Laura Junghanns zur Ausbildung am Schauspiel: „Selbstständigkeit ist ein großes Ding“

dzSchauspiel Dortmund

Laura Junghanns leitet am Schauspiel ein Ausbildungsprogramm, das es in Dortmund bisher nicht gab: Vier Schauspielstudenten aus Graz bringt sie hier das echte Schauspiel-Leben bei.

Dortmund

, 19.11.2018, 09:41 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das gab es bisher in Dortmund nicht: Bérénice Brause, Mario Lopatta, Kevin Wilke, und Frieder Langenberger verbringen ihr viertes und letztes Ausbildungsjahr zu Schauspielern nicht an der Uni Graz, sondern als zusätzliche Ensemblemitglieder im laufenden Betrieb des Dortmunder Theaters.

„Schauspielstudio“ nennt das Theater das neue Ausbildungsprogramm (nicht zu verwechseln mit der Studio-Bühne des Schauspiels).

Mit Kay Voges hat sie die Teilnehmer ausgewählt

Laura Junghanns, 27, leitet dieses Programm. Zusammen mit Intendant Kay Voges suchte sie in Graz die vier Studenten aus: Erst sahen sie ein Theaterstück der Studenten, am Tag drauf führten sie mit allen acht Studenten des Jahrgangs ein Gespräch.

Seit September arbeitet sie mit den vier Ausgewählten in Dortmund, führte Regie bei „Everything Belongs To The Future“, in dem die Studenten seit der Premiere im Oktober am Schauspiel zu sehen sind.

Wir haben mit Laura Junghanns über dieses neue Ausbildungsprogramm gesprochen.

Was war für die Auswahl der Studenten ausschlaggebend?

In erster Linie die Performance an beiden Tagen, sowohl auf der Bühne als auch im Gespräch. Dass man das Gefühl hatte, die wollen was, die suchen was, die sind auch bereit, das letzte Jahr ihrer Ausbildung zu uns zu kommen, statt in Graz zu bleiben. Das ist ja eine doppelte Herausforderung, weil sie nebenbei ihren ganz normalen Studienrhythmus haben, sie müssen zum Beispiel Vorsprechrollen vorbereiten, was wir hier auch unterstützen.

Wie?

Zum Beispiel zeigen sie hier ihre Monologe vor ihren Dozenten aus Graz und einigen Schauspielern des Hauses. Seit November läuft die heiße Phase mit den Vorsprechen bei Intendanten.

Hilft es den Studenten bei Bewerbungen, dass sie hier am Schauspiel sind?

Ich glaube, was sie hier erleben können, ist eine Konfrontation mit Spielerinnen und Spielern, die extrem viel Berufserfahrung haben, die zum Teil schon fast 40 Jahre im Beruf sind, und diese Erfahrung kriegt man an der Schauspielschule ja nicht. Natürlich hat man da mit Gastdozenten zu tun, die teilweise selbst noch spielen, aber das ist ein viel pädagogischerer Ansatz. Hier im Theaterbetrieb geht es eher darum die alltägliche Spiellust, Spielfreude, zu finden, die wachsen muss, wenn man in diesem Beruf die nächsten Jahrzehnte arbeiten möchte.

Glauben Sie, die Teilnahme an diesem Stipendium beeindruckt die Intendanten?

Sicherlich. Weil die Häuser wissen, dass die Studenten bereits für einen längeren Zeitraum die normale Praxis mitgemacht haben. Am Freitag oder Samstag Premiere, am Dienstag drauf geht die nächste Produktion los, außerdem haben sie die Spieltermine der aktuellen Produktion. Die Stipendiaten werden rein dispositionell hier nicht anders behandelt als die Schauspieler des Ensembles. Andererseits sind sie vielleicht noch ein bisschen geschützter, weil man ja weiß, sie sind noch nicht ganz fertig, und man hilft und unterstützt.

Ähnliche Stipendienmodelle gibt es auch an anderen deutschen Häusern. Gibt es da Unterschiede zu Dortmund?

Ich glaube, der Vorteil hier ist, dass das Haus recht klein ist, dadurch müssen sie auch viel spielen. Woanders, wo das Ensemble größer ist, gibt es womöglich entsprechend mehr Freirunden.

Wie war die Arbeit an „Everything Belongs To The Future“?

Die Bühnenfassung dieser Novelle von Laurie Penny habe ich gemacht, und ich arbeite gerne so, dass ich den Schauspielern die Möglichkeit gebe, sich bei der Fassung einzubringen. Das eine ist, wenn man am Schreibtisch einen Text schreibt, das andere, wenn man den Text dann vom Schreibtisch auf die Bühne bringt. Dann ist es ein Mehrwert, wenn ein Schauspieler das liest und interpretiert und an der ein oder anderen Stelle einen guten Vorschlag hat. In den ersten Wochen war es ein gegenseitiges Kennenlernen, die vier hatten ja noch keine Erfahrungswerte mit der Stadt und dem Haus und mit mir. Aber dann war es ein ganz normaler Probenprozess.
Die Chance, die sie hier haben, ist, eine Freiheit in ihrem eigenen Spiel zu entwickeln. Sich Rollen zu greifen, zu interpretieren, ohne, dass ein pädagogischer Mehrwert dahinterstehen muss. Das ist, glaube ich, eine neue Erfahrung für sie, sich Rollen eigenverantwortlich anzunähern und sich zu nehmen, natürlich in Zusammenarbeit mit Regie, Bühne und dem ganzen Team, aber das ist schon eine andere Erfahrung, als mit einem Dozenten einen Monolog zu erarbeiten.

