Kik-Prozess: Auch im Gericht braucht es Fingerspitzengefühl

dzSonntagsgericht

Martin von Braunschweig über zwei Prozesse mit vielen Medienvertretern und Zuschauern am Dortmunder Landgericht und das nötige Feingefühl im Gerichtssaal.

Dortmund

, 02.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Zweimal herrschte in dieser Woche am Dortmunder Landgericht großer Presse- und Zuschauerandrang. Mit dem Urteil gegen Sergej W. wurde endlich der Prozess um den Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund abgeschlossen. Und mit der Klage von vier Pakistanern gegen die Textildiscounter Kik erreichten die großen Globalisierungsfragen die Dortmunder Richter.

Katastrophe in Karachi

Muss ein deutsches Unternehmen, das seine Waren im Ausland produziert, für ein Unglück in eben diesem Ausland haften? Diese Frage müssen die Richter beantworten.

Der Fall könnte trauriger kaum sein. Im September 2012 brach in einer Textilfabrik in Karachi in Pakistan plötzlich Feuer aus. Knapp 1000 Arbeiter hielten sich zu dem Zeitpunkt in dem Gebäude auf. Viele schafften es nicht mehr ins Freie. 258 von ihnen verbrannten oder erstickten qualvoll.

Natürlich ist die Frage, ob Kik etwas damit zu tun hat, eine sehr theoretische. Kein Mensch wird verlangen können, dass ein Unternehmen regelmäßig bei seinem Dienstleistungsunternehmen im Ausland vorbeischaut und die Anzahl und Funktionstüchtigkeit der Feuerlöscher kontrolliert. Dass die Dortmunder Richter trotzdem die Klage von vier Betroffenen gegen Kik verhandeln, ist aber als Zeichen zu verstehen. Anliegen werden nicht von vorneherein abgebügelt, sondern nach allen Regeln der juristischen Kunst geprüft.

Äußerung zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen

Insofern erschien es befremdlich, dass der Richter in der Verhandlung nicht zugelassen hat, dass eine der betroffenen Mütter aus Pakistan selbst zu ihnen sprach. Die Frau hat bei dem Feuer ihren einzigen Sohn verloren. Sie ist Tausende Kilometer weit nach Dortmund gereist. Und musste dann schweigen, weil ihre Äußerung zum derzeitigen Stand des Verfahrens noch nicht vorgesehen ist.

Das mag formal natürlich richtig sein. Und das mag auch vor dem Hintergrund beschlossen worden sein, dass es überaus wichtig ist, die Emotionen aus diesem Prozess so weit wie möglich herauszuhalten. Das Zeichen, das bei den Zuschauern angekommen ist, war jedoch ein anderes. „Und die wollen das Urteil später mal im Namen des Volkes sprechen?“, war nur ein Satz, den ich nachher gehört habe.

Im Fußball wird einem Schiedsrichter gerne fehlendes Fingerspitzengefühl vorgeworfen, wenn er eine zwar regelkonforme, aber im konkreten Fall dann doch überzogene Entscheidung trifft. Fingerspitzengefühl darf man auch als Richter haben, wenn unten auf der Klägerbank eine weinende Mutter sitzt.

Das Sonntagsgericht

Die Gerichtsreporter Jörn Hartwich und Martin von Braunschweig berichten im Sonntagsgericht von besonderen Fällen, die sie in dieser Woche im Gericht erlebt haben oder die ihnen noch bevorstehen.
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