In vielen Liedern wird besungen, dass es unzählige Sterne gibt. Doch in Dortmund reichen meist schon beide Hände, um die Sterne und Planeten zu zählen. Selbst in einer klaren Nacht.

von Alexandra Wachelau

Dortmund

, 04.10.2018, 16:48 Uhr / Lesedauer: 4 min

Um den Himmel zu sehen, muss Thomas Wassmuth an der Sternwarte im Westfalenpark nur das Dach des Vereinshauses zur Seite schieben. Darunter verbirgt sich das vom astronomischen Verein selbstgebaute Teleskop. „Fünf Zentner wiegt das Teleskop“, sagt Wassmuth und bewegt es dabei so leicht, als wären es nur fünf Kilo. Doch auch die starken Vergrößerungsmöglichkeiten des Teleskops schützen nicht vor dem, was dem Hobby-Astronom „ein Dorn im Auge ist“: die Lichtverschmutzung.

Lichtverschmutzung in Dortmund mit am stärksten

Damit ist die künstliche Aufhellung des nächtlichen Himmels gemeint. Wer noch im Dunkeln unterwegs ist, schaltet heute einfach eine Lampe an. Straßenlaternen brennen meist die ganze Nacht hindurch, dazu kommen private Bewegungslampen, Leuchtreklamen, dekorative Strahler und viele weitere Lichtquellen. Diese sammeln sich zu einer sogenannten Lichtglocke, die sich über die Stadt legt. Dadurch werden unter anderem auch die sichtbaren Sterne am nächtlichen Himmel „überstrahlt“.

„Dortmund gehört bundesweit neben Köln, Düsseldorf und Frankfurt zu den am stärksten durch Lichtverschmutzung betroffenen Regionen“, sagt Thomas Quittek, Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Dortmund.

Dass Dortmund bei dem Thema Spitzenreiter ist, zeigt auch die digitale Karte, die Wassmuth über Google Maps legt. „Ich fahre oft 30 bis 60 Kilometer, um aus der Lichtkugel herauszukommen“, sagt er. Während seine sogenannte Lichtverschmutzungskarte über dem Rheinland und dem Ruhrpott rot-orange leuchtet, hat sich Wassmuth in östlicher Richtung viele Markierungen gesetzt. Dort hat die Karte eine blaue Färbung – die Lichtverschmutzung ist geringer.

Lichtverschmutzung verdeckt den Dortmunder Sternenhimmel

Ein Ausschnitt der Lichtverschmutzungskarte, die Thomas Wassmuth benutzt, um an geeignete Stellen den Sternhimmel zu beobachten und zu fotografieren. © ArtificialSkyBrightness

Die Milchstraße ist kaum noch sichtbar

„Bei freier Sicht, einer klaren Nacht und ohne Lichtverschmutzung könnte man in Deutschland bis zu 3000 Sterne und Planeten sehen, mit bloßem Auge“, sagt Wassmuth. Auch die Milchstraße müsste jeder schon einmal gesehen haben – in Dortmund sei das aber ohne Teleskop kaum möglich.

„Am schlimmsten ist es, wenn der Weihnachtsmarkt in Dortmund ist“, sagt Wassmuth. „In der Innenstadt kann man sowieso nicht gut astronomisch fotografieren, aber im Winter, wenn es eigentlich von Natur aus dunkel und klar sein sollte, ist es oft taghell in Dortmund.“

Für die Astronomen ist das künstliche Licht also offenbar am ärgerlichsten. Aber nicht nur für sie ist die künstliche Aufhellung des Nachthimmels problematisch. „Lichtverschmutzung hat Auswirkungen auf Insekten, bestimmte Leuchten ziehen sie an. Vögel werden in ihrem Schlaf-Wachrhythmus und im Zugverhalten gestört, Menschen bekommen Schlafprobleme. Auch der Klimaschutz ist durch den erhöhten Stromverbrauch gefährdet“, fasst Quittek zusammen.

Lichtverschmutzung verdeckt den Dortmunder Sternenhimmel

Der Weihnachtsmarkt ist laut Wassmuth eine besonders starke Lichtquelle: Die Dortmunder Innenstadt ist im Winter hell erleuchtet. © Thomas Wassmuth

Tiere werden gefährdet

Wolfhard Koth-Hohmann, Mitglied des Nabu Dortmund, sagt, dass im Tierreich vor allem nachts fliegende Insekten von der Lichtverschmutzung betroffen seien. Darunter viele Nachtfalter- und Käferarten wie beispielsweise der Maikäfer. Auch Nabu-Mitglied Volker Heimel sieht Insekten als bedroht an. „Vor allem Glühwürmchen reagieren negativ auf Licht“, sagt er.

Das liegt daran, so erklärt es Koth-Hohmann, dass die Insekten sich nachts an weit entfernten Lichtquellen wie dem Mond orientieren. Eine Straßenlampe wird daher oft von Insekten spiralförmig umflogen. Entweder verbrennen sie dort oder sie seien dazu gezwungen, sich in der Nähe der Lichtquelle aufzuhalten – was am Rand einer Laterne selten ein geeigneter Ort zur Fortpflanzung ist. „Dies dürfte einer der Gründe für den mittlerweile hinlänglich dokumentierten Schwund fliegender Insekten sein“, sagt Koth-Hohmann.

