Öffentliche Toiletten: Seniorenbeirat will den Druck aufrecht erhalten

dzBarrierefreiheit

Das Thema ist politisch besetzt: Seit zwei Jahren beschäftigt sich ein eigener Arbeitskreis des Seniorenbeirats mit dem Problem fehlender öffentlicher Toiletten. Aktuell ist der Druck groß.

Dortmund

, 07.10.2018, 04:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt kein Grundrecht auf kostenfreie öffentliche Toiletten. Das hat vor knapp einem Jahr das Oberverwaltungsgericht Münster auf Klage eines Essener Seniors festgestellt. Doch Mitglieder der Bezirksvertretung Hörde wie Karl-Otto Clemens (Jahrgang 1939), der als Mitglied des Seniorenbeirats in dem Stadtbezirks-Gremium gesetzt ist, erinnern sich noch gut an die Veranstaltung mit Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Dort soll dieser gesagt haben, dass für ihn öffentliche Toiletten zur Daseinsvorsorge gehören. Sie wollen ihn beim Wort nehmen.

Es gibt 40 öffentliche Toiletten in Dortmund. Zu wenig, sagen Seniorenbeirat und Behindertenpolitisches Netzwerk. In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe haben sie zwei Jahre lang zunächst den Bestand öffentlich nutzbarer Toiletten analysiert - die Wall-Toiletten sowie die stillen Örtchen in den Bezirksverwaltungsstellen, in Kaufhäusern, Parks, Kleingärten und auf Friedhöfen. Ein besonderes Augenmerk galt dabei auch der Barrierefreiheit. Unter anderem wurden der Gaststättenverband, der Schaustellerverband und das Friedhofsamt in den Arbeitskreis eingeladen.

Friedhöfe sind ein besonderes Problem

Ein Problem seien besonders die Friedhöfe, berichtet Rollstuhlfahrer Reinhard Pleus. „Manche Toiletten sind nur an Beerdigungstagen geöffnet.“ Dabei heiße es doch immer, man solle viel trinken. Allerdings gibt es auf dem Nordfriedhof eine Vorzeigetoilette „ganz aus Stahl“. 114.000 Euro hat sie gekostet, bezahlt von der Bezirksvertretung.

„Es wird so viel Geld rausgeballert für die Kultur“, kritisiert Pleus, „dabei gibt es nur wenige, die kulturinteressiert sind, aber Tausende, die ein Recht haben, dass man ihnen hilft bei einem menschlichen Bedürfnis.“ Das sieht auch der Finanzausschuss des Rates so. Erst jüngst hat er die Verwaltung daran erinnert, das vor einem Jahr geforderte Toiletten-Konzept zu erstellen.

Verhandlungen mit Wall

Kämmerer und Stadtdirektor Jörg Stüdemann erklärte daraufhin, man habe sich vor Jahren mit der Firma Wall an einen Anbieter gebunden. Wall betreibt die vollautomatischen, über Werbung finanzierten City-Toiletten. Derzeit sei man über die Ausweitung der Standorte in Verhandlungen. Der Vertrag mit Wall läuft 2020 aus und muss neu ausgeschrieben werden.

Der Seniorenbeirat, so Helmut Adden, Leiter des Arbeitskreises, will bei den Ausschreibungen mit im Boot sein. „Wir wollen den Inhalt der Ausschreibung und die ausgeguckten Standorte kennenlernen und an der Abfassung der Ausschreibung beteiligt werden“, fordert Adden. Auch die Bezirksvertretungen sollten schon im Vorfeld mehr bei dem Thema eingebunden werden und sich dafür einsetzen. Adden: „Wir werden entsprechende Anträge an Rat und Bezirksvertretungen stellen.“

Keine Toilette im Bahnhof Hörde

Rund 30.000 Menschen kommen täglich durch den Bahnhof in Hörde. Eine öffentliche Toilette gibt es dort nicht. Als die Mitglieder des Seniorenbeirats in der Bezirksvertretung Hörde vor Baubeginn auf eine öffentliche Toiletten gedrängt hatten, seien sie abgeschmettert worden mit der Begründung, der Investor wolle das nicht, erinnert sich Karl-Otto Clemens: „Das war ein Totschlag-Argument“.

