Ohne Grippe durch den Winter: Macht Corona die Impfung beliebter?

dzInfektionsschutz

Corona könnte die miserable Grippe-Impfquote in Deutschland beflügeln. Bislang lassen sich viel zu wenige gegen Influenza impfen. Aber: Verkraftet das System einen solchen Ansturm überhaupt?

von Paula Protzen

Dortmund

, 21.09.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fieber, Abgeschlagenheit und Husten: Die typischen Grippe-Symptome sind schwer von denen einer Corona-Infektion zu unterscheiden. Bekommen will Mensch keins von beidem, das ist klar. Während die ganze Welt gebannt das Rennen um die Suche nach einem Corona-Impfstoff verfolgt, rückt langsam ein anderer in den Fokus: die Grippeschutzimpfung.

Anders als bei Covid-19 gibt es gegen die üblichen Influenza-Viren, die jeden Winter grassieren, schließlich einen Impfstoff. Und wer sich nicht mit der Grippe ansteckt, entwickelt keine verdächtigen Symptome. Bleibt die Frage: Wollen deshalb in diesem Jahr mehr Menschen den Grippeschutz?

Impfsaison erst ab Oktober

„Ja“, sagt der Dortmunder Arzt Dr. Prosper Rodewyk. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht nach der Grippeimpfung gefragt werde.“ Dabei sei es dafür noch viel zu früh. Bis Weihnachten gebe es noch so gut wie keine Influenza-Infektionen, erklärt Rodewyk. Deshalb sei es genau der falsche Impuls, jetzt schon zu impfen.

„Den Impfstoff haben wir schon hier, aber wir warten noch.“ Zwei Wochen brauche der Körper, um nach der Impfung Antikörper zu bilden, die für die Immunität sorgen. „Deshalb fangen wir erst Mitte bis Ende Oktober an. Dann ist der perfekte Zeitpunkt.“

Wer zu früh impft, ist womöglich nicht ausreichend geschützt

„Früher war das ein ‚Wer zuerst impft, hat gewonnen‘“, erzählt der Arzt. Das aber sei regelrecht kontraproduktiv: Gerade bei älteren Menschen, der Hauptrisikogruppe, nehme die Zahl der Antikörper mit der Zeit wieder ab. Wenn zu früh geimpft wird, seien sie in der Hochphase der Influenza - üblicherweise im neuen Jahr zwischen Januar und März - gar nicht mehr ausreichend geschützt.

„Noch vertrösten wir die Leute also. Nur wenn jemand in Urlaub fährt, dann impfen wir auch jetzt schon.“

Wer nach Osten reist, sollte sich früher impfen lassen

Dabei schaut der Arzt vor allem auf das Ziel der Reise: „Die Grippewelle kommt immer von Osten. Wenn jemand also nach Russland oder Indonesien reist, kann es sinnvoll sein, jetzt schon zu impfen.“ Dort habe das Influenza-Virus früher im Jahr seine Hochphase - einige Geschäftsreisende würden daher von einer früheren Impfung profitieren.

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Grundsätzlich freut sich Rodewyk aber über das hohe Interesse an der Impfung in diesem Jahr. „Die EU möchte, dass wir 60 bis 70 Prozent der älteren Bevölkerung impfen.“ Deutschland unterläuft dieses Ziel regelmäßig, bundesweit liegt die Impfquote bei den Menschen ab 65 Jahren bei rund 35 Prozent.

Das Gesundheitsamt empfiehlt Grippeschutzimpfungen für ältere Menschen, Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, Menschen, die beruflich besonders exponiert sind (z.B. Ärzt*innen, Pfleger*innen, Kassierer*innen), für Schwangere und für Menschen, die in Alten- oder Pflegeheimen wohnen.

Interessant sind die großen regionalen Unterschiede: In Westdeutschland sind nur knapp 30 Prozent der Älteren geimpft, in Ostdeutschland jedoch rund die Hälfte. „Früher gab es dort eine Impfpflicht. Die älteren Leute erinnern sich noch daran und lassen sich eher impfen“, erklärt Rodewyk das Phänomen.

Keine Sorgen vor einem Engpass

Rodewyk fühlt sich in seiner internistischen Gemeinschaftspraxis gut vorbereitet. „Ich glaube nicht, dass uns der Impfstoff ausgehen wird.“ Und das, obwohl Corona Anfang des Jahres noch gar kein Thema war: „Jede Praxis bestellt ihren Impfstoff im Januar oder Februar. Schließlich braucht es vom Ansatz bis zum Verkauf rund ein halbes Jahr, kurzfristig im Oktober nachbestellen geht also nicht.“

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Deshalb habe er die Bestellung seiner Praxis erhöht, als die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm. Um Engpässe beim Impfstoff macht Rodewyk sich daher keine Sorgen.

Das Gesundheitsamt gibt an, dass es in diesem Jahr deutlich mehr Impfstoff-Dosen in Deutschland gebe, als in den vergangenen Jahren. Eine Prognose, ob es zu Engpässen kommen werde, will das Amt aber nicht abgeben.

Grippewelle soll klein gehalten werden

Der Bund hält in diesem Jahr erstmals Impfstoff-Reserven bereit. Im April kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an, 4,65 Millionen Extradosen des Influenza-Impfstoffes geordert zu haben. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, sagte der CDU-Politiker im April.

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Gerade Kinderärzte appellieren an Eltern, ihre Kinder gegen die Grippe impfen zu lassen: Sie gelten als die Haupt-Überträger der Influenza.

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Allerdings zeigen auch bei der Influenza die Corona-Schutzmaßnahmen Wirkungen: „Wir hatten in diesem Sommer viel weniger normale Erkältungskrankheiten, weil die Leute alle Maske tragen“, merkt der Dortmunder Arzt an. „Die Maske merkt sich ja nicht, ob das Grippe- oder Coronaviren sind, die sie abhalten soll.“

Insofern sieht Dr. Rodewyk in diesem Jahr auch eine Chance, die Grippeinfektionen zu reduzieren und die Impfquote zu steigern. „Ich hoffe sehr, dass wir endlich auf vierzig, fünfzig Prozent Impfquote kommen. Was immer noch nicht das Ziel deckt - aber mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

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