Die Möllerbrücke in der westlichen Dortmunder Innenstadt am Mittwochabend. © Felix Guth
Kontaktbeschränkungen

„Möllern“ in der Pandemie fühlt sich an, als gäbe es kurz mal kein Corona

Frühlingsgefühle im Februar: Den ersten milden Abend des Jahres haben viele Menschen im Freien verbracht. Rund um Möllerbrücke und Westpark zeigt sich: Dortmund möchte atmen. Meist ohne Maske.

Für das Sitzen oder Stehen auf der Brücke zwischen Kreuzviertel und Klinikviertel gibt es seit einigen Jahren ein eigenes Wort. Die Menschen „möllern“ – auch an diesem aprilartigen Februar-Tag mitten in der Pandemie.

Das erzeugt eine Stimmung, die man am liebsten gar nicht mehr verfliegen lassen möchte. Aber es entstehen auch einige Situationen, die in der ja nun immer noch von vielen als akut eingestuften Pandemie-Situation durchaus für Kopfschütteln sorgen können.

Rund um die Möllerbrücke herrscht Leben

An der Brücke stehen Gruppen in unterschiedlichen Konstellationen: zu zweit, zu dritt, andere mit fünf oder noch mehr Personen. Es ist nicht überfüllt. Aber auf der Brücke und darum herum herrscht Leben.

Knapp 30 Personen halten sich am Mittwoch gegen 20.30 Uhr zwischenzeitlich hier auf. Ab 21.30 Uhr leert es sich zusehends.

Das ist kein Vergleich zu gewöhnlichen Sommertagen. Nach Monaten im Lockdown bei Schmuddelwetter ist das aber ein ungewohntes Bild.

Der „Kiosk an der Möllerbrücke“ hat den Schub durch das gute Wetter gespürt. „So war es an allen Abenden, seit es warm ist“, sagt ein Mitarbeiter über den regen Verkehr vor seinem Laden.

„Das tut gut, nachdem so lange nichts los war.“ Die Leute seien rücksichtsvoll und hielten sich an die Maskenpflicht, erzählt er. Zu sehen sind allerdings kaum Masken. Sie sind auch nicht vorgeschrieben.

Größere Gruppen, als es die Kontaktbeschränkungen vorsehen

Es macht, vorsichtig gesagt, den Eindruck als träfen sich hier mehr Personen, als es die aktuell geltenden Kontaktbeschränkungen vorsehen. Wobei nicht auszumachen ist, wer von den mehrheitlich 18- bis 25-Jährigen hier nicht vielleicht ohnehin gemeinsam in einer WG wohnt – oder sich anderweitig regelmäßig begegnet.

Einer junger Mann, der mit zwei Freundinnen an der Brücke steht, sagt: „Es kommt doch im Moment vor allem darauf an, mit wem man sich trifft. Wenn es die Leute sind, die man ohnehin sieht und von denen man weiß, was sie machen, ist es in Ordnung mit ihnen draußen zu sein.“

Am Sonnenplatz geht es um normale Probleme

Drei junge Männer gehen an ihm vorbei und tragen eine Kiste Bier in Richtung Sonnenplatz, wo mehrere Gruppen auf den Bänken sitzen. Die jungen Menschen diskutieren über Probleme, die man eher von Campingplatz-Supermärkten kennt. Das Lieblingsbier gibt es nur noch warm. Das Geld wird knapp. „Muss morgen erstmal meine Eltern fragen“, sagt ein junger Mann.

Getränkenachschub für den Sonnenplatz.
Getränkenachschub für den Sonnenplatz. © Felix Guth © Felix Guth

Eine junge Frau in rosafarbenem Jogginganzug läuft durch die Szenerie, schwankend. „Das ist wie in Berlin an jeder Brücke“, ruft sie laut.

In den Gesprächen auf der Brücke geht es um Geschichten von Freundinnen und Freunden namens Justin und Sophia. Es geht um Jobs („Bei mir ist gerade nicht viel los“) und Projekte („Bei uns geht gerade richtig viel“) und um alte Partygeschichten.

Die Wörter „Corona“ und „Impfung“ sind hier nicht zu hören

Zwei sonst sehr präsente Wörter sind hier zumindest in zwei Stunden vor Ort nicht zu hören: „Corona“ und „Impfen“. Das ist angenehm. Weil es für einen Moment die Welt so wirken lässt, als gäbe es diese alle Gesprächsenergie verschlingenden Schlagwörter nicht.

Dieses Gefühl verstärkt sich mit jedem Schritt in Richtung Westpark. Dessen Wiesen liegen im Dunklen. Der Park hat seinen Nacht-Sound, der ihn ausmacht und den viele Dortmunder schätzen.

Stimmengewirr und Flaschen-Geklirr. Hip-Hop, Reggae und RnB aus Bluetooth-Boxen. Lachen und Lallen. Alles nicht aufdringlich, sondern in einem meist friedlichen Nebeneinander. Die einzigen Polizeisirenen, die hier am frühen Abend zu hören sind, tönen aus einem Hip-Hop-Song.

Sport im Westpark im Flutlicht

Hell erleuchtet sind zwei Orte im Westpark. Auf dem Boule-Platz fliegen die Kugeln, daneben liegt das geschlossene Café Erdmann in der Dunkelheit.

Tischtennis bei Flutlicht im Westpark.
Tischtennis bei Flutlicht im Westpark. © Felix Guth © Felix Guth

An den Tischtennis-Platten am großen Spielplatz läuft Reggae-Musik, vier Leute spielen dazu enge Matches aus. Vorher war hier noch Rundlauf mit 15 Personen angesagt.

Es ist verständlich, was daran Spaß macht, an einem lauen Frühlingsabend wie diesem. Dennoch sind das die Momente, in denen sich die Frage aufdrängt, wie locker wir eigentlich wirklich sein können, wo das Corona-Problem doch noch nicht gelöst ist. Oder ob das nicht schon alles eine Spur zu viel Unbeschwertheit ist.

„Möllern“ als eine Form des Protests?

Hier hupt niemand, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Trotzdem: Auf eine gewisse Art wirken das „Möllern“ und die Unbeschwertheit im Park an diesem ersten warmen Abend des Jahres 2021 auch wie ein Ausdruck von Protest gegen das immerwährende Zuhause-sein. Ohne, dass das jemand laut ausspricht.

Viele Menschen scheinen eine Sehnsucht danach zu haben, sich die Frage „Darf ich das jetzt machen?“ nicht mehr stellen zu müssen. Wenigstens für ein paar Stunden.

Am Donnerstag (25.2.), einen Tag nach Entstehen dieser Eindrücke, hat die Stadt Dortmund mitgeteilt, dass künftig in öffentlichen Parks eine verschärfte Maskenpflicht gilt.

Demnach ist auch im Westpark samstags, sonntags und feiertags jeweils von 12 bis 18 Uhr auf den Wegen ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Regel gilt außerdem auf dem Rundweg am Phoenix-See sowie in Westfalenpark, Fredenbaumpark, Rombergpark, Revierpark Wischlingen und Hoeschpark.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth
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