Pkw-Diebstahl ohne Spuren: Täter überlisten die Bordelektronik von Keyless-Systemen

dzKeyless-System

Die Zahl der Pkw-Diebstähle geht in Dortmund zurück. Doch die Täter sind nahezu täglich unterwegs. Mit Technik überlisten sie moderne Bordelektronik. Gute Nachbarschaft kann Taten verhindern.

Dortmund

, 06.09.2018, 04:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie bei nahezu allen Straftaten sinkt in Dortmund auch die Zahl der Pkw-Diebstähle. Doch Besitzer von teuren Fahrzeugen mit modernen elektronischen Schließystemen („Keyless“) müssen aufpassen: Auf diese Systeme spezialisierte Diebe können unerkannt die Funkdaten abfangen und in einem sicheren Augenblick die Tür entriegeln, einsteigen, starten und losfahren.

So geschehen im August 2018 bei einem Mercedes im Bergrosenweg in Brünninghausen. Einige Tage später fahndete die Polizei nach einem Mercedes-Diebstahl an der Schondellestraße in Lücklemberg nach zwei Dieben. Pkw-Diebstähle ereignen sich nicht nur in den Süd-Stadtteilen. „Das verteilt sich auf die ganze Fläche“, sagt Polizeisprecherin Cornelia Weigandt.

Wie oft die Diebe das Keyless-System hacken, kann die Dortmunder Polizei nicht sagen. Denn die Autos sind über alle Berge und die digitalen Spuren unsichtbar. Allerdings fehlen andere Spuren wie zersplittertes Glas am Straßenrand, das auf einen Aufbruch und einen Kurzschluss nach alter Schule hinweist.

Diebe fangen Funkdaten ab

Das Bundeskriminalamt berichtete schon 2016 vom „immer häufiger festgestellten Modus Operandi“, mit dem die Täter die Funkdaten zwischen Schlüssel und Pkw abfangen, speichern und sich dann elektronisch als rechtmäßiger Besitzer des Pkw ausgeben können.

Dabei haben sie leichtes Spiel: Der Pkw-Schlüssel sendet permanent ein Signal, um mit dem Fahrzeug zu kommunizieren. Sobald sich der Besitzer dem Fahrzeug nähert, entriegelt das Keyless-System den Wagen – den Motor startet der Fahrer per Knopfdruck. Hängt der Pkw-Schlüssel am Schlüsselbrett direkt neben der Eingangstür, können die Scanner die Funkdaten leicht abfangen. Die Diebe fahren los, ohne den Pkw vorher beschädigen zu müssen.

Pkw-Diebe sind international unterwegs

Das BKA erkennt einen „hohen Professsionalisierungsgrad organisierter Gruppierungen“ und kann inzwischen sogar die Transportrouten nachvollziehen. Von Deutschland geht es über

  • Osteuropa nach Zentralasien,
  • die Balkanroute in den Nahen und Mittleren Osten / Zentralasien,
  • den Seeweg nach West- und Nordafrika und Südostasien.

Das Bundeskriminalamt konnte feststellen, dass die Türkei „zu einem wichtigen Transportweg für entwendete Fahrzeuge“ geworden ist. Von dort aus erfolgt der Absatz in Zentralasien und im Nahen und Mittleeren Osten. Bekannt ist auch die Verschiebung der rollenden Beute über europäische Häfen in Belgien (Antwerpen), Niederlande (Rotterdam), Frankreich (Marseille) und Italien (Triest).

Berlin und NRW bei den Diebstählen an der Spitze

In Deutschland wurden 2017 knapp über 19.000 Pkw (-0,9 Prozent) und 1190 Lkw (-22,4 %) „dauerhaft“ gestohlen. Brennpunkt ist im Bundesgebiet die Bundeshauptstadt Berlin, allerdings sind die Zahlen dort um 235 Fälle (=-4,8 Prozent) gesunken. Im Bundesländer-Vergleich sind Berlin mit 4620 Kfz-Diebstählen und Nordrhein-Westfalen mit 4249 Diebstählen die Spitzenreiter, gefolgt von Brandenburg (1428) und Sachsen (1303).

Im Fünf-Jahres-Vergleich gehen die Zahlen in Dortmund stärker zurück als im NRW-Durchschnitt:

  • 2013: 336
  • 2014: 293
  • 2015: 305
  • 2016: 292
  • 2017: 272

Zum Vergleich: In der Ruhrgebietsstadt Essen wurden im vergangenen Jahr 266 Pkw gestohlen. Dortmund und Essen sind wegen nahe beieinander liegender Einwohnerzahlen gut vergleichbar.

Bundesweit bei den Diebesbanden besonders beliebt sind deutsche Hersteller. In einem Informationssystem der Polizei führen Volkswagen, Audi, Porsche. BMW und Mercedes führen die Liste an. Die Täter brechen die Autos nicht nur auf oder wenden die Hacker-Methode an: Auch die Unterschlagung von teuren Mietfahrzeugen ist längst etabliert. Mit gefälschten Ausweisen mieten die Täter die Autos bei Verleihfirmen an. Dann geht`s auf den Transportrouten ins Ausland.

Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 16.952 Tatverdächtige ermittelt. 60 Prozent sind Deutsche. Unter den ausländischen Tatverdächtigen dominieren laut BKA Polen, Türken, Rumänen und Litauer. Die Aufklärungsquote ist in Dortmund gering. 2017 konnte die Polizei in 16 von 100 Fällen eine Tat aufklären.

Diebe spezialisiert auf Mietfahrzeuge

Laut Bundeskriminalamt ist die Zahl der unterschlagenen Mietfahrzeuge in Deutschland um 21 Prozent gestiegen: im Vergleich 2016 / 2017 auf 408 Pkw. In den meisten Fällen waren es die Marken VW und Mercedes. An den Mietwagen-Stationen haben die Diebe eine Sicherheitslücke erkannt: Sie können Schlüsselbehälter „manipulieren“ und haben Zugriff auf Pkw-Schlüssel, die nach der Fahrzeugrückgabe darin abgelegt worden sind.

Wie können Pkw-Besitzer den Diebstahl verhindern?

Hilflos sind Besitzer teurer Pkw mit dem komfortablen Keyless-System indes nicht. Die Tipps der Polizei:

  • Den Schlüssel so aufbewahren, dass er außerhalb der Reichweite von Funkscannern liegt.
  • Metalldosen können die Daten abschirmen. Der Handel bietet spezielle Behälter an.
  • Besitzer von Keyless-Systemen der neuesten Generation können das System am Schlüssel oder am Bordcomputer deaktivieren.
  • Die Polizei in Hannover rät von der Nutzung des Keyless-Systems ab, weil es „nicht sicher“ sei.
  • Diebe spionieren die Tatorte aus: Wie bei Einbrechern sollten Nachbarn aufmerksam sein und verdächtige Personen dem Notruf 110 melden.

Dieses Video der niedersächsischen Polizei erklärt das Thema ebenfalls:

Professionell organisierte Banden arbeiten international. Ermittlungen des BKA führten in einem Fall aus dem Jahr 2017 nach Österreich, Serbien, Schweden und in die Schweiz. Die Fahrzeugindentifizierungsnummern wurden in Serbien gefälscht und in Deutschland der Verkauf vorbereitet.
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