Wie entstehen Vorurteile? Und welchen Einfluss haben diese auf das Zusammenleben? Diese Fragen beantwortete ein kritischer Stadtrundgang durch die Dortmunder Innenstadt beim Kirchentag.

Dortmund

, 22.06.2019, 12:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Etwa 50 Kirchentag-Besucher drängen am Friedensplatz um Sabrina Beckmann und Canan Demirkol vom Multikulturellen Forum. Sie begeben sich am 21. Juni alässlich des Kirchentages auf die Spuren verschiedener Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Damit ist unter anderem Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus oder die Abwertung transsexueller Menschen gemeint.

Eine Teilnehmerin ist Sabine Vogel-Schuster aus Stuttgart. Sie macht beim Sadtrundgang mit, weil sie sich über ihre eigenen Vorurteilen im Klaren werden möchte.

Ein schmaler Grat zwischen ersten Eindruck und Schubladendenken

Und dazu hat sie auch gleich zu Beginn die Gelegenheit. Canan Demirkol und Sabrina Beckmann zücken aus einer Tasche Karten mit Bildern. Zu sehen sind Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religionzugehörigkeit. Beckmann fragt: „Mit wem würden sie gerne etwas trinken gehen?“

Die Referenten diskutieren mit den Teilnehmern, auf welcher Grundlage Menschen bewertet werden. Es fallen Antworten wie Aussehen, Beruf, Erfahrungen oder Gemeinsamkeiten.

Man müsse zwischen einem ersten Eindruck und Diskriminierung unterscheiden, so Beckmann. Diskriminierend sei es erst, wenn Menschen aufgrund bestimmter Merkmale in eine negative Schublade gesteckt werden. Dadurch würde die Wirklichkeit verzerrt und Machtverhältnisse ausgenutzt.

Die Diskriminierung von Transsexuellen

Die erste Station des Stadtrundgangs führt zum Dortmunder Standesamt, wo die Diskriminierung von Homosexuellen und transsexueller Menschen im Mittelpunkt steht. Zwar gebe es inzwischen die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe, jedoch haben insbesondere Transsexuelle nach wie vor mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, erklärt Beckmann.

Anschließend geht es weiter zum Gedenkstein für Kurt Dorr vor dem Rathaus. Dorr wurde während der Nazizeit wegen Homosexualität, „Umhertreibens“ und Bettelei verhaftet. Wenig später starb er im KZ Sachsenhausen.

NSU: Wenn Opfer zu Tätern gemacht werden

Am Parkdeck nahe der Berswordthalle werden Zitate aus der operativen Fallanalyse zu NSU-Opfern vorgelesen. Schnell ist klar, worum es geht: Zunächst hatte niemand an mögliche Täter aus der rechten Szene gedacht.

Stattdessen unterstellte man den Opfern, Mitglieder von kriminellen Gruppen gewesen zu sein. „Ein typischer Fall von unbewusster institutioneller Diskriminierung“, erklärt Canan Demirkol.

Die vierte Station führt zu einem Reisebüro, wo das Thema „Othering“ im Fokus steht. Damit wird die Zuschreibung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen verstanden.

Als Beispiele werde einerseits der Orient genannt, der in der Vergangenheit in Literatur und Medien häufig romantisiert wurde, und andererseits der Islam, der heutzutage regelrecht dämonisiert werde.

Antisemitismus geht nicht nur von Extremisten aus

Letzte Station des Rundgangs ist der Platz der alten Synagoge, wo das Thema „Antisemitismus“ offenkundig wird. Dass dieser auch nach Ende der Nazizeit weiterhin bis in die Mitte der Gesellschaft reicht, wird anhand von Zuschriften an die israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden belegt.

Sabrina Beckmann betont, dass es sich bei den vorgelesenen Briefen keineswegs um Extremisten aus dem rechten Milieu handelt, sondern dass die Absender mitunter Lehrer, Anwälte und Professoren seien.

Beckmann fasst die Botschaft des Rundgangs wie folgt zusammen: „Vorurteile und Rassismen seien auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts an der Tagesordnung. Es braucht noch viel Engagement und Aufklärung, um diese aus dem Weg zu räumen.“

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