Kinderklinik Dortmund: Der Druck steigt

dzMedizin

Die Kinderklinik an der Beurhausstraße ist wichtig für Dortmund. Dass es sie überhaupt gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. An vielen Orten mussten derartige Kliniken schließen.

Dortmund

, 16.11.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Einige Zahlen zeigen, welche Bedeutung die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin für Dortmund und das Umland hat: 18.500 Fälle werden hier im Jahr behandelt, das sind rund zehn Prozent aller Behandlungen am Klinikum Dortmund. Hier arbeiten 50 Ärzte, 15 Chirurgen und über 200 Pflegekräfte rund um die Uhr, um Patienten vom Moment der Geburt bis zur Volljährigkeit zu versorgen.

Und trotzdem muss Dortmund froh sein, dass es überhaupt noch eine Kinderklinik hat. Denn wie an fast allen Standorten derartiger Häuser ist die Arbeit teuer - und verlustreich.

Die Kinderkliniken in Deutschland haben ein chronisches Problem

Jede fünfte Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin ist seit Anfang der 90er-Jahre in Deutschland geschlossen worden, jedes dritte Bett wurde gestrichen. Fachverbände beklagen seit Jahren die Unterfinanzierung, die letztlich auf Kosten der Versorgung von Kindern gehe.

In St. Augustin bei Bonn steht gerade eine renommierte Herzklinik auf der Kippe. Zu Schließungen von Kinderstationen kam es zuletzt unter anderem in Kiel, im Wangen im Allgäu oder in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern).

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„Es ist ein chronisches Problem“, sagt der Dortmunder Klinikdirektor Prof. Dr. Dominik Schneider.

Die Ursache dafür ist das Abrechnungssystem mit den Krankenkassen nach Kostenpauschalen mit dem Namen DRG - das steht für „Diagnosis Related Group“, also diagnosebezogene Fallgruppierungen. Heißt: Jedes Krankheitsbild wird mit einem pauschalen Betrag abgerechnet. Was für die „normale“ Medizin oft funktioniert, fährt in der Kinder- und Jugendheilkunde vor die Wand.

Hier gibt es höhere Fixkosten, mehr seltene Fälle und hohen Personalbedarf. Prof. Schneider sagt: „Die Pädiatrie bildet alles ab, vom Neugeborenen bis zur 17-Jährigen mit Polyintoxikation.“ Allein die „Vorhaltekosten“, um auf alles vorbereitet zu sein, machten rund 40 Prozent der Gesamtkosten aus.

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Doch im DRG-System gibt es für die Vorhaltekosten keine Entsprechung. Ebensowenig wie für Gespräche mit Eltern, behutsame Therapierung von Kindern und die gestiegenen Anforderungen an die Räumlichkeiten.

Dortmunder Kinderklinik musste schon Stationen schließen

„Wir haben das Glück, dass die Geschäftsführung nicht einzelne Abteilungen gegeneinander aufrechnet, sondern anhand medizinischer Gründe entscheidet“, sagt Klinikdirektor Dominik Schneider.

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Der BVB zu Besuch in der Kinderklinik

03.12.2018
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Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer
Der BVB besucht die Kinder in der Kinderklinik Dortmund.© BVB/Mareen Meyer

Die genaue Höhe des jährlichen Defizits der Kinderklinik weist das Klinikum nicht aus. Laut Sprecher Marc Raschke liegt das daran, „dass wir nicht auf einzelnen Klinikebenen rechnen, sondern quasi im gesamten Klinikum als ,Gemischtwaren-Laden‘.“ Dies sei eine Besonderheit in deutschen Krankenhäusern: Die Mehrzahl rechne Erträge auf Klinikebene gegeneinander auf.

Klinikum Dortmund rechnet die einzelnen Abteilungen nicht gegeneinander auf

„Die Marschrichtung unseres Geschäftsführers ist es, nicht dieser Deckungsbeitragsrechnung zu folgen und somit womöglich unrentable Bereiche mittelfristig abzustoßen, sondern eben im Sinne unseres öffentlichen Versorgungsauftrags alles quer zu finanzieren“, formuliert es Marc Raschke.

Insgesamt hat die Klinikum Dortmund gGmbH im Geschäftsjahr 2018 zum sechsten Mal in Folge einen Überschuss erwirtschaftet: 5,45 Millionen Euro.

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Die Kinder- und Jugendmedizin in Dortmund ist hoch spezialisiert, etwa im Bereich Onkologie. Und sie ist ein wichtiges Versorgungszentrum für die gesamte Region. Ein schnelles Ende droht also vorerst nicht. Trotzdem ist der Kostendruck auch hier zu spüren.

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2004 schloss eine Station für Säuglinge und Kleinkinder in Dortmund. Seit einiger Zeit gibt es eine weitere Station nur noch saisonweise in der Infektionszeit. 25 Betten sind dadurch laut Schneider insgesamt weggefallen.

Den hohen Druck spüren vor allem die Ärzte und das Pflegepersonal

Der Druck wirkt auch auf Ärztinnen und Ärzte und auf das Pflegepersonal. Es kann deshalb vorkommen, dass sich die Notaufnahme in der Kinderklinik bei der Feuerwehr abmelden muss, weil sie keine Patienten mehr aufnehmen kann. Von „gelegentlichen Engpässen“ spricht Direktor Dominik Schneider.

Die Notfallambulanz nimmt in der Dortmunder Kinderklinik einen beträchtlichen Teil der Arbeit ein. Über 80 Prozent der behandelten Patienten sind Notfälle. Ein großer Teil von ihnen wäre allerdings nach Einschätzung von Prof. Dr. Schneider „im Bett besser aufgehoben“. Das Klinikum wird in Kürze das System umstellen und die Patienten nach der Schwere der Erkrankung klassifizieren.

80 Prozent der Behandlungen sind Notfälle

In Dortmund werden gleichzeitig mehr Kinder behandelt als früher. Das liegt daran, dass die Dauer der Krankenhausaufenthalte kürzer wird. Anfang der 1990er Jahre waren es noch rund zehn Prozent weniger Patienten, also rund 16.000 pro Jahr.

Es kommen komplexe Krankheitsbilder wie Adipositas und psychosomatische Erkrankungen neu hinzu. Die Personalsituation wird dadurch verschärft, dass die Pflege-Ausbildung mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedizin vielerorts nicht mehr möglich oder finanziell unattraktiv ist.

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