Seit über einem Jahr wird Samantha (25) bedroht, beleidigt und gestalkt. Das Dortmunder Cybermobbing-Opfer berichtet von Todesdrohungen, Telefon-Terror – und ihrer Hilflosigkeit.

Dortmund

, 02.11.2018, 03:45 Uhr / Lesedauer: 7 min

Der Albtraum, den Samantha seit über einem Jahr durchlebt, beginnt mit einer Freundschaft. So fühlt es sich für die heute 25-jährige Dortmunderin jedenfalls bald an, als sie Ben (Name geändert) im Internet kennen lernt. Sie kommen im Juli 2017 auf der Online-Plattform „Knuddels.de“ ins Gespräch.

Knuddels war mal ziemlich erfolgreich, doch ist das auch schon ziemlich lange her. Mitte der Nullerjahre chatteten, flirteten und spielten dort jeden Monat mehr als vier Millionen Nutzer, vor allem Schüler. Mittlerweile ist es nur noch ein Bruchteil – eine etwas obskure Community mit meist langjährigen Mitgliedern, die mit der Plattform gealtert sind.

Samantha ist seit 2009 auf Knuddels, meist „aus Langeweile“, sagt sie. Das Niveau der Chats ist übersichtlich, oft auch anzüglich. „Da wird man als Frau regelmäßig von Fetischisten angeschrieben, die dich ansatzlos fragen, ob sie deine Füße lecken dürfen“, erzählt Samantha.

„Er war ziemlich nett, kam sympathisch rüber“

Doch Ben ist da anders: „Er war ziemlich nett, kam sympathisch rüber“, erinnert sich Samantha. Er ist zu dem Zeitpunkt 26 Jahre alt, lebt in Mettmann, ist Fan von Bayer Leverkusen. Schnell sind die beiden über den Smalltalk hinaus, tauschen Nummern aus, schreiben sich täglich über alltägliche Dinge und Sorgen, auch bei WhatsApp. „Für mich war er ein Kumpel“, sagt Samantha.

Das ändert sich Ende August. „Nerv mich nicht!“, antwortet Ben eines Tages, völlig unvermittelt, auf ein harmloses „Hey, wie geht’s?“ von Samantha. Sie ist vor den Kopf gestoßen, schreibt nur noch, dass sie ihn jetzt erstmal in Ruhe lasse. „Doch das hat ihm wohl auch nicht gepasst“, sagt Samantha.

Morddrohungen, Telefonterror, Albträume: Das Leiden eines Dortmunder Cybermobbing-Opfers

Wann immer sich Samantha seit über einem Jahr auf Knuddels.de anmeldet, wird sie von Ben beleidigt und bedroht. © Thomas Thiel

Denn zwei Tage später fängt der vermeintliche Freund an, Samantha in öffentlichen Chats und in privaten Nachrichten zu beleidigen und zu bedrohen: „Du fettes Schweinevieh“ und „Du gehörst geschlachtet“ schreibt er, oder: „Pass auf deine Mami auf“ und „Da ich bald in den Knast komme, hätte ich an deiner Stelle jetzt jeden Tag Angst.“

Samantha versucht, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Sie blockiert seine Nummer auf ihrem Handy. Auf Knuddels versucht sie dasselbe, doch da ist es ungleich schwerer: Denn Ben legt sich einfach neue Chat-Konten an, immer und immer wieder. Das geht auf Knuddels innerhalb weniger Sekunden. Notfall-Mechanismen der Online-Plattform, mit denen ihm der Zugang zu Knuddels versperrt werden soll, umgeht er, indem er seine IP-Adresse verschleiert. Sobald Samantha im Chat-Portal online geht und Ben sie dort sieht, feuert er aus allen Rohren.

Ben postet Samanthas Nummer in Sex-Foren

Doch das ist nur der Anfang: Ben lädt sich Bilder von Samanthas Facebook-Seite herunter und erstellt auf Knuddels Fake-Konten von ihr. Mit denen schreibt er Einträge in einschlägigen Erotik-Foren des Chatportals und postet öffentlich Samanthas Nummer mit der Aufforderung, sie für Sex anzurufen. Im Minutentakt melden sich alte Männer mit anzüglichen Nachrichten bei Samantha. Telefon-Terror. „Einmal hatte ich das Handy nur wenige Minuten weggelegt, schon hatte ich 20 Anrufe in Abwesenheit.“

Im November fühlt sich die Bedrohung dann auf einmal ganz unmittelbar an. Samantha bekommt eines Tages auf der Arbeit eine andere Art von Nachrichten von Ben. „Ich weiß, wo du bist, ich weiß, was du anhast“, schreibt er. Als ihm Samantha aus Trotz antwortet, er bluffe nur, nennt er den richtigen Ort – und die richtigen Klamotten.

