Unter Polizeischutz sind die „Nazi-Kiez“-Graffiti in Dorstfeld übermalt worden. Seitdem ist ständig Polizei vor Ort. Unser Autor meint: Richtig so. Der Einsatz ist jeden Cent wert.

Dortmund

, 14.09.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stadt Dortmund ist für zwei Dinge besonders bekannt: Für den BVB natürlich, durch den auch Menschen in Mexiko oder Australien über Dortmund reden. Zumindest innerhalb Deutschlands ist die Stadt aber auch für ein deutlich unangenehmeres Thema in aller Munde: Rechtsextremismus.

Ich bin in Dortmund aufgewachsen und habe in den vergangenen Jahren in Bremen, München und Mainz gewohnt. Erzählt man in diesen Städten, dass man aus Dortmund kommt, hört man nicht selten die Frage, wie es denn da so sei. Nein, das graue, verqualmte Ruhrgebiet ist schon lange nicht mehr gemeint. Sondern Dorstfeld alias: „Da, wo die ganzen Nazis unterwegs sind“.

Noch in der vergangenen Woche hat NRW-Innenminister Herbert Reul wieder betont: Was den Rechtsextremismus angeht, ist Dortmund NRW-weit ein absoluter Hotspot. Nirgendwo sonst gibt es so viele konzentriert agierende Neonazis im Land.

Mit gutem Grund ist Thor Steinar im Stadion verboten

Rund 200 Personen haben in der vergangenen Woche gegen den neuen Thor-Steinar-Laden Tønsberg am Brüderweg demonstriert. Mit gutem Grund sind die Klamotten dieser Marke im Westfalenstadion verboten. Die Symbolik der Marke und schwarz-weiß-rote Farben richten sich bewusst an Rechtsradikale.

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Wer diese Kleidung kauft, solidarisiert sich mit Neonazis. Pullover sind eben nicht unpolitisch, wenn „Move in the right direction“ draufsteht: „Beweg dich in die rechte Richtung“. Und anders, als manche Kommentatoren auf unserer Facebook-Seite meinen: Wenn alle Nazis jetzt Adidas trügen, wäre das durchaus etwas anderes. Das macht Adidas nicht so zur Nazi-Marke, wie das bei Thor Steinar der Fall ist.

Extremisten nutzen jede sich bietende Lücke

„Kein Fußbreit den Faschisten“ ist ein Spruch, der häufig auf Plakaten bei Anti-Nazi-Demos zu sehen ist. Lässt man nämlich einen Fußbreit Platz, drängeln sich die Rechtsextremisten in diese Lücke und machen sich darin breit, bis sie mehr und mehr Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. So ein Thor-Steinar-Laden mitten in der Innenstadt ist schon ein extrem fortgeschrittenes Stadium des Sich-Breitmachens.

So passiert es dann plötzlich, dass in Hessen ein NPD-Mann aus heiterem Himmel Ortsvorsteher wird, nur weil er offenbar der einzige ist, der E-Mails verschicken kann. Ja, ein gewisser Stefan Jagsch ist dort sozusagen Bezirksbürgermeister geworden, weil kein anderer wollte, weil keiner jung genug ist und weil er der Einzige sei, der sich mit Computern auskenne, heißt es im Bemühen, zu erklären, was da passiert.

Die Mauer in Dorstfeld ist mehr als irgendeine Wand

Auf einmal werden Neonazis in der Öffentlichkeit normal. Seit einigen Jahren werden Aussagen öffentlich akzeptiert, die schlicht und einfach verfassungsfeindlich sind. Und wer gegen das deutsche Grundgesetz verstößt, hat im politischen Diskurs nichts zu suchen.

Solche Nachrichten sind es, deretwegen Dortmunds aktuell bekannteste Wand mehr als eine Wand ist. Bis zur vergangenen Woche prangten an der Emscherstraße in Dorstfeld Graffiti mit der Aufschrift „Nazi Kiez“.

Jahrelang war diese Beleidigung für einen ganzen Stadtteil dort zu lesen, niemand unternahm etwas. Dortmund kam bundesweit ausgesprochen negativ in die Schlagzeilen, in vielen Video-Dokumentationen ist die beschmierte Wand noch zu sehen.

Die Polizisten an der Wand erfüllen eine wichtige Aufgabe

Jetzt konnte der Dorstfelder Bezirksbürgermeister den Eigentümer der bemalten Wand davon überzeugen, die Schriftzüge übermalen zu lassen. Und seitdem das passiert ist, ist ständig Polizei vor Ort zu sehen. Zu befürchten steht, die Rechtsextremen wollten die Wand zurückerobern.

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Als Dortmunder Bürger zahle ich diesen Polizeieinsatz gerne. Natürlich würde grundsätzlich jeder Bürger jeweils andere Prioritäten bei der Einteilung der Polizeikräfte setzen. Der eine will mehr Verkehrskontrollen in seinem Vorort, der andere will Polizisten auf die Jagd nach Hundekot-Sündern ansetzen. Natürlich soll vor allem an Brennpunkten viel Polizeipräsenz gezeigt werden, wenn das für die Kriminalitätsbekämpfung sinnvoll ist.

Aber die wenige Belegschaft, die an der Emscherstraße eingespannt ist, erfüllt dort auch eine wichtige Aufgabe. Sie beschützt symbolisch das bunte Bild unserer Stadt gegen braune Beschädigung. Rund 2000 Polizisten gibt es in Dortmund. Wenn jeder Tausendste von ihnen vor einer Graffitiwand eingesetzt wird, kann ich damit sehr gut leben.

Das neue Anti-Nazi-Wandbild dient dem Image der Stadt

Das eigentlich Tragische ist, dass es in unserer Stadt so weit kommen konnte, dass solch ein Einsatz überhaupt nötig ist. Aber: Wir arbeiten alle zusammen dran. Zum Beispiel mit dem neuen Anti-Nazi-Wandbild.

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