Ist das so ein großer Unterschied? Es geht doch in beiden Fällen darum, Kunst zu machen, oder?

Das schon, genau. Aber an der Uni werden die Studenten ja in ganz anderer Weise gefördert. Wenn zum Beispiel jemand Probleme hat, spielerisch an den Zustand Wut ranzukommen, dann werden die Dozenten ihm eine Rolle geben, die ihm dabei hilft. Diese Arbeit der Dozenten ist unglaublich wichtig, damit der Absolvent mit einem Werkzeugkoffer rausgeht und weiß, wie er oder sie an seine oder ihre Emotionen, an seine Techniken und Haltungen rankommt. Das muss man natürlich lernen.

Wie geht es für die Stipendiaten nach diesem Jahr weiter?

Im besten Fall entlassen wir nach diesem einen Jahr vier mündige Schauspieler in die Welt, die etwas zu erzählen haben, die Rollen interpretieren wollen und Spiellust haben. Das ist am Anfang gar nicht so einfach, sich das zu trauen. Beim Schauspiel geht es ja viel um Mut. Es ist etwas ganz anderes, ob man in seiner Hochschule ein Stück vorspielt vor Leuten, die man kennt, und der Familie und vielleicht ein paar Gästen von außen, oder ob man hier in einer fremden Stadt vor fremden Leuten, wo vielleicht ein paar bekannte Gesichter und ein paar vom Haus sind, aber hauptsächlich echtes Publikum, das letztlich auch dafür zahlt, künstlerische Leistung auf der Bühne zu sehen.

Ein Publikum, das den Schauspielern keinen Bonus gibt.

Genau. Wir haben hier Patenschaften, die vier dienstältesten Schauspieler betreuen jeweils einen der Stipendiaten. Das sind Friederike Tiefenbacher, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder und Andreas Beck. Die stehen mit Rat und Tat zur Seite, arbeiten teilweise mit ihnen an Monologen, begleiten sie das ganze Jahr, spiegeln Entwicklungsschritte, sagen, wenn’s mal Not tut, ein gutes Wort oder üben auch Kritik.

Laura Junghanns zur Ausbildung am Schauspiel: „Selbstständigkeit ist ein großes Ding“

Szene aus „Everything Belongs To The Future“ mit Mario Lopatta (v.l.), Bérénice Brause und Frieder Langenberger. © Birgit Hupfeld

War den Studenten klar, was Ensemblearbeit an einem echten Theater bedeutet?

Ich glaube, das war schon ein Kulturschock. Das zweigeteilte Proben zum Beispiel ist an der Uni eher untypisch.

Wie sind die Probenzeiten?

Es gibt immer eine Vormittagsprobe von 10.30 bis 14.30 Uhr, dann Pause und noch eine Probe von 18 oder 18.30 bis 22 Uhr. Das kommt daher, dass sonst abends gespielt wird, und dazwischen gibt es eine vierstündige Ruhezeit. Mit so einem Tagesentwurf sieht man die Freunde mit Neun-bis-Fünf-Jobs eher nicht mehr, unter der Woche.

Daran muss man sich erst mal gewöhnen.

Genau. Und an einem Haus wie in Dortmund hört es ja nach der Abendprobe nicht auf, sondern der Austausch geht danach noch weiter. Morgens vor 10.30 Uhr anzufangen wäre dann auch wirklich gemein.

Was läuft hier noch alles anders als an der Uni?

Das Arbeitspensum ist mit Sicherheit eher mehr, auch weil sie an den Wochenenden ja noch Spieltermine haben. Hier kann es schon passieren, dass sie eine Woche lang durchspielen, und zwar an jedem Abend ein anderes Stück. Das gibt es an der Uni nicht.

Und an der Uni geht es ja mehr oder weniger schulisch zu. Hier ist es ein freieres Arbeiten. Hier ist kein Dozent, der fragt, haste jetzt den Text wirklich gelesen. Das wird hier vorausgesetzt. Selbstständigkeit ist ein großes Ding. Dazu gehört auch, eine Haltung zu entwickeln. Das ist gar nicht so einfach, denn an der Uni wird eine große Offenheit erzogen, dort gilt es, möglichst viel kennenzulernen und alles anzunehmen. Aber hier können sie sich fragen, will ich denn wirklich zu allem ja sagen oder sage ich auch mal nein?

Zum Beispiel wozu?