Samantha kündigt aus Angst ihren Job

Sie bricht in Tränen aus. Samantha arbeitet zu der Zeit in einem Call-Center in der City, doch das hat sie Ben nie erzählt. „Ich hatte Albträume, traute mich nicht mehr nach draußen“, erinnert sie sich. „Ich habe mich immer beobachtet gefühlt.“ Zu Gesicht bekommt Samantha ihren Stalker nie - ob er überhaupt jemals in Dortmund war, weiß sie nicht. Ein paar Wochen hält sie die täglichen Bedrohungen aus, dann kündigt sie ihren Job.

Morddrohungen, Telefonterror, Albträume: Das Leiden eines Dortmunder Cybermobbing-Opfers

Auch abseits von Knuddels schrieb Ben seinem Opfer. © Samantha (Screenshot)

Bens Nachrichten legen sich wie eine schwere Decke über dem Leben von Samantha , sie drohen es zu erdrücken. Samantha sucht nach Unterstützung. Sie chattet mit anderen Knuddels-Nutzern über den Fall, spricht mit einer Psychologin, wendet sich an ihre Familie – und sie schaltet die Polizei ein. Sie stellt Anzeigen wegen Bedrohung und der unerlaubten Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke, später noch eine wegen Nachstellung.

Samantha liefert der Polizei ein Komplett-Paket: Bens echten Namen, dazu seine Adresse, die er offen in Chats gepostet hat, und Screenshots der übelsten Beleidigungen. Die Polizistin auf der Wache sagt ihr, sie habe zwar oft mit Mobbing und Stalking zu tun, aber so einen extremen Fall habe sie noch nie erlebt.

Jeder dritte deutsche Jugendliche kennt ein Cybermobbing-Opfer

Was Samantha passiert, nennt sich Cybermobbing: Experten wie die Opferschutz-Organisation Weißer Ring verstehen darunter „das wiederholte, absichtliche und meist öffentliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen einer Person – über das Internet, soziale Medien und das Handy.“

Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Cybermobbing ein großes Problem. Laut der sogenannten JIM-Studie 2017, auf die auch EU-Programme verweisen, kennt fast die Hälfte aller 18- und 19-Jährigen in Deutschland jemanden, der schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden ist – in der Gesamt-Altersgruppe der Studie (12 bis 19 Jahre) ist es mehr als jeder Dritte.

Zur Sache

Cybermobbing in Dortmund

Wie verbreitet Cybermobbing in Dortmund sind, ist schwer zu sagen. Zwar wurden bei der Polizei Dortmund 2017 über 180 Anzeigen wegen Bedrohung, Nachstellung und Beleidigung im Internet gestellt – das hieße, dass durchschnittlich jeden zweiten Tag jemand in Dortmund Opfer von Cybermobbing werde. Doch die Zahl ist unscharf: Einerseits sind das nur die bekannt gewordenen Fälle, andererseits sind in ihr auch Anzeigen enthalten, die nichts mit Cybermobbing zu tun haben. „Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Cybermobbing als eigener Tatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen wird, bisher noch ohne Erfolg“, sagt Jürgen Koch von der Opferschutz-Organisation Weißer Ring in Dortmund.

Als Samantha am nächsten Tag ihr Handy anmacht, wartet dort schon eine Nachricht von Ben auf sie: „Du warst bei der Polizei, dafür wirst du büßen!“ Woher er von der Anzeige weiß, kann Samantha nur vermuten. Sie hat eine Bekannte auf Knuddels im Verdacht: Ihr hat sie als einzige von der Anzeige erzählt, sie muss es Ben verraten haben.

Nun beginnt für Samantha eine Zeit des quälenden Wartens. Denn eine Ermittlung in Deutschland muss ihren geordneten Gang gehen – und das dauert. Der Beschuldigte muss vorgeladen werden, eventuelle Zeugen vernommen und Durchsuchungsbeschlüsse beantragt werden, dazu kommen noch die Feiertage zwischen den Jahren.

Am 24. Januar 2018 – über zwei Monate, nachdem sie die Anzeige gestellt hat – bekommt Samantha schließlich Post von der Staatsanwaltschaft Dortmund: Ihre Anzeige werde jetzt hier bearbeitet. Eine Woche später folgt ein weiterer Brief, der sie informiert, dass das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Wuppertal abgegeben wurde, die zuständig ist für Mettmann, wo Ben wohnt.

