Das Online-Lexikon Wikipedia wird von Nutzern für Nutzer geschrieben. Wer sind die Personen hinter dem geballten Wissen? Einige von ihnen haben sich jetzt in Dortmund vorgestellt.

Dortmund

, 14.11.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Projekt ist in Deutschland gerade erst volljährig geworden. Doch in vielen Bereichen fragt man sich schon, wie kompliziert das Leben vor der Wikipedia eigentlich war. Einige derer, die am größten Lexikon der Welt mitarbeiten, haben sich jetzt in Dortmund vorgestellt und Werbung für die Mitarbeit betrieben.

Hätte es die Wikipedia schon gegeben, als die Berliner Mauer gefallen ist, wäre der Artikel zur Teilung der Stadt wohl innerhalb weniger Minuten aktualisiert gewesen. Damals stand stattdessen ein Tagesthemen-Reporter live an einem Mauerabschnitt, wo rein gar nichts passiert ist, während ein paar Meter weiter Weltgeschichte geschah. In der heutigen Online-Zeit undenkbar.

Prominente Todesfälle stehen in wenigen Momenten online

Das fällt heute auf, wenn zum Beispiel Prominente sterben. Liest oder hört man die Todesnachricht irgendwo, ist der Wikipedia-Artikel der Person für gewöhnlich bereits aktualisiert. Genau so schnell werden Falschmeldungen in der Regel korrigiert.

„Es gibt immer ein paar Tausend Artikel, die gerade aktualisiert werden müssen“, sagt Margret Münster über die Arbeit in dem Online-Lexikon. Ihr Nachname ist eigentlich ein anderer. Aber weil sie aus Münster stammt, lautet so ihr Name innerhalb der Wikipedia. Pseudonyme haben einen Grund: Schreibt zum Beispiel jemand einen Artikel über Pädophilie, soll das nicht unter dem echten Namen passieren.

Mehr als 5000 aktive deutschsprachige Autoren

Wer einen neuen Wikipedia-Artikel schreiben will, könne sofort loslegen, erklärt die Ehrenamtlerin. Das Portal stehe für die Demokratisierung von Wissen weltweit. Jeder kann Artikel schreiben und bearbeiten. Will man bestehende Texte korrigieren, muss man aber Belege zu den Informationen angeben.

5000 bis 6000 aktive deutschsprachige Autoren gebe es, erklärt Holger Plickert. Er ist einer der hauptberuflichen Mitarbeiter des Fördervereins Wikimedia in Berlin. Werden in dem Online-Portal Spendenaufrufe angezeigt, sind sie für die Arbeit in der Geschäftsstelle gedacht, etwa für die Programmierer oder die Juristen des Vereins.

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„Wir wollen die Freiwilligen fördern und unterstützen“, sagt Plickert. Es komme durchaus vor, dass Wikipedia-Autoren zum Beispiel verklagt werden sollen. „Das müsste aber bei der Foundation in San Francisco passieren“, erklärt er. Die Mitarbeiter der Berliner Geschäftsstelle dürfen nicht korrigierend in die Artikel eingreifen.

Wer sich als Autor anmeldet, muss sich zunächst etwas hocharbeiten. Die ersten Artikel erscheinen nicht direkt online und müssen von erfahreneren Schreibern bestätigt werden. Quellenangaben zu den Informationen sind wichtig.

Fotowettbewerb und geschichtliche Artikel

Margret Münsters Hauptaugenmerk liegt auf Kunst- und Bauwerken. „Zu Hause am Computer bin ich Teil der Vorjury für Wiki-Fotowettbewerbe“, sagt sie. Bis zu 20.000 Fotos würden da eingereicht - Margret prüft, ob die fotografierten Gebäude zum Beispiel tatsächlich denkmalgeschützt sind, wenn die Wettbewerbs-Richtlinien nur solche Beiträge zulassen.

Die Münsteranerin ist im analogen Leben Psychotherapeutin. „Da sind wissenschaftliche Fakten gar nicht so relevant, es geht ja eher um Gefühle“, sagt sie. Durch befreundete Fotografen kam sie in die Wikipedia-Community. Häufig ist sie mit den Bekannten in Museen unterwegs und verfasst die Texte zu den Bildern der Fotografen.

Lokale Artikel mit Recherchen vor Ort

Rainer „Wuselig“ aus Dortmund schreibt hingegen zum Beispiel geschichtliche Artikel und fotografiert Industriedenkmäler oder Schlösser in der Region. Auf seiner Autorenseite nennt er Deutsch als Muttersprache und zusätzlich: „Der Kerle schwätzt Schwäbisch“ - der Wahl-Dortmunder stammt aus Süddeutschland. Es gibt tatsächlich auch Wikipedia-Artikel, die in Regionaldialekten verfasst sind. Stolze 916 sind‘s zum Beispiel auf Schwäbisch.

Mehrere von „Wuseligs“ Artikeln sind von anderen Wikipedianern ausgezeichnet worden - mit den Prädikaten lesenswert, informativ oder exzellent. „Exzellent“ ist zum Beispiel ein langer Artikel über die Burg Wildenstein auf der Schwäbischen Alb. „Lesenswert“ steht am Beitrag zur Siedlung Eisenheim in Oberhausen, die als älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets gelte.

„Franken-Orden“ für engagierte Autoren

Außerdem wurde Rainer innerhalb der Community der „Franken-Orden“ verliehen - „eine Auszeichnung für engagierte Autoren auf den Gebieten Heimatforschung, der Landeskunde und der Kulturpflege“.

Der Dortmunder erfüllt in seiner Umgebung auch Bilderwünsche. Schreibt also jemand in Brasilien einen Artikel über Dortmund auf portugiesischer Sprache und möchte ein aktuelles Foto von einem Ort in der Stadt hinzufügen, kann es sein, dass „Wuselig“ mit seiner Fotokamera für denjenigen loszieht.

Wer die Wikipedia-Autoren der Region unterstützen oder einfach mit ihnen in Kontakt treten möchte, kann zu einem der regelmäßigen Stammtisch-Treffen kommen. Die Termine werden - wie sollte es anders sein - auf einer Wikipedia-Seite - bekannt gegeben: de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Ruhrgebiet

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