Hörde ist der einzige Stadtbezirk in Dortmund ohne eine öffentliche Toilette. Vor vier Jahren stieß die Stadtteilagentur auf das Projekt „nette Toilette“. Bei dieser bundesdeutschen, lizenzierten Initiative stellen teilnehmende Gastronomie-Betriebe ihre Toiletten für Passanten zur Verfügung, auch wenn diese nichts konsumieren. Sie erhalten dafür eine pauschale Entschädigung von der Stadt in Höhe von 600 Euro pro Halbjahr plus Mehrwertsteuer.

Öffentliche Toiletten: Seniorenbeirat will den Druck aufrecht erhalten

Wenn dieses Schild wie hier in der Bezirksverwaltungsstelle Hörde an der Tür hängt, kann man dort die Toilette benutzen. © Schaper

Nette Toilette nur Ergänzung

Die nette Toilette kann für den Seniorenbeirat und das Behindertenpolitische Netzwerk kein Ersatz, sondern höchstens eine Ergänzung für öffentliche Toiletten sein; denn die stillen Örtchen in den Gaststätten seien oft im Keller und zum Beispiel für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar, betont Pleus.

Dennoch: In Hörde funktioniere die nette Toilette gut, das Angebot habe sich bei den Bürgern herumgesprochen, berichten Ulrich Spangenberg, Geschäftsführer der Bezirksvertretung Hörde, und Wilhelm Mohrenstecher vom Verein Stadtbezirksmarketing. Mittlerweile öffnen sieben Hörder Gastronomien sowie die Bezirksverwaltungsstelle Hörde, das Evangelische Gemeindehaus und die Stadtteilagentur zu den Betriebszeiten ihre Toiletten für die Bürger, zu erkennen an dem kleinen rotschwarzen Schild an der Eingangstür.

„Das läuft so nebenbei“

Zu den Gastronomien gehört auch das Bistro-Café Sternberg in der Hermannstraße. „Das läuft so nebenbei“, sagt Kirsten Sternberg, „wir machen sowieso jeden Tag sauber.“ Ein bis zwei Leute kämen täglich rein, um die Toilette zu benutzen. Ähnlich gut läuft es auch im Haus Kilp. Wirtin Miene Durmus schätzt, dass vier bis fünf Leute am Tag ihre Toilette aufsuchen: „Sie benehmen sich gut.“ Im Gasthaus Wüstefeld gibt es auch Menschen, „die aus dem Park kommen und alles versauen, dass man die Toilette eine Stunde schließen und alles putzen muss“, aber trotzdem will Wirtin Jovanka Wüstefeld das Angebot aufrechterhalten; „denn meistens sind die Leute nett.“ „Bisher ist noch keiner abgesprungen“, sagt Ulrich Spangenberg.

Das Stadtbezirksmarketing hat sich inzwischen die Lizenz der netten Toilette für das gesamte Stadtgebiet gesichert und hat die Option, trotz des Vertrags der Stadt mit dem Toilettenbetreiber Wall das Projekt auf die gesamte Stadt auszuweiten. Mohrenstecher: „Wir sind als privater Verein nicht weisungsgebunden.“ Sollte auch bei den Gastronomen im übrigen Stadtgebiet Interesse an der netten Toilette bestehen, wäre das ein mögliches Druckmittel in den laufenden Verhandlungen mit Wall - sofern die Stadt bereit wäre, das Geld für die nette Toilette zur Verfügung zu stellen.

Keine Toiletten in S-Bahn-Zügen

Der Seniorenbeirat und das Behindertenpolitische Netzwerk allerdings kämpfen weiter für öffentliche Toiletten - und haben auch positive Beispiele. Dieter Bauer, stellvertretender Vorsitzender des Inklusionsbeirats hat öffentliche Toiletten auf Rollstuhlfähigkeit getestet. Sein Urteil: „Eine der besten in der Stadt ist am Hauptbahnhof. Sogar Kleiderhaken haben die, Hygieneartikel, alles vorhanden.“ Dagegen gebe es in den neuen S-Bahn-Zügen keine Toiletten mehr.

Helmut Adden vom Seniorenbeirat kommt zum Schluss: „Der Arbeitskreis Öffentliche Toiletten muss mit Sicherheit weiterarbeiten. Wir sind noch längst nicht am Ende. Da muss noch mehr passieren.“

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