Bestimmte Fledermausarten, sagt Volker Heimel, werden außerdem von den rot leuchtenden Lampen der Windkraftanlagen angezogen und verenden dort. Die Fledermaus gehöre neben vielen anderen Tierarten auch zu den scheuen Waldbewohnern, die aus hell erleuchteten Stadtgebieten vertrieben werden.

Auch Vögel sind betroffen, sagt Koth-Hohmann: „Wenn das Revier eines Singvogels nachts durch Kunstlicht stark beleuchtet wird, kann er bereits im Winter sexuell aktiv werden. So wurden in der City mehrfach schon im Februar brütende Amseln beobachtet.“ Als Folge könnten die Vögel ihren Nachwuchs nicht mehr ausreichend ernähren.

Schlafprobleme beim Menschen

Hat die Lichtverschmutzung auch Auswirkungen auf den Menschen? „Beleuchtung mit hohen Blaulichtanteilen in der Abendzeit und nachts kann dem Körper signalisieren, dass es noch Tag ist und die Melatonin-Produktion unterdrücken. Damit beeinflusst es den Schlaf-Wach-Rhythmus“, sagt Dr. Ljiljana Udovicic, Senior Scientist an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) in Dortmund.

Neben dem Schlaf-Wach-Rhythmus haben auch viele andere Prozesse im Körper, wie die Körpertemperatur, die Hormonfreisetzung oder die Urinproduktion, einen Zyklus von ungefähr 24 Stunden. Das Licht sorge neben anderen äußeren Reizen am stärksten für die Einhaltung dieses Zyklus. „Zur Schlafeinleitung trägt beispielsweise die Ausschüttung des Hormons Melatonin in der Abenddämmerung bei. Hingegen unterdrückt morgendliches Tageslicht seine Produktion“, sagt Udovicic.

Wer künstlichem Licht mit hohen Blauanteilen somit „zur falschen Zeit“ ausgesetzt sei, beeinflusst damit den Schlaf und innere Vorgänge. Auch Dr. Ronald Doepner, der in einem Dortmunder Schlaflabor arbeitet, steht zu der künstlichen Beleuchtung „wie zum Thema Stress, moderne Medien und Schichtdienst – es sind schlechte, nicht Schlaf förderliche, moderne Errungenschaften.“

Lichtverschmutzung verdeckt den Dortmunder Sternenhimmel

Die kugelförmigen Lampen des Westfalenparks leuchten nicht nur auf den Gehweg, sondern auch in den Himmel. Thomas Wassmuth deckt sie daher immer mit schwarzen Müllsäcken ab, wenn er die Sterne beobachtet. © Thomas Wassmuth

Abdunkeln schafft Abhilfe

Abhilfe zu schaffen ist aber in den meisten Schlafzimmern einfach. Laut Dr. Doepner reicht es, den Schlafbereich ausreichend abzudunkeln, um den Auswirkungen des künstlichen Lichts von draußen entgegenzuwirken.

Problematischer sehen beide Forscher dagegen beleuchtete Medien wie Computerbildschirme, Handys oder Fernseher im Schlafzimmer selber. Diese haben durch das blaue LED-Licht ähnlich negative Effekte. Vor allem Nachtschichtarbeiter sind von dieser Problematik betroffen. In dem Gebiet forscht Dr. Udovicic an der Baua schon seit einigen Jahren.

Diese Medien reichen noch nicht aus, um Thomas Wassmuth den Himmel zu verdunkeln. Die Stadt, so sagt er, ist sogar bemüht, Lichtverschmutzung zu vermeiden. Die Privatgrundstücke sind seiner Meinung nach das Problem. Das sieht auch Volker Heimel so.

Methoden gegen die Lichtverschmutzung

„Am Naturschutzgebiet Hallerey wurden schädliche Quecksilberdampflampen durch Natriumdampflampen ersetzt“, berichtet Thomas Quittek von einer der Präventionsmaßnahmen des Bunds. Erstere Lampen bezeichnet er als „Insektenkiller“, die Natriumdampflampen dagegen strahlen gelbes Licht ab, was nicht so schädlich für Tiere und Umwelt sei. „Man könnte auch Straßenlaternen nachts ausschalten oder dimmen“, sagt Quittek und nennt als positives Beispiel die Lampen am Phönixsee, die mit Bewegungsmeldern ausgestattet sind.

Thomas Wassmuth vom Astronomischen Verein Dortmund wünscht sich mehr Aufklärung über das Thema. „In der Eifel beispielsweise gibt es ein Lichtschutzgebiet“, berichtet er von einer seiner Reisen, die ihn in die Gebiete geführt haben, in denen er die Sterne und Planeten besser als in Dortmund sehen kann. Er ist sich dessen bewusst, dass nicht nur Astronomen, sondern auch Tiere unter den Auswirkungen leiden.

Denn die Astronomie, so Wassmuth, richte den Fokus nicht nur auf den Weltraum. „Ein Bewusstsein über die Welt da draußen wirft auch wieder das Bewusstsein auf uns zurück, unsere Erde – es gibt nichts Vergleichbares im Universum“, sagt er.

Lichtverschmutzung verdeckt den Dortmunder Sternenhimmel

Thomas Wassmuth vor dem Teleskop des Astronomischen Vereins Dortmund. © Alexandra Wachelau

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