Petr Sokolov wuchs in bitterer Armut in Sibirien auf – nun singt er an der Dortmunder Oper

dzOpernhaus Dortmund

Petr Sokolov singt im „Barbier von Sevilla“ an der Dortmunder Oper. In Armut in Sibirien aufgewachsen, interessierte Musik den 31-Jährigen lange nicht. Er wollte nur Fahrstühle reparieren.

Dortmund

, 06.10.2018, 04:34 Uhr / Lesedauer: 5 min

Petr Sokolov ist 31, aber von den sibirischen Wäldern schwärmt er wie ein alter Mann. „2000 Kilometer nur Berge und Bäume, nur Wald und kein einziger Mensch. Wunderbar. Wunderbar!“ Während unseres Gesprächs kommt er immer wieder darauf zu sprechen, und jedes Mal nimmt seine Begeisterung noch zu. Sokolov hat Glück gehabt, mit seinem Talent, mit seinen Geschwistern und, womöglich vor allem anderen, mit seinen Eltern. Denn sein Leben begann alles andere als rosig.

„Das Leben in Sibirien war fürchterlich“

„Das Leben in Sibirien nach dem Fall der Sowjetunion“, sagt Sokolov, „war fürchterlich.“ Seine Eltern hatten kaum Geld, oft reichte es nicht mal für etwas Brot. „Wir hatten gar nichts.“ Trotzdem, sagt Sokolov, als er klein war, kamen sie noch irgendwie über die Runden. Mit seinem älteren Bruder ging er immer wieder mal in den Wald, Nüsse sammeln.

Mit Stöcken schlugen sie gegen die Stämme der Zirbelkiefern und fingen die herunterfallenden Samen, die Zedernüsse, mit Tüchern auf. Die aßen sie und verkauften den Rest auf dem Markt im Dorf. „Das war gutes Geld“, sagt Sokolov. „Nicht viel, aber gut.“ Und wie sie damals im Wald übernachtet haben. Wie kalt es morgens war, wie sie am Feuer saßen und heißen Tee tranken, während der Tag um sie herum erwachte, kein Mensch da, nur sie und der Wald, wilde Ziegen und ein paar Elche. Nie werde er das vergessen. „Wundervoll.“

Seine Mutter, eine gläubige Katholikin, verstand es jedoch als ihre christliche Pflicht, viele Kinder zu bekommen. Das machte ihn wütend. Er sagte zu ihr: „Mutter, was tust du? Wir haben doch nicht genug für uns!“ Seine Eltern bekamen insgesamt acht Kinder, fünf Söhne, drei Töchter. Petr ist der Drittälteste.

Petr Sokolovs Vater war nicht bereit aufzugeben

Aber Sokolovs Vater, ein Physiker, war nicht bereit aufzugeben. Und er war erfindungsreich. Er pflanzte Gemüse an. Nach und nach besorgte er Kühe, im Laufe der Jahre wurden es etwa 20, dann hatten sie Milch und Fleisch. Er entwickelte ein Gewächshaus, in dem bereits im Mai die Tomaten reif waren, die auf dem Markt Geld einbrachten. „Unser Leben“, sagt Sokolov, „änderte sich dadurch sehr.“

Die Kühe brauchten Futter, sie bestellten ein Feld für das Heu. Maschinen waren zu teuer, sie schoren das Heu mit Sensen vom Feld, 30 Mal den Lastwagen voll für einen Winter.

Petr Sokolov wuchs in bitterer Armut in Sibirien auf – nun singt er an der Dortmunder Oper

Dieses Foto zeigt Petr Sokolov im Alter von etwa 20 Jahren auf dem Feld seines elterlichen Hofs bei der Heuernte © Petr Sokolov

Mit seinen Geschwistern arbeitete er mit. Wenn er aus der Schule kam, gegen 14 oder 15 Uhr, fand er jeden Tag eine neue Aufgabenliste vor, die sein Vater ihm geschrieben hatte. Aber er wollte lieber Computer spielen. Am liebsten Strategiespiele, zum Beispiel „Medieval Total War II“. Er wusste, sein Vater würde gegen 18 oder 19 Uhr nach Hause kommen. Wenn er dann die Aufgaben nicht erledigt haben würde, würde der Vater sehr zornig werden.

