Nach Angriff auf BVB-Fan: Die schwierige Suche nach einer gerechten Strafe

dzReihe: „Sonntagsgericht“

Auf dem Heimweg von einem BVB-Spiel wurde ein Fan von einem Security-Mann angegriffen. Das Amtsgericht muss nun eine gerechte Strafe finden. Über einen Prozess, der im Gedächtnis bleibt.

Dortmund

, 28.10.2018, 13:31 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Gerichtsreporter hat man eigentlich jeden Tag mit tragischen Geschichten zu tun. Es geht um Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, manchmal sogar um Mord. Viele Straftaten und Schicksale geraten aber auch schnell wieder in Vergessenheit. Der Prozess, der in der vergangenen Woche am Dortmunder Amtsgericht angefangen hat, wird da aber wohl eine Ausnahme machen.

30 Jahre sind auf einmal wie ausgelöscht

Es geht um einen Mann, der am 20. Mai 2017 genau das getan hat, was er immer getan hat, wenn Borussia ein Heimspiel hatte. Er war im Stadion. Es ging gegen Werder Bremen – am Ende hatte der BVB die Partie mit 4:3 gewonnen.

Wie es zu dem Sieg gekommen ist, weiß der 39-Jährige allerdings nicht mehr. Er war nach dem Spiel mit einem Security-Mann aneinandergeraten, ist bei einem Sturz mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen. Sechs Wochen lag er im Koma, rund 30 Jahre seines Lebens sind seitdem wie ausgelöscht. Zweimal war er später noch im Stadion. Doch es hatte keinen Sinn. Weil er auf beiden Augen praktisch blind ist.

Was ist wirklich passiert?

Die Folgen sind so schlimm, dass man schnell in Versuchung geraten kann, dem Security-Mann eine möglichst drastische Strafe zu wünschen. Vor allem, da er im Prozess ja auch schon zugegeben hat, den BVB-Fan getreten zu haben. Er sagt aber auch, dass er sich bedroht gefühlt hat – und quasi in Notwehr gehandelt hat.

Die Richter müssen nun herausfinden, was wirklich passiert ist. Und irgendetwas muss ja vorher geschehen sein. Dass der Angeklagte völlig grundlos zugetreten hat, wird ihm wohl niemand unterstellen wollen.

Kampfsport-Tritt oder unglücklicher Fall?

Dass der BVB-Fan sturzbetrunken war, kann man wohl ausschließen. Er selbst hat bei seiner Zeugenvernehmung erklärt, dass er bei seinen Stadionbesuchen immer nur drei Bier trinkt: eins vor dem Spiel, eins in der Halbzeit, eins danach. Das muss ihm aber wohl sein Vater gesagt haben, der meist mit dabei war. Plausibel ist es dennoch: Bei einem Bluttest sollen damals 0,6 Promille festgestellt worden sein.

Die Frage, um die es am Ende gehen wird, ist die: Ist der 39-Jährige durch den Tritt einfach nur unglücklich gefallen oder war es tatsächlich ein brutaler Kampfsport-Tritt? Mit beiden Füßen voraus, so wie es ein Fan von Werder Bremen vor Gericht zunächst erzählt, seine Schilderung später aber wieder abgeschwächt hat. Eine Körperverletzung bliebe es in beiden Fällen.

Offene Fragen nicht nur vor Gericht

Im Prozess drohen dem Angeklagten bis zu vier Jahre Haft. Mehr kann das Amtsgericht nicht verhängen. Der Angeklagte selbst hofft auf eine Bewährungsstrafe. Er soll übrigens noch immer als Sicherheitsmann tätig sein. Dabei könnte man ja zumindest darüber diskutieren, ob er sich für seinen Job überhaupt genug im Griff hat. Aber das ist natürlich nicht Sache des Gerichts, sondern des Arbeitgebers.

In der Rubrik „Sonntagsgericht“ erzählen die Gerichtsreporter Jörn Hartwich und Martin von Braunschweig von ungewöhnlichen Fällen, die sie in dieser Woche im Gericht erlebt haben oder die ihnen noch bevorstehen.
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