Patienten bleiben weg: Jetzt gibt‘s Finanzspritzen für Dortmunder Ärzte

dzCorona-Krise

Dortmunder Ärzte können jetzt fast als erste in ganz Deutschland unter einen Schutzschirm schlüpfen. Finanzielle Hilfen sollen helfen, den teils dramatischen Patientenrückgang aufzufangen.

Dortmund

, 14.06.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in der Region, die statt über 100 Patienten am Tag nur noch 30 behandeln. Der Patientenrückgang in der Corona-Krise ist bei Hausärzten und vor allem aber bei Fachärzten immer noch gravierend.

„Ab Mitte März haben wir einen dramatischen Einbruch erlebt. Sechs Wochen lang fehlten, grob geschätzt, 80 Prozent unserer Patienten“, sagt Sebastian Stoll von der HNO-Praxis Stoll und Dr. Sieling im DOC, dem Dortmunder Centrum für Medizin und Gesundheit an der Kampstraße. Und auch heute sei man noch längst nicht bei der eigentlich normalen Patientenfrequenz angekommen.

Jetzt gibt es Hilfe: die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und die gesetzlichen Krankenkassen in der Region haben gemeinsam und als bundesweit eine der Ersten den Schutzschirm für Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten gemäß der gesetzlichen Vorgaben beschlossen.

90 Prozent des Vorjahreshonorars werden garantiert

Wie in einer gemeinsamen Presseinformation mitgeteilt wird, ist es das Ziel des nun beschlossenen Schutzschirms, Praxisschließungen aus wirtschaftlichen Gründen in Folge der Corona-Krise zu vermeiden und die ambulanten Versorgungsstrukturen in Westfalen-Lippe im Sinne der Patienten zu bewahren.

HNO-Arzt Sebastian Stoll aus Dortmund

HNO-Arzt Sebastian Stoll begrüßt den Schutzschirm. Schließlich würden den Arztpraxen auch in den kommenden Monaten noch 20 bis 25 Prozent ihrer Patienten fehlen. © privat

Ärzte und Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe erhalten somit ab dem 1. Quartal 2020 Ausgleichszahlungen für Honorarverluste in Folge der Corona-Pandemie, wenn sich das Gesamthonorar einer Praxis in Bezug auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal verringert hat. KVWL und Kassen garantieren also 90 Prozent des Vorjahreshonorars. Voraussetzung ist, dass die Einbußen auf einen pandemiebedingten Rückgang der Behandlungsfälle mit persönlichem Arzt-Patienten-Kontakt zurückzuführen sind.

„Wichtig für die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter“

„Ich bin gespannt, was am Ende konkret ausgezahlt wird. Grundsätzlich ist ein solcher Schutzschirm aber wichtig, damit die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleistet werden kann und die oft intensiven Fixkosten für Miete und die Wartung von medizinischen Geräten und Software geleistet werden können“, sagt Sebastian Stoll.

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Als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung gibt sich Dr. Dirk Spelmeyer sicher, mit dem Schutzschirm genau dazu beitragen zu können. Er sagt: „Wir haben mit Hochdruck mit den gesetzlichen Krankenkassen verhandelt und können nun gemeinsam ein wirklich gutes Verhandlungsergebnis präsentieren. Das ist eine sehr gute Nachricht für die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe. Mit dem nun beschlossenen Schutzschirm geben wir unseren Ärzten und Psychotherapeuten die Garantie, dass die wirtschaftliche Existenz ihrer Praxen nicht durch die Corona-Pandemie bedroht wird.“

„25 Prozent der Patienten werden weiter fehlen“

Auch Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest, erklärt: „Der zwischen den Krankenkassen und der KVWL vereinbarte Schutzschirm würdigt die engagierte Arbeit der niedergelassenen Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe, erhält ihre Liquidität und sichert damit gleichzeitig die gute Patientenversorgung. Die Pandemie hat unter Beweis gestellt, dass wir eine hohe Flexibilität benötigen und bei der Krisenbewältigung vor allem auch auf erfahrene und gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeuten sowie auf eine gute Koordination der Ressourcen vertrauen können.“

HNO-Arzt Sebastian Stoll verweist darauf, dass Patienten noch immer zurückhaltend seien, was Arztbesuche angehe. Zudem sei es wegen der Hygieneregeln und dem Abstandsgebot auch in den nächsten Monaten nicht möglich, eine 100-prozentige Auslastung der Praxis zu erreichen. „20 bis 25 Prozent der Patienten werden auch weiterhin fehlen“, so Sebastian Stoll.

Warten auf die privaten Krankenversicherungen

Dazu erklärt Dirk Ruiss, Leiter der Landesvertretung des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (vdek) in Nordrhein-Westfalen, dass die finanzielle Absicherung und Aufrechterhaltung der Versorgung das Gebot der Stunde seien. „Die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe erhalten Umsatzgarantien und Kalkulationssicherheit, auch wenn die Zahl der Patienten zurückgegangen ist“, sagt Dirk Ruiss.

Während die gesetzlichen Krankenversicherungen also aktiv geworden sind, schauen viele Dortmunder Haus- und Fachärzte nun auf die privaten Versicherungen. Die, so heißt es, gewähren bisher bis auf eine Hygienepauschale keine Unterstützung. Ungefähr 20 Prozent der Patienten sind in Dortmund privat krankenversichert.

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