Künstlerin fotografiert gegen Hitler-Fans und andere Nazis

dz„Im Rechten Licht“

Zehn Jahre lang hat Karin Richert immer wieder Nazi-Demos fotografiert. Ihre Fotos sind nun in Dortmund zu sehen. Was macht das mit der Künstlerin? Und: Darf man aus Nazis Kunst machen?

von Anna Maria Stock

Dortmund

, 09.02.2020, 07:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Gruppe Demonstranten, alles Männer. Die NPD-Fahnen schlängeln sich im Wind. Nächstes Foto: Ein Mann sticht aus einer schwarz gekleideten Gruppe hervor. Er wirkt nachdenklich-erfreut. Seine Lippen leicht geschürzt. Auf der Oberlippe trohnt ein Hitler-Bart.

Ihn hat Karin Richert fotografiert. Und auch viele andere Neonazis. Zehn Jahre lang hat die 69-Jährige Nazi-Demos besucht. Mit dem Finger auf dem Auflöser. Eine Auswahl dieser Bilder ist nun unter dem Titel „Im Rechten Licht“ im Dietrich-Keuning-Haus zu sehen. Zur Vernissage ist die Fotografin nach Dortmund gekommen.

Detailaufnahmen

Karin Richert lehnt Nazis ab. Und doch zeigt sie sie auf ihren Bildern in einer gewissen Ästhetik, gibt ihnen vielleicht sogar eine Bühne. Ist das nicht kontraproduktiv für das, was sie mit ihrer Arbeit erreichen möchte? Ist das legitim? Karin Richert reagiert fast erbost: „Ich bin nunmal Künstlerin!“ Ihre Galeristin, Janine Koppelmann, ergänzt: „Es geht nicht darum, schöne Bilder zu machen. Sondern darum, Dinge sichtbar zu machen.“

Deshalb konzentriere Richert sich in ihren Aufnahmen oft auf Kleinigkeiten wie T-Shirt-Aufdrucke. Oder Tätowierungen. Auf einem Foto sieht man eine Person, deren Arm stellenweise mit dunklem Tape abgeklebt ist: Darunter versteckten sich vermutlich verfassungsfeindliche Tatoos, erklärt Janine Koppelmann.

Hinter der Kamera

Vor der Kamera fühlt sich Karin Richert nicht wohl. Nur bei Ausstellungseröffnungen lasse sie sich fotografieren, erzählt die hagere Künstlerin. Also lässt sie an diesem Abend (6. Februar) die Pflicht-Fotos mit sichtlichem Unwohlsein über sich ergehen.

Wohl fühlt sich Karin Richert hinter der Kamera. Bequem macht sie es sich dort jedoch nicht. Wie kam sie auf die Idee, sich zehn Jahre lang mit Neonazis zu beschäftigen? „Ich wollte zeigen, inwieweit sich rein äußerlich die Neonazis verändert haben und dass sie schon lange vor der AfD mitten in der Gesellschaft waren“, sagt sie mit ihrer rauen Stimme.

Sie habe schon 2005 gewusst, dass der Rechtsextremismus mitten in der Gesellschaft angekommen war. Mit der Zeit hätten sich aber mehr und mehr dazu bekannt: „Der Dammbruch passierte später.“ Mit NSU und Pegida. „Da sind auf einmal Menschen auf die Straße gegangen, die es drei Jahre davor nicht gewagt hätten. Und das hat auch der AfD geholfen.“

Künstlerin fotografiert gegen Hitler-Fans und andere Nazis

Die Künstlerin und Fotografin Karin Richert © Anna Maria Stock

„Keine Gewalt ist auch keine Lösung“, liest man in altdeutscher Schrift auf einem T-Shirt eines abgelichteten Protestanten. Wenn Richert auf den Demos unterwegs war, richtete sie jedoch stets ihre Kamera auch auf die andere Seite. Zu den Gegendemonstranten.