Manchmal nahm der Vater dann seinen Gürtel und verprügelte ihn damit. Er wusste auch, wenn er sich anstrengen würde, könnte er die Liste in 30 oder 60 Minuten abarbeiten. Also spielte er bis zur letzten Minute, „und dann arbeitete ich wie ein Tier“. Meistens schaffte er es rechtzeitig.

Zwei Tonnen Kuhfladen schaufelte Sokolov in einer Stunde

Manchmal stand auf der Liste, er solle den Lastwagen mit Kuhfladen vollmachen. Zwei Tonnen Kuhfladen, mit der Schaufel auf die Ladefläche, eine schwere Arbeit. Als er 17 war, schaffte Sokolov das in einer Stunde. Weil er so gern möglichst lang am Computer spielte, musste er sich anschließend halt beeilen, sagt er. „Meine Brüder lachten sich kaputt deswegen.“ Das Geld für den Computer hat Sokolov selbst verdient. Manchmal arbeitete er für Nachbarn, bei der Ernte oder im Stall. Dieses Geld durfte er für sich behalten.

Sein Vater arbeitete immer. Er stand um vier Uhr auf, versorgte die Kühe, und fuhr mit dem Zug 70 Kilometer zur Arbeit nach Irkutsk. Abends kam er zurück, aß, und arbeitete bis Mitternacht. Jeden Tag.

Von seinen Kindern verlangte er das gleiche. „Ich mochte die Arbeit nicht. Ich wollte mit meinen Freunden spielen. Aber mein Vater sah das anders. Am Wochenende stand er um sieben Uhr auf und rief von unten zu uns hoch: ‚Kommt runter, es gibt Arbeit!‘“ Ungefähr als er 14 war, sagt Sokolov, war seine Familie aus dem Gröbsten raus. Ab dann ging es ihnen gut.

Musik interessierte Opernsänger Petr Sokolov früher nicht

Musikinstrumente gab es in seiner Familie immer. Seine Mutter spielte schon Klavier, als er ein Baby war. Seine Geschwister und er spielten Klavier und Cello, und sie sangen auch. Als Teenager traten sie als Band auf, spielten Kompositionen seiner Mutter. „Einfache, schöne Lieder“, sagt Sokolov. „Sie sang sie einfach. Lieder über Familie, über die Welt.“

In dieser Band sang er, obwohl er wenig Lust dazu hatte, und versuchte, wie ein Popsänger zu klingen. „Musik interessierte mich nicht besonders. Aber für meine Familie hab‘ ich halt mitgemacht.“

Nach der Schule wollte er Jurist werden. Seine Mutter redete ihm ins Gewissen, „du hast so eine schöne Stimme, und als Sänger könntest du die Welt kennenlernen“. Also begann er eine Ausbildung zum Sänger, aber nach kurzer Zeit war er nicht mehr sicher, ob das das Richtige sei.

Sibirische Aufzugtechniker: Arbeit, Frau, Kinder, Wodka

Mit 20 nahm Sokolov einen Job als Aufzugtechniker an. „Ich liebte diese Arbeit. Meine Kollegen waren sehr einfache Menschen. Schweigsam und freundlich. Sie arbeiteten, dann gingen sie nach Hause, Frau, Kinder, ein bisschen Wodka. In den Ferien gingen sie fischen. Typische sibirische Männer. Sie lächeln nicht, sie arbeiten und leben einfach. Wenn du ihr Freund bist, kannst du dich absolut auf sie verlassen. Im Winter waren wir wie eine Familie, und für Irkutsker Verhältnisse verdienten wir gutes Geld.“