Zu Regieanweisungen zum Beispiel. Das kann man nicht verallgemeinern, da ist jeder Schauspieler unterschiedlich. Wie schnell sage ich ja bei Regieanweisungen, auch bei extremen Regieanweisungen?

Sie meinen Regieanweisungen, die Mut erfordern?

Ja. Nacktheit zum Beispiel. Alles, was Überwindung kostet. Das setzt voraus, dass man so etwas auch will, weil man darin einen künstlerischen Mehrwert sieht. Dass sie hier im Ruhrgebiet sind, wo sie von so vielen unterschiedlichen Kunst- und Kultursachen umgeben sind, bietet eine große Chance dafür, dass ihr Blick aufgeht.
In Graz ist es etwas abgeschiedener, da ist noch Wien das Nächste und Deutschland ganz schön weit weg. Hier sind sie in einem weitaus höheren Maß konfrontiert mit unterschiedlichen Arbeitsweisen, Kunstweisen, Erzählweisen, da kann man herausfinden, was will man, was man sucht. Unterschiedliche Sichtweisen aufs Theater.

Es geht ja nicht nur um Inhalte, sondern auch um Strukturen, im Probenprozess zum Beispiel. Wo beginnt das Politische? Vielleicht dann doch schon dabei, wie man miteinander umgeht? Wie viel Mitspracherecht es gibt? Das sind Denkanstöße, die man erst dann wirklich erfährt, wenn man in so einem Betrieb drin ist.
Hier spielen die Stipendiaten auch nicht nur mit Kommilitonen zusammen, sondern mit älteren Schauspielern mit ganz unterschiedlichen Werdegängen und Erfahrungshintergründen. Kollegen, die mit einer Selbstverständlichkeit auf die Bühne gehen – oder zumindest so tun.

Ich selbst liebe es auch total, mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, die deutlich älter sind als ich. Das ist eine absolute Bereicherung. Die können logischerweise viel mehr Berufserfahrung reingeben, ihre andere, längere Biografie, ihre Lebenserfahrung und eine andere Sichtweise.
Das würde ich mir wünschen: dass wir diese Offenheit fördern können und das Interesse an Kolleginnen und Kollegen, Figuren, Themen, Theater und Kunst an sich. Ich glaube, das funktioniert sehr gut über so ein Programm.

Wie fördern Sie das?

Ich frage viel. Was interessiert dich an der Rolle, dem Thema, dem Material? Ich kenne das selbst, dass man einen Text liest und zu früh zumacht und sagt: Alles klar, hab‘ ich verstanden. Dass man nicht in die Tiefe geht. Das ist schade. Man muss immer wieder nachfragen, es immer wieder infrage stellen. Im Endeffekt bei jeder Vorstellung und bei jeder Probe, man muss ja immer wieder leer auf die Bühne gehen und die Situation neu erleben. Das gelingt nicht immer, aber das ist das Ziel.

Im Oktober hatte „Everything Belongs To The Future“ Premiere. Wie haben die Studenten das gemacht?

Sehr gut haben sie es gemacht. Natürlich waren sie sehr aufgeregt, aber das ist ja normal. Ich mochte es sehr, dass wir es geschafft haben, ein Netz zu bauen, in dem sie sich frei entfalten und auf die gemeinsame Arbeit vertrauen können.
Das ist auch ein Erfolg für Sie.

Ich finde es einfach wichtig – da kommt jetzt auch ein bisschen meine politische Haltung mit rein –, dass es eine Haltung zur Welt gibt und eine Haltung zum politischen Geschehen und auch zur Kunst und zu dem, was man präsentiert. Das fordere ich ein, egal, ob es junge oder alte Menschen sind. Dass es eine ernste Auseinandersetzung damit gibt, was nicht heißt, dass es nicht auch lustig sein kann, aber dass es eine Tiefe hat, eine Bedeutung.
Theater ist viel zu sehr Leidenschaft, als dass man es nur als einen Job betrachten könnte. Da würde man hier sehr schnell unglücklich, denn dafür gibt man viel zu viel auf, zeitliche Freiheiten, Wochenenden, Familientage.

  • Die Arbeit mit den Studenten ist für Laura Junghanns ein Vollzeitjob. Außerdem arbeitet sie bei der freien Company „Kimchibrot Connection“ in Köln und erarbeitet seit November mit dem Sprechchor des Schauspiels das Stück „Echte Liebe“, Premiere im März.
  • Darüber hinaus schreibt sie Konzepte für die kommende Spielzeit in Dortmund. Im Dezember fährt sie mit Kay Voges nach Graz, um vier Studenten fürs Schauspielstudio der kommenden Spielzeit auszuwählen.
  • Die Schauspielstudenten sind aktuell zu sehen in „Everything Belongs To The Future“ (wieder am 25. 11.), „Der Kirschgarten“ (29. 12.) und in „Tartuffe“ (Premiere am 1. 12.).
Alle Infos zu den Stücken gibt es auf der Seite des Schauspiels.
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