Chaotische Verhältnisse herrschen offenbar in der Stadt, wenn es um geordnete Urlaubsplanung geht. Unser Autor macht dafür eine heillose Überforderung der Führungskräfte verantwortlich.

Dortmund

, 14.01.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

231 Jahre Resturlaub haben die städtischen Bediensteten bis Ende des Jahres 2018 angesammelt. Und dabei sind viele Bereiche noch nicht einmal eingerechnet. Nicht die Fabido, die in Dortmund rund 100 Einrichtungen bereithält, nicht das Theater und die Kulturbetriebe und auch nicht die Stadtentwässerung. Es wäre ein Wunder, wenn dort am Ende des Jahres keine Urlaubstage übrig geblieben wären.

Ja, es kann vorkommen, dass nicht jeder Mitarbeiter seinen Urlaub bis zum Jahresende nehmen kann. Mal wird ein Mitarbeiter krank und zuweilen gibt es auch Wahlen, eine Riesen-Evakuierung wegen eines Bombenfundes, einen Kirchentag, eine BVB-Meisterfeier, irgendeine andere Großveranstaltung oder ein plötzliches Ereignis, das einen hohen Personaleinsatz erfordert, wie etwa bei der Flüchtlingslage 2015. In all diesen Fällen kann der Dienstherr völlig zurecht erwarten, dass sich Mitarbeiter besonders ins Zeug legen, Überstunden machen und auch mal einen Tag Urlaub verschieben.

„Bemerkenswert“ ist noch milde gesagt

Das alles versteht sich von selbst, aber in einem solchen Maße? 231 Resturlaubs-Jahre? Im Schnitt 8,4 Resturlaubstage pro Mitarbeiter? Der Bund der Steuerzahler spricht sehr dezent von einer „bemerkenswerten“ Situation und beklagt dezent Mängel in der Personalplanung und -führung. Man kann es aber auch drastischer sagen: Es ist offensichtlich, dass die Führungskräfte der Stadt ihre Verantwortung in Sachen Planung und Führung des Personals nur unzureichend wahrnehmen und heillos überfordert sind.

Wer in die Privatwirtschaft blickt, wird mutmßlich keinen Betrieb finden, in dem es Mitarbeiter in solchem Überfluss gibt, dass Krankheit und besondere Ereignisse – egal, ob es ein Großauftrag ist, eine Systemumstellung, ein Umzug oder anderes – nicht zu einer großen Belastung führen. Auch in privaten Firmen gibt es Belastungsspitzen, die aufgefangen werden müssen. Trotzdem achten die allermeisten Firmen peinlich genau darauf, dass das Urlaubskonto ihrer Angestellten und Arbeiter am Ende des Jahres halbwegs ausgeglichen ist.

Die Ausnahme ist in Dortmund die Regel

Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen – schließlich verursacht allein die Verwaltung von Resturlaubstagen zusätzliche Kosten und gelöst wird das Urlaubsproblem so auch nicht, sondern nur verschoben. Nein, gute Chefs achten auch aus schierem Eigennutz darauf, dass ihre Mitarbeiter Urlaub machen: damit sie möglichst lange gesund bleiben, gute Arbeit leisten und eben nicht durch Krankheit ausfallen.

Und sie achten darauf, weil der Gesetzgeber ausdrücklich festgeschrieben hat, dass Urlaub nur in Ausnahmefällen ins nächste Jahr verschoben werden darf. In der Stadt Dortmund allerdings ist die Ausnahme zur Regel geworden und das ist falsch. Falsch für die Stadt und falsch für die Mitarbeiter.

Seit Jahren lebt die Stadt auf Pump

Jede Frau und jeder Mann weiß, dass er mit seinem privaten Geld auskommen muss. Wenn ein Auto oder die Waschmaschine ihren Geist aufgibt, ist vielleicht kein Geld mehr für die neue Polstergarnitur da. Wenn es am Monatsende eng wird, reicht es vielleicht erst im nächsten Monat für die neuen Jeans.

Wer nicht in der Schuldenspirale landen will, achtet darauf, mit seinem Geld über die Runden zu kommen. Anders die Stadt Dortmund. Sie kommt seit vielen Jahren nicht mit dem Geld aus, das sie einnimmt. Fairerweise muss man sagen: Das hat viele Gründe und für längst nicht alle trägt die Stadt die Verantwortung. Bund und Länder wälzen gerne Aufgaben auf die Städte ab, ohne die so entstehenden Kosten auszugleichen. Das ist mies.

Es fehlt am Willen zur Aufgabenkritik

Aber dieses Argument allein reicht nicht als Entschuldigung, dass die Stadt permanent auf Pump lebt. Und das nicht nur beim Geld, sondern eben auch bei der angehäuften Menge an Resturlaubstagen. Auch hier lebt die Stadt auf Pump, denn diese Tage verschwinden ja nicht einfach, sondern wandern als Hypothek mit ins Folgejahr. Exakt wie bei den Hypotheken der Banken. So wirtschaftet kein kluger Verwalter. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass die Rahmenbedingungen für die Stadt selten so gut waren wie in den vergangenen Jahren. Zwischen 2012 und 2018 stieg die Zahl städtischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um 567. Trotzdem türmte sich der Resturlaubs-Berg auf.

Seit Jahren fehlt es der Stadt an ernster Aufgabenkritik. Was muss sein, weil gesetzliche Vorgaben erfüllt werden müssen? Was ist so wichtig, dass wir darauf auf keinen Fall verzichten wollen? Und was ist zwar schön, aber letzlich eine freiwillige Aufgabe, von der wir uns - wenn auch schweren Herzens - verabschieden können?

Weitsicht ist nicht erkennbar

Einschnitte sind immer schmerzlich und wer sie beschließt, tritt anderen auf die Füße. Deshalb erfordert das Kürzen mutige Menschen, die auch dann standhaft bleiben, wenn ihnen dafür der Wind ins Gesicht bläst.

Im September sind Kommunalwahlen. Da muss man realistisch sein: Keine Partei wird sich im Vorfeld mit Kürzungsvorschlägen profilieren. Wer klug handelt und kürzen will, wird abgestraft. Wer ungeniert auf Pump lebt, wird belohnt. Es ist eine absurde Logik, aber so funktionieren Wahlen. Daher dürfen wir auch in diesem Jahr eher Wahlversprechen erwarten als weitsichtige Bescheidenheit. Besserung ist nicht in Sicht und die Hypothek, die diese Stadt mit sich herumschleppt, wird schwerer. Das betrifft den Umgang mit Geld und den Umgang mit dem Urlaub des Personals gleichermaßen.

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