatz war kein Detektiv, sondern ein IT-Fachmann der Post aus Lüdenscheid. Bei seinem ersten Einsatz dieser Art hatte er großes Glück: Er beobachtete den Dieb bei der Tat und nahm Fotos auf. Vor Gericht erkannte er den Angeklagten wieder.

Die Observation sei wohl ein „Volltreffer“ gewesen, merkte die Richterin am zweiten Tag des Prozesses gegen den Angeklagten an. Doch den Polizei-Notruf verständigte der Mitarbeiter damals nicht - doch nach einem Anruf unter der allseits bekannten Nummer 110 hätte die Polizei den Täter stellen, die Beute abgreifen und weitere illegale Einkäufe mit gestohlenen EC-Karten und hohe Geldschäden verhindern können. Ein Post-Sprecher sagte, man habe anschließend Kontakt zur Polizei gehabt. Wie immer, habe man Anzeige erstattet, wenn gesicherte Erkenntnisse über einen Diebstahl vorgelegen hätten.

Probleme bei den Ermittlungen

Wer illegal Postdepots ausräumt, begeht einen besonders schweren Diebstahl. Die Kriminalkommissariate in den Polizeipräsidien haben bei den Ermittlungen ein Problem: Dieser spezielle Tatort wird statistisch nicht gesondert erfasst, sodass Zusammenhänge zu anderen Taten bei einfach Abfragen am Computer nicht erkennbar sind. Weitere Angaben wollte die Post-Pressestelle in Düssseldorf aus Sicherheitsgründen nicht machen.

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Das Amtsgericht Witten muss weitere Zeugen hören, darunter einen Sicherheitsbeauftragten der Deutschen Post AG.
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