Künstler an der Armutsgrenze: Freie Szene drängt auf höhere Zuschüsse der Stadt Dortmund

dzDortmunder Kultur

Wie viel Geld ist der Stadt die freie Kulturszene wert? Deren Vertreter drängen in alarmierenden Briefen darauf, den Zuschuss von 2,3 Millionen Euro um knapp die Hälfte hochzufahren.

Dortmund

, 22.10.2018, 17:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Debatte um die angemessene Förderung der Freien Kulturarbeit in Dortmund bekommt neue Nahrung. Kurz vor dem Beginn der politischen Beratungen für den Haushalt 2019 mahnen Vertreter der freien Kunst- und Kulturszene in zwei alarmierenden Schreiben an die Ratsfraktionen zusätzlichen Geldbedarf von insgesamt 1,13 Millionen Euro an. Mit Blick auf die roten Zahlen im Stadthaushalt schlagen sie vor, die derzeitigen Zuschüsse von 2,3 Millionen Euro pro Jahr in einem Drei-Stufenverfahren hochzufahren: je 400.000 Euro zusätzlich für die Jahre 2019 und 2020 sowie 330.000 Euro in 2021.

Es gibt Künstler, die eine Rente von 72 Euro erhalten

Die „qualitativ hochwertige Arbeit“ der freien Szene werde nach wie vor „durch Selbstausbeutung der Akteure“ bezahlt, heißt es in den beiden Schreiben, die Dr. Rudolf Preuss, Vorstandsvorsitzender des Kulturzentrums Balou in Brackel, stellvertretend für zwölf weitere Akteure unterzeichnet hat.

„Wir möchten erreichen, dass die Künstler auskömmliche Einnahmen und Alterssicherungen haben“, erläutert Preuss auf Anfrage. „Uns sind Fälle von Musikern bekannt, die auf Honorarbasis gearbeitet haben und jetzt eine monatliche Rente von 72 Euro bekommen.“ Niemand spreche über die sozialen Probleme in der freien Szene, die häufig von prekärer Beschäftigung und unsicheren Arbeitsverhältnissen geprägt sei.

Und vielleicht wolle das Publikum den Verdienst der Künstler gar nicht so genau wissen. „Das könnte den Kunstgenuss ja stören“, so Preuss. Profiteure dieser Situation seien die jeweiligen Besucher und staatliche Institutionen. „Sie bekommen für kleines Geld viel Kultur.“ Die große Rechnung komme für die Stadt später. Etwa, wenn sie beispielsweise für die Grundsicherung der Akteure im Alter aufkommen müsse.

Ein Fonds für Ausstellungen soll her

Der Großteil der Arbeit der Freien Szene werde in Einrichtungen wie beispielsweise Balou, Depot, Domicil oder dem Theater Fletch Bizzel geleistet. In diesen Zentren sei es gelungen, dank der städtischen Zuschüsse auch längerfristige Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Das gilt aber nur für einen Bruchteil der Akteure: „Die meisten Künstler arbeiten auf Honorarbasis in Projekten“, weiß Preuss.

Künstler im Theater und bei Musikveranstaltungen würden selbstverständlich honoriert. Auf der anderen Seite gebe es in der freien Szene Kulturschaffende, die beispielsweise über Monate hinweg Ausstellungen vorbereiten, Zeit und Geld investieren, am Ende aber nichts verkauften und ohne Einnahmen dastünden. Gerade im Bereich der Ausstellungsförderung bestehe „dringender Bedarf“, mahnen die Akteure – und schlagen einen 70.000 Euro schweren Fonds für Ausstellungshonorare vor.

CDU-Sprecher: „Müssen über den Umfang reden“

Er soll aus jenen Zuschüssen gespeist werden, die nach Vorstellungen der freien Szene in einzelne Kunstsparten fließen sollen: Rund 600.000 Euro des erhofften Gesamtbetrages von 1,1 Millionen Euro möchten die Kulturschaffenden als „institutionelle Förderung“ in die Zentren gesteckt wissen. Die weiteren 500.000 Euro sollen den Einzelsparten wie beispielsweise Musik, Darstellende und Bildende Kunst zugute kommen.

Aus den Rathausfraktionen heißt es, man werde sich in Kürze mit Vertretern der freien Szene zusammensetzen. „Ich bin völlig ergebnisoffen“, sagt etwa Joachim Pohlmann, kulturpolitischer Sprecher der CDU. Er wisse um die Probleme der freien Kulturszene, warne aber mit Blick auf den Stadthaushalt vor übertriebenen Erwartungen. Er sei nicht grundsätzlich gegen eine Aufstockung der Subventionen. „Über den Umfang werden wir sicherlich reden müssen.“

Kämmerer Stüdemann sieht „etwas Luft“

Kulturdezernent Jörg Stüdemann verweist auf vergleichbare Diskussionen in anderen Städten. „Ich kann nachvollziehen, dass die Debatte auch uns jetzt erreicht.“ Zur Höhe der gewünschten Förderung wollte sich Stüdemann auf Anfrage nicht äußern. In seiner Funktion als Kämmerer, der die Stadtfinanzen hütet, deutet er jedoch überraschend Spielraum an: Die Entwicklung der aktuellen Haushaltszahlen sei besser als erwartet. Stüdemann. „Wir haben etwas mehr Luft nach oben für den ein oder anderen Wunsch.“

Auch Kerstin Kokoschka, Leiterin des städtischen Kulturbüros, zeigt Verständnis für die Forderungen der freien Kulturszene. Zwar seien die Zuschüsse 2012 um rund eine Million Euro und für 2018 um rund 250.000 Euro erhöht worden. Seitdem habe sich aber gerade die freie Szene vervielfältigt und potenziert, so Kokoschka.

Dortmund sei Ausbildungsstadt für junge Künstler, die nach abgeschlossenem Studium hier auf den Markt drängten. „Eine wachsende Szene mit so viel Differenzierungen hat auch eine höhere Finanzausstattung zur Folge.“

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