Vertreibung aus Knuddels ist wie eine Verbannung aus dem Freundeskreis

Während all der Zeit gehen die Beleidigungen und Bedrohungen weiter. Denn Samantha kann trotz allem nicht von Knuddels lassen: „Ich muss da reingucken, ich will ja wissen, was da los ist!“ Für die Dortmunderin ist Knuddels ihr soziales Netzwerk – im wahrsten Sinne des Wortes. Von da vertrieben zu werden ist für sie so schlimm wie für andere die Verbannung aus ihrem Verein oder Freundeskreis.

Die Beziehung zwischen Samantha und Ben auf Knuddels nimmt immer abstrusere Züge an: Mal beleidigt sie Ben selbst aufs Übelste zurück, mal unterwirft sie sich ihm: „Ich war eine Zeit lang so drauf, alles für ihn zu machen, damit ich Ruhe vor ihm habe“, erzählt sie, spioniert etwa in seinem Auftrag andere User aus. Nur als er Nacktfotos von ihr haben möchte, weigert sie sich. Andere Userinnen würden das hingegen machen, behauptet Samantha.

Ein grausamer König ohne Güte

In ihren Erzählungen wirkt Ben wie ein grausamer König, der ohne Güte über sein Reich herrscht und vor dem seine Untertanen auf die Knie sinken, allein aus Selbstschutz. „Er fühlt sich da unverwundbar“, sagt Samantha über ihn.

Sie selbst fühlt sich hingegen hilflos und alleingelassen. Die Drohungen sind zwar inzwischen seltener geworden, weil Samantha sich nur noch ab und zu auf Knuddels traut. Aber sobald Ben mitbekommt, dass sie online ist, geht es wieder los.

Morddrohungen, Telefonterror, Albträume: Das Leiden eines Dortmunder Cybermobbing-Opfers

Ein öffentliches Forum bei Knuddels.de. Das Niveau der Chats bleibt meist sehr überschaubar. © Thomas Thiel (Screenshot)

Von den Behörden hört Samantha erst Anfang Juni wieder, als sich eine Kriminaloberkommissarin der Kreispolizeibehörde Mettmann freundlich, aber unverbindlich per Brief meldet: Es habe sich „derweil die Frage ergeben, ob Sie weiterhin durch den Beschuldigten ‚bedrängt‘ oder gar beleidigt und bedroht werden […]? Besteht derzeit überhaupt noch Kontakt?“ Sie schickt umgehend Screenshots mit den Bens jüngsten Ausfällen zurück. Es ist das letzte Mal, dass sie etwas von den Ermittlungen hört – bis heute.

Ben ist schon längst verurteilt - aber wegen anderer Fälle

Was Samantha nicht weiß und was erst die Recherchen unserer Redaktion ergeben: Wenige Wochen nach diesem Brief, am 22. Juni, wird das Verfahren gegen Ben eingestellt. Der Grund: Ben ist bereits Ende Februar in einem anderen Verfahren vom Amtsgericht Mettmann zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

Drei andere Frauen hatten ihn unabhängig von Samantha angezeigt, auch sie waren von Ben in Chats und mit Nachrichten beleidigt und bedroht worden. Im Urteil, das unser Redaktion vorliegt, bezeichnet das Gericht Bens Vorgehen als „besonders widerwärtig“. Außerdem falle „die Hartnäckigkeit und Unverfrorenheit“ auf, mit der er seinen Opfern zusetzte. Da nicht zu erwarten ist, dass Samanthas Anzeige die Strafe von Ben bei einem erneuten Urteil verschärfen würde, sei Samanthas Fall eingestellt worden, erklärte die Wuppertaler Staatsanwaltschaft auf Anfrage unserer Redaktion.

Warum Samantha nicht von dieser Entscheidung erfährt, kann sich Staatsanwalt Wolf-Tilman Baumert nicht erklären: „Das hätte sie eigentlich erreichen sollen.“ Routinemäßig würden die Anzeigensteller mit einem Brief über die Einstellung des Verfahrens und die Gründe dafür informiert. Man habe aber natürlich keinen Einfluss darauf, was auf dem Postweg passiert.

