„Mein Kampf“ im Unterricht – Irritation über Hitler-Schrift an Dortmunder Gymnasium

dzGeschichte

Im Geschichtsunterricht behandeln Gymnasiasten Auszüge aus Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“. Die Schule erklärt, warum das gerade jetzt so wichtig ist.

von Rebekka Antonia Wölky

Dortmund

, 07.03.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

In der ideologischen Schrift „Mein Kampf“ hat Adolf Hitler die Weltanschauung des Nationalsozialismus und die Programmatik der NSDAP festgehalten. Aus heutiger Sicht vielfach als unlesbar und verschachtelt sowie voll von Widersprüchen bezeichnet, war „Mein Kampf“ um 1933 ein Bestseller. Mehr als 12 Millionen Exemplare kamen bis 1945 in Umlauf.

Heute setzen sich Schüler der gymnasialen Oberstufe im Geschichtsunterricht mit dem Text auseinander. Darüber ging nun bei unserer Redaktion eine Beschwerde ein. Tenor: Da die AfD an Einfluss gewinne und sich rassistisches Gedankengut wieder verbreite, dürften Schüler einen solchen Text nicht kennen.

Schulbücher enthalten nur Auszüge aus dem Text

Am Helene-Lange-Gymnasium in Hombruch sieht man die Sache anders. Hier behandeln Geschichtskurse Passagen des Buches. „Es ist nicht so, dass wir Originalausgaben in einem Schrank im Keller lagern und dann in Klassenstärke austeilen“, sagt Geschichtslehrerin Katja Schlecking. Stattdessen gebe es Auszüge aus dem Text mittlerweile in vielen Schulbüchern.

Im Unterricht bei Katja Schlecking (l.) setzen sich Schüler kritische mit Auszügen aus "Mein Kampf" auseinander. Schulleiter Ulrich Möllencamp hält das für wichtig.

Im Unterricht bei Katja Schlecking (l.) setzen sich Schüler kritische mit Auszügen aus „Mein Kampf“ auseinander. Schulleiter Ulrich Möllencamp hält das für wichtig. © Rebekka Wölky

Auch Schulleiter Ulrich Möllencamp betont: „An unserer Schule werden grundsätzlich nur Lehrwerke eingesetzt, die vom Schulministerium genehmigt sind. ,Mein Kampf‘ im Original gehört natürlich nicht dazu.“ Das könne es auch gar nicht, pflichtet Schlecking ihm bei. Denn es gelte im Ganzen noch immer als jugendgefährdende Schrift.

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„Außerdem kommen unsere Schüler – selbst, wenn sie nur Auszüge lesen – sehr schnell darauf, dass es kein Mensch aushalten kann, diese knapp 700 Seiten komplett zu lesen. Die Sprache ist für Schüler der heutigen Zeit so schrecklich verschachtelt, dass sie gar nicht dahinterkommen, was da eigentlich ganz genau steht“, so Schlecking weiter.

Weil es aber genau um dieses Dahinterkommen gehe, arbeite man im Unterricht mit kurzen Textauszügen, die gezielt Fragen nach der NS-Ideologie, dem Lebensraum und dem Holocaust stellten. „Alle diese Themen behandeln wir im Unterricht sowieso“, sagt die Geschichtslehrerin.

„Wie doof waren die Leute denn?“

Die Auszüge werden dann in den größeren Kontext des Nationalsozialismus eingeordnet und man spreche darüber.

Eine wissenschaftlich kommentierte Auflage von „Mein Kampf“ ist seit Januar 2016 auf dem Markt.

Eine wissenschaftlich kommentierte Auflage von „Mein Kampf“ ist seit Januar 2016 auf dem Markt. © picture alliance / Matthias Balk

Lege man zwei Textauszüge nebeneinander und vergleiche sie, so stellten die Jugendlichen schnell argumentative Widersprüche fest. „Dann kommt natürlich oft die jugendliche Frage: ‚Wie doof waren die Leute denn? Haben die denn nicht gemerkt, dass sich das widerspricht?‘“

Darum gehe es bei der Lektüre: Die Schüler sollten lernen, Dinge zu hinterfragen und sich ein Urteil zu bilden.

Schüler sollen eine fragende Haltung ausbilden

„Geschichte klingt immer wie ein Fach von gestern, aber es ist schon etwas, das auf Zukunft und Lebensfähigkeit vorbereiten kann“, meint Schlecking. Als Historiker habe man nie nur einen Blickwinkel, sondern ziehe immer mehrere, unter Umständen auch gegensätzliche, Quellen hinzu.

Das schule die Denk- und Urteilsfähigkeit der Schüler: „Gerade in Zeiten von Fake News und einer unglaublichen Informationsschwemme ist eine fragende Haltung wichtig“, meint die Lehrerin.

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Ziel der Lehrpläne sei auch, das Demokratiebewusstsein zu fördern. „Mein Kampf“ diene als Negativbeispiel. „Adolf Hitler war eben gerade kein Demokrat. Das wird den Jugendlichen bei der Beschäftigung mit diesen Themen bewusst“, so der Schulleiter.

Wiederauflage nach rund 70 Jahren

Nach Hitlers Tod hatten die Alliierten dem Freistaat Bayern die Rechte an „Mein Kampf“ zugesprochen. Unter Berufung auf das Urheberrecht verhinderte dieser eine Wiederauflage 70 Jahre lang. 2016, nach 70 Jahren, erlosch dieses Recht.

Das Institut für Zeitgeschichte brachte „Mein Kampf“ daraufhin auf den Markt – in einer 1948 Seiten starken, kritischen Ausgabe mit mehr als 3.500 wissenschaftlichen Kommentaren zu den Ausführungen.

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