„Wir sind mehr“

Die Gegendemos seien meist größer gewesen. „Gott sei Dank“, sagt sie. „Im Grunde genommen sind wir mehr.“ Und so hängen zwischen den Bildern von NPD-Demos, Hooligans und Identitären immer wieder Aufnahmen wie: „Nur Idioten brauchen einen Führer.“ Ein Plakat, von Richerts Kamera festgehalten. „AfD wählen ist so 1933“, liest sich auf einem andern. Oder: „Wir fordern mehr Bildung für Nazis.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Ausstellung "Im Rechten Licht" mit Neonazi-Bildern

Die Fotografin Karin Richert hat über zehn Jahre hinweg Neonazis fotografiert. Ihre Bilder sind nun in einer Ausstellung in Dortmund zu sehen. Wir zeigen eine Auswahl ihrer Fotos.
07.02.2020
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Zehn Jahre lang fotografierte Karin Richert Neonazi-Demos.© Karin Richert
Hitler-Bart und andere szenetypische Details: Karin Richert fotografiert Neonazis.© Karin Richert
"Nur Idioten brauchen einen Führer" – auch Plakate von Gegendemos, hier eines aus Dortmund, zeigt Karin Richert.© Karin Richert
Karin Richert fotografiert häufig Details wie T-Shirt-Aufdrucke und Tätowierungen – wie hier bei einer Neonazi-Demo in Hamm.© Karin Richert
Wieder ein Plakat von einer Gegendemo.© Karin Richert
Karin Richert interessiert auch die Gegenseite.© Karin Richert

Auf die Frage, ob sie jemals bedroht worden sei, antwortet sie: „Ich habe immer geguckt, dass ich drei Polizisten im Rücken habe.“ Und lacht, als meine sie das gar nicht ernst. Fast beiläufig erzählt sie, dass sie einmal die Bürgerbewegung Pro Köln, eine rechtsextreme Gruppe, auf einen rechten Blog gesetzt habe. Mit Foto und vollem Namen.

„Aber das hat mich nicht bewogen aufzuhören.“ Sie habe damals zehn Jahre für das Projekt geplant. „Die habe ich durchgehalten.“ Es ist nicht ihr einziges Langzeitprojekt. 20 Jahre lang hat Karin Richert politische Graffiti in Köln dokumentiert.

Fotografie, die sich einmischt

„Ich bin noch 68er-Generation. Da kann man nur politisch arbeiten. Blumenwiesen funktionieren da nicht.“ Weiterhin sagt sie: „Ich finde, dass Kunst den Finger in Wunden legen sollte und auf Dinge aufmerksam machen, die sonst gar nicht mehr registriert würden.“

Vor zwei Jahren waren Karin Richerts Bilder in einer großen Einzelausstellung im Kölner Stadtmuseum zu sehen. Die Fotografin erzählt, dass damals Besucher zu ihr gesagt hätten: „Frau Richert, sehr gute Bilder. Aber sie sind erschreckend.“ Darauf habe sie erwidert: „Dann habe ich ja alles richtig gemacht.“

Karin Richert sagt, Politik und Gesellschaft müssten mehr gegen Rechts tun. Lauter werden. Es gibt viele Möglichkeiten, lauter zu werden. Die Fotografie ist eine. Mit ihren Fotos ruft Karin Richert in die Welt: Steht auf gegen Rechtsextremismus!

Die Foto-Ausstellung „Im rechten Licht. Die rechte Szene in NRW, dokumentiert von Karin Richert“ ist noch bis 27. Februar im Dietrich-Keuning-Haus (Leopoldstraße 50-58) zu sehen. Geöffnet von Dienstag bis Samstag, 10-22 Uhr. Der Eintritt ist frei.
„Manchmal macht ein Bild mehr klar als eine Seite Text“, sagt Karin Richert. Über ihre Bilder zu lesen, ist schön und gut. Doch sie anzuschauen, ist besser. Die Fotografien sind noch bis 27. Februar im Dietrich-Keuning-Haus in der Dortmunder Nordstadt zu sehen. In Dortmund war Karin Richert übrigens auch einige Male auf Nazi-Demos.

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