Damals begann Sokolov, über sein Leben und seine Arbeit nachzudenken. Seine Gesangslehrerin bot ihm für eine kleine Aufführung die Rolle des Ivan Karas in der ukrainischen Oper „Kosak jenseits der Donau“ an. Sokolov machte mit, das Publikum war groß, er kam gut an und merkte: Er kann das und es macht ihm Spaß. Seine Freunde bei der Aufzugfirma sagten: „Warum bleibst du noch bei uns? Geh und mach, was das Richtige für dich ist!“

Manchmal besucht Sokolov sie heute noch. Dann, sagt er, bitten sie ihn jedes Mal, für sie zu singen. Als sein ehemaliger Chef vor Kurzem seinen Geburtstag feierte, rief er Sokolov an, der gerade in Italien ein Engagement hatte. Der Chef sagte, „ich bezahle die Flugtickets, komm zu uns und feier mit uns“. Das sei viel zu teuer, entgegnete Sokolov. Es sei sein Geld, sagte der Chef, Sokolov solle annehmen. Aber er konnte nicht, weil er am selben Tag auftreten musste.

So sind diese Männer, sagt Sokolov. Wenn sie Geld haben, geben sie es gern für dich aus, sie sagen, „komm, trink einen Wodka, überleg nicht lang, ich lade dich ein“.

Opernsänger Petr Sokokolov ist seinen Eltern sehr dankbar

Heute, sagt Sokolov, ist er seiner Mutter sehr dankbar, auch für seine Geschwister. „Ich liebe sie sehr. Ich habe ein paar ganz gute Freunde. Aber meine besten Freunde sind meine Brüder. Ich liebe auch meine Schwestern. Aber es sind nun mal Frauen, sie verstehen mich nicht so gut wie meine Brüder. Mit meinen Brüdern war ich im Wald, wir haben zusammen gearbeitet, mit ihnen habe ich die meiste Zeit verbracht.“

Petr Sokolov wuchs in bitterer Armut in Sibirien auf – nun singt er an der Dortmunder Oper

Vor zwei Jahren verbrachte Petr Sokolov (l.) mit einem seiner Brüder ein paar Tage in der sibirischen Wildnis. © Petr Sokolov

Vor vier Jahren starb sein Vater. Sokolov sagt: „Für mich ist er mein bester Freund.“ „Viele, viele, viele“ seiner Altersgenossen in Sibirien seien heute krank oder bereits tot, weil sie ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen haben und den Drogen verfallen sind. Sein Vater habe dafür gesorgt, dass es seinen Geschwistern und ihm besser ergangen ist. „Er war sehr streng. Aber das war damals das einzig Richtige. Damit rettete er mir das Leben. Heute, in meinem Leben, ist es das nicht mehr. Meine Kinder würde ich niemals schlagen. Niemals.“

„I don‘t change“, sagt der Mann mit den Opernsängerhänden

All das erzählt Petr Sokolov im Foyer des Opernhauses, im Mittagslicht der Herbstsonne, in stockendem Englisch, ruhig, geduldig und freundlich, anderthalb Stunden lang. Ob es etwas gibt, das gleich geblieben ist in seinem Leben, damals auf der Farm und heute als Opernsänger, frage ich ihn. Nein, sagt er. Nur er selbst.

„I don’t change“ – ich verändere mich nicht. Als er vor zwei Jahren in Irkutsk war, habe er auf der Farm mitgearbeitet, „ganz normal“. Dann lacht er, schaut auf seine Hände und sagt, die seien damals voller Schwielen gewesen. „Jetzt habe ich Opernsängerhände.“

Der „Barbier von Sevilla“ feiert am Sonntag (7. 10.) Premiere im Opernhaus, Theaterkarree 1-3. Die Einführung beginnt um 17.15 Uhr, das Stück um 18 Uhr. Karten kosten zwischen 20 und 59 Euro, Tel. (0231) 50 27 22 2, www.theaterdo.de. Weitere, nächste Termine: 10./18./20./26./28. Oktober.
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