Ben lebt in einer Obdachlosenunterkunft

Das Bild, das das Amtsgericht Mettmann in seinem Urteil von Ben zeichnet, passt so gar nicht zu dessen Auftreten im Internet: Der Urteilsbegründung zufolge ist Ben durch den Tod seiner Mutter vor ein paar Jahren aus der Bahn geworfen worden. Zweimal beginnt er eine Ausbildung zum Erzieher, beide Male bricht er sie ab. Er zerstreitet sich mit seinem Vater – so sehr, dass dieser Ben aus dem Elternhaus wirft. Seitdem wohnt er in einer Obdachlosenunterkunft und lebt von Hartz IV.

Ein trauriges Leben, aus dem sich Ben offenbar ins Internet flüchtet, zu Knuddels. Hier ist er Wer, hier hat er Macht, kann er den Daumen über Menschen heben und senken. „Ich kenne keinen bei Knuddels, der ihn nicht kennt“, sagt Samantha über ihn. Wir hätten auch gerne mit ihm direkt gesprochen, doch Ben antwortete auf keinen unserer Anrufe.

Bald könnte Ben jedoch wieder von der Staatsanwaltschaft hören: Denn durch die weiteren Beleidigungen gegen Samantha verstößt er gegen seine Bewährungsauflagen. „Sollte sie erneut Anzeige erstatten, wäre das für ihn richtig gefährlich“, sagt Staatsanwalt Baumert. Heißt: Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten sollten, kommt Ben sehr wahrscheinlich ins Gefängnis.

Eine Geschichte voller Verlierer

So ist die Cybermobbing-Geschichte von Samantha eine voller Verlierer: die eines Opfer, das eigentlich Recht bekommen hat und sich doch hilflos und alleingelassen fühlt. Die eines Täters, der trotz Verurteilung seinen Hass nicht unter Kontrolle bekommt und so nun Gefahr läuft, seine Bewährung zu verspielen und ins Gefängnis zu wandern. Und die von Behörden, die ihren Job machen, es aber nicht schaffen, einer Bürgerin das Gefühl zu geben, dass sie sich ernsthaft um ihre Nöte kümmern.

So weit hätte es zumindest für Samantha nicht kommen müssen. Es gibt Organisationen, an die sich Opfer auf der Suche nach Unterstützung wenden können, etwa den Weißen Ring, dessen kostenlose Opfer-Hotline täglich von 7 bis 22 Uhr unter 116 006 zu erreichen ist. Die Polizei klärt im Internet ausführlich über die Folgen von Cybermobbing für Täter und Opfer auf und gibt Eltern und Lehrer Verhaltens-Tipps, wenn die Opfer noch Kinder sind.

Mittel im Kampf gegen Cybermobbing

Wir haben die wichtigsten Ratschläge mehrerer Experten gegen Cybermobbing gesammelt:

  • „Reagieren und antworten Sie nicht auf gemeine Kommentare sowie beleidigende Inhalte“, rät der Weiße Ring. „Das könnte das Mobbing nur noch weiter anheizen.“
  • „Geben Sie möglichst wenig Daten von sich im Internet preis“, schreibt die Polizei auf ihrer Cybermobbing-Infoseite. „Geben Sie in Profilen von Sozialen Netzwerken niemals die vollständige Adresse oder die Handynummer an. Stellen Sie möglichst wenige Bilder und Videos von sich selbst ins eigene Profil ein.“
  • „Holen Sie sich anwaltlichen Beistand“, rät der Wuppertaler Staatsanwalt Baumert. Wenn man bereits Anzeige erstattet hat, kann man Akteneinsicht beantragen, um über den Verlauf des Verfahrens auf dem Laufenden zu bleiben. Doch das geht nur über einen Rechtsanwalt. Menschen mit geringem Einkommen können beim Amtsgericht Beratungshilfe beantragen. Wird sie bewilligt, übernimmt der Staat die Kosten für den Anwalt.
  • Legen Sie sich eine neue Handynummer, eine neue E-Mail-Adresse und ein neues Profil zu“, schreibt der Weiße Ring.
  • „Schalten Sie bei schweren Fällen sofort die Polizei ein“, sagt Kim Freigang von der Polizei Dortmund. „Bewahren Sie Beweismaterial auf: Speichern Sie die verbreiteten Bilder und beleidigende E-Mails und SMS.“

Samantha übt sich in kompletter Knuddel-Abstinenz

Samantha versucht es neuerdings mit kompletter Knuddels-Abstinenz. „Ich versuche nun, meine Langeweile anders zu bekämpfen“, sagt sie. „Ich besuche häufiger meine Eltern oder meine Tante – und wenn mir ganz langweilig ist, putze ich meine Wohnung.“ Sie hat seit zwei Wochen nichts mehr von Ben gehört.

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