Im Ruhrgebiet wird der Konflikt zwischen Kurden und türkischen Nationalisten schärfer. In Dortmund bleiben harte Auseinandersetzungen noch aus. Aber die Stimmung ist aufgeheizt wie noch nie.

Dortmund

, 17.10.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Verein Nav-Dem (Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurden in Deutschland) hat bis zum Ende zum 18. Oktober täglich Demonstrationen an der Reinoldikirche angekündigt. Seit dem 9. Oktober - dem Tag, an dem die türkische Armee begonnen hat, Städte im syrisch-türkischen Grenzgebiet rund um die Stadt Rojava zu bombardieren - ist die kurdische Community in Dortmund und in vielen anderen deutschen Städten in Bewegung.

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Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Professor an der „IUBH Internationale Hochschule“ (Standort Dortmund), sagt: „Je länger der Konflikt anhält, je dramatischere Kriegsbilder eintreffen, desto mehr kann sich der Konflikt in NRW zuspitzen.“

Der Schrecken des Krieges in einem Dortmunder Friseursalon

Die Bilder von Bombenopfern und Panzern sind in den Nachrichten und vor allem in den sozialen Medien präsent. Doch der Schrecken des Krieges kann Dortmundern aktuell auch in ganz alltäglichen Situationen ganz nahe kommen.

Hüseyin Yilmaz ist Inhaber des Friseursalons „Gute Laune“ an der Kaiserstraße. Seit 25 Jahren ist Deutschland seine Heimat und „das Land, das ich vermisse, wenn ich woanders bin“.

Er ist Kurde, ein Teil seiner Familie lebt noch in Syrien und der Türkei. Er sagt: „Ich werde in den letzten Tagen jede Stunde wach und schaue bei Facebook, was es Neues gibt.“ Was er sieht, sind oft schreckliche Bilder von toten Kindern und Hinrichtungen.

Nur, um eine Vorstellung zu schaffen: Das ist ungefähr so, als würde man selbst in 4000 Kilometer Entfernung sitzen und zusehen, wie im Ruhrgebiet Menschen sterben und Krieg herrscht.

Warten auf die Nachricht von der Familie

Maher Khalil ist Angestellter im Salon „Gute Laune“. Am Dienstagnachmittag fegt er gerade die Haare eines Kunden zusammen. Danach blickt er auf sein Handy, wie schon unzählige Male zuvor an diesem Tag. Wieder keine Nachricht von seiner Familie, die in der Kriegsregion Rojava lebt.

Ob ihnen etwas zugestoßen oder nur das Funknetz lahmgelegt ist – er weiß es zu diesem Zeitpunkt nicht. „Seit drei Tagen kann ich niemanden erreichen“, sagt Maher Khalil.

Er erzählt von seiner kranken Mutter, von seinem Onkel, der bei einem Bombenangriff verletzt worden ist. Er erzählt von seiner Schwester, die Verwundeten hilft und dafür von IS-Kämpfern, die sich auf die türkische Seite geschlagen haben, mit dem Tod bedroht wird.

Ihm schießen Tränen in die Augen. „Ich verstehe es nicht“, sagt Maher Khalil und seine Hilflosigkeit ist mit Händen zu greifen. „Es ist schlimm. Europa tut gar nichts. Wir wurden benutzt, um Isis zu bekämpfen und jetzt lässt uns die ganze Welt im Stich.“

Das „Wir“ benutzt er bewusst. „Viele organisieren sich von selbst. Durch unsere Geschichte ist jeder Kurde Politiker“, sagt Hüseyin Yilmaz.

Aufgeheizte Stimmung bei den Demonstrationen

Die Demonstrationen sind für viele Kurden, die in Deutschland leben, ein Mittel gegen die Hilflosigkeit. Doch die Stimmung rund um die Demonstrationen ist zunehmend aufgeheizt. In mehreren Städten kam es zuletzt zu Ausschreitungen. In Herne etwa gab es Handgreiflichkeiten zwischen Türken und Kurden und Verletzte bei Angriffen auf eine türkische Shisha-Bar und einen Kiosk.

Viele Menschen türkischer Herkunft verteidigen die Politik von Recep Tyyip Erdogan und stehen für einen türkischen Nationalismus ein. Auch, weil viele Einwanderer von der Regierungspartei AKP gezielt umworben werden und wichtige Stimmenbringer sind.

Bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2018 stimmten rund 65 Prozent der Deutsch-Türken für Erdogan. Rund die Hälfte der Wahlberechtigten beteiligte sich an der Wahl. In Dortmund feierten Erdogan-Anhänger den Wahlsieg 2018 auf den Straßen.

In Nordhrein-Westfalen leben rund 400.000 Menschen kurdischer Herkunft und 905.000 Menschen türkischer Abstammung. In Dortmund gibt es rund 22.000 türkische Staatsbürger, weitere rund 16.000 haben Wurzeln in der Türkei.

Türkeiexperte Burak Çopur sagt: „Die Demonstrationen müssen ebenso geschützt werden wie türkische Einrichtungen und Institutionen. Der Protest muss auf beiden Seiten friedlich und zivilgesellschaftlich sein.“

„Kindermörder Erdogan!“ Wie sich der Konflikt zwischen Dortmunds Kurden und Türken zuspitzt

Mädchen in Militärkleidung beim Auftakt einer Reihe von Demonstrationen von kurdischen Organisationen gegen den Militäreinsatz in Nordsyrien. © Felix Guth

In Dortmund ist der Protest friedlich

Zum Start der Demo-Reihe in Dortmund gelingt rund 200 Menschen genau das. Sie stehen bei Nieselregen an der Nordseite der Reinoldikirche. Zwei Männer halten Reden auf kurdisch, verurteilen darin den Angriff von Erdogans Truppen und beklagen das Leid, das er über die Menschen in Rojava bringt. Sie skandieren Sprechchöre wie „Kindermörder Erdogan“ und „Für ein freies Kurdistan“, fordern aber auch: „Deutsche Panzer raus aus Kurdistan“.

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Das Demo-Publikum besteht ebenso aus älteren Männern wie aus jungen Hipster-Mädchen und Müttern, mit oder ohne Kopftuch. Ein etwas bizarres Bild: Zwei circa achtjährige Mädchen in Militär-Outfit schwenken neben dem Redner die kurdische Nationalflagge. Rund 30 Polizisten begleiten die Szenerie. Die Sorge vor Provokationen ist spürbar. Bisher blieb in Dortmund alles friedlich.

Der Konflikt geht bis in Familien hinein

Wie tief der kurdisch-türkische Konflikt in das Binnenverhältnis des migrantisch geprägten Teils der Gesellschaft einwirkt, zeigt ein Gespräch mit Ece Ugur, einer 23-jährigen, die zurzeit ein Praktikum in unserer Lokalredaktion absolviert. Ihre Familie gehört der ebenfalls verfolgten muslimischen Minderheit der Aleviten an und stammt aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet.

Ece Ugur stellt in ihrem Umfeld fest: „Der Hass unter jungen Leuten war noch nie so stark wie jetzt.“ Freundschaften mit Menschen, die Erdogans Kurden-Politik gutheißen, würden gar nicht erst geschlossen - oder beendet.

„Das geht bis in Familien hinein, wo die jüngere Generation eine andere Haltung vertritt als die ältere“, sagt Ece Ugur. Flächen, auf denen sich der Konflikt abbilden kann, gibt es viele: in der Nachbarschaft, auf der Arbeit, im Beruf oder im Sportverein.

Gibt es denn überhaupt so etwas wie konstruktive Lösungen in diesem Konflikt? Politikwissenschaftler Burak Çopur spricht sich für Investitionen in historische Bildung aus. Er sieht die Vertreter der türkischen und der kurdischen Community in Deutschland in der Pflicht, „gemeinsam ein Zeichen zu setzen für friedliche Proteste und eine Beendigung des Angriffskrieges.“

Öffentliche Provokationen wie der Militärgruß von Fußballern schüren den Konflikt

Provokationen wie der Militärgruß von türkischen Fußball-Nationalspielern sollten aufhören. Die türkische Mannschaft hatte sich nach den beiden jüngsten EM-Qualifikationsspielen salutierend vor den Fans präsentiert.

Auch der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan und andere deutschstämmige Nationalspieler und Bundesliga-Profis hatten das unterstützt und waren deshalb in die Kritik geraten. „Wenn sich solche Vorbilder für einen Angriffskrieg einsetzen, dann ist das eine integrationspolitische Katastrophe“, sagt Burak Çopur.

Zwischen all den Schreckensmeldungen gibt es für Maher Khalil am Mittwoch endlich gute Nachrichten. Es gelingt ihm, kurz mit seiner Mutter zu sprechen, ehe der Empfang wieder zusammenbricht. Die Umstände bleiben schwierig. Aber: Alle leben.

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