Der Polizeibeamte Philipp Kremer demonstriert den Einsatz eines Distanzelektroimpulsgeräts (DEIG), das unter dem Namen Taser bekannt ist. © Stephan Schütze/Bearbeitung: Leonie Sauerland
Meinung

Polizei-Taser zuerst in der Nordstadt: Warum das zum Problem wird

Die Polizei in Dortmund bekommt Taser und setzt diese zunächst nur in der Nordstadt ein. Unser Autor meint: Diese Entscheidung wirft unangenehme Fragen auf und kann zum Problem werden.

In einem Modellversuch wird die Polizei in Dortmund als eine von vier Behörden mit Tasern ausgestattet. Die Elektroschock-Pistolen sollen das mildere Mittel gegenüber der Schusswaffe sein und gelten als „nicht-tödliche Waffe“.

Sie dienen zum Schutz der Polizisten in „statischen Situationen“. Taser werden also nicht eingesetzt, wenn Polizisten einer Menschengruppe gegenüber stehen, sondern, wenn Personen ohnehin schon festgesetzt sind, aber gegebenenfalls Widerstand leisten.

Das Handeln der Polizei genau hinterfragen

Widerstand gegen Polizisten ist dumm und eine Gefahr für die Beamten. Und deshalb nichts, was verteidigt gehört. Für Straftaten gilt das schon gar nicht.

Das bedeutet aber nicht, dass Entscheidungen der Polizei nicht genau beobachtet und hinterfragt werden müssen.

Erstaunlich offen hat die Polizei Dortmund am Freitag (15.1.) mitgeteilt, dass sie die Taser zuerst in der Nordstadt einsetzen wird. Dort gebe es besonders häufig Widerstand gegen Polizeieinsätze, argumentiert Polizeipräsident Gregor Lange.

„Wo denn sonst?“ oder „Warum nur hier?“

Der erste polizeilich autorisierte Taser-Schock der Dortmunder Geschichte wird also irgendwo zwischen Borsigplatz und Hafen ausgeführt. „Wo denn sonst?“, lautet eine erste Reaktion vieler Dortmunder darauf. Schließlich ist der Norden Dortmunds seit Jahrzehnten ein Kriminalitätsschwerpunkt.

Dass der Start in der Nordstadt so explizit erwähnt wird, ist aber zugleich irritierend. Schließlich ist es die Polizei selbst, die nicht müde wird zu betonen, wie sicher die Nordstadt geworden ist.

Dass jetzt Beamte weiter bewaffnet werden, passt nicht in diese Erzählung. Ebenso wenig wie die Videobeobachtung an der Münsterstraße oder die Einstufung des gesamten Stadtteiles als „gefährlicher Ort“.

Ist die Nordstadt jetzt sicher oder nicht?

Alle Maßnahmen sind Bausteine im Gesamtkonzept für die Nordstadt. Einem Stadtteil, in dem Polizisten zweifelsohne anderen Situationen ausgesetzt sind als in Eichlinghofen. Sinkende Fallzahlen bestätigen die Strategie im Großen und Ganzen.

Aber warum dann die Taser? Darf der zu einem erheblichen Teil von zugewanderten Menschen bewohnte Dortmunder Norden zum Experimentierfeld für eine Waffe werden, deren Ungefährlichkeit von vielen bestritten wird?

Das ist zumindest eine streitbare Entscheidung. Denn die Strategie „Taser zuerst für Straftäter in der Nordstadt“ lässt sich auch ganz anders lesen.

Der Taser-Modellversuch und der Vorwurf des „Racial Profiling“

Nämlich als Bestätigung für diejenigen, die der Polizei „Racial Profiling“, also einen deutlichen Schwerpunkt auf Kontrollen von Menschen mit ausländischem Aussehen, vorwerfen.

Bisher lautet die offizielle Antwort auf die Frage, ob es „Racial Profiling“ gibt, stets: Nein, die Kontrollen beruhen auf Erfahrungswerten der Kollegen.

Es gibt aber auch in Dortmund zahlreiche Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die von anlasslosen Kontrollen aufgrund ihres Aussehens berichten.

Die Ankündigung des Taser-Einsatzes weckt deshalb auch die Befürchtung: Probiert man an Menschen in der Nordstadt erst einmal aus, wie Taser wirklich wirken, bevor in Aplerbeck oder Lanstrop der Elektroschock droht?

Jeder Polizist verdient Vertrauen – aber Fragen müssen sein

Jeder Polizist verdient das Vertrauen, dass er den Taser richtig einsetzt. Aber zugleich muss sich die Polizei kritischen Fragen offen stellen. Gerade in einer Zeit, in der Gewalt und struktureller Rassismus in der Polizei zu recht viel diskutierte Themen sind.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth
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