Immer weniger Tierärzte können und wollen Notdienste anbieten. Viele Dortmunder müssen im Ernstfall 40 Kilometer weit fahren, wenn es um Leben und Tod geht. Neue Gebühren sollen helfen.

Dortmund

, 17.09.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In einem medizinischen Notfall geht es oft um wenige Minuten, die Leben retten können. Wenn Tierbesitzer in Dortmund allerdings in der Nacht oder am Wochenende dringend medizinische Hilfe benötigen, kann das zum Problem mit tragischem Ende führen.

Immer weniger Tierärzte sind bereit, rund um die Uhr Notdienst zu schieben. Vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte (BPT) heißt es: „Man muss monatlich 60.000 Euro einnehmen, damit überhaupt erst einmal die Kosten gedeckt sind.“ Den Tierklinik-Status, der zum Notdienst verpflichtet, will inzwischen kaum einer mehr haben. In Dortmund aktuell niemand.

Die nächsten Tierkliniken sind in Recklinghausen und Essen

Die von Dortmund aus nächsten Tierkliniken befinden sich in Recklinghausen und Essen, beide 35 bis 40 Straßenkilometer von der Dortmunder City entfernt. In östlicher Richtung muss man sogar bis Ahlen (56 Kilometer) fahren. Wer in Lichtendorf oder Holzen einen kritischen Notfall mit dem Haustier hat, muss mit dem Auto also mehr als 30 Minuten lang zur nächsten Klinik fahren.

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Die Landestierärztekammern verpflichten Tierkliniken, an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden dienstbereit zu sein. Das kostet viel Geld. Denn es erfordert viel Personal - das zudem schwer zu finden ist. Die Arbeitsbelastung ist extrem hoch. Außerdem wollen immer weniger angestellte Tierärzte an Wochenenden und nachts arbeiten. Schon gar nicht, wenn die Bezahlung zu wünschen übrig lässt.

„Wir haben teilweise mehr als 80 Stunden pro Woche gearbeitet“

Der BPT-Verband gibt Gehaltsempfehlungen für angestellte Tierärzte. Demnach sollten diesen im ersten Berufshalbjahr 2.420 Euro brutto zustehen. Bis zum fünften Berufsjahr steigt der Betrag auf 3.546 Euro an. Ob in der Realität diese Sätze auch gezahlt werden, bezweifeln Experten. Dr. Judith Hövel von der Tierärztekammer sagt: „Als ich früher Assistentin in einer Tierklinik war, haben wir teilweise mehr als 80 Stunden pro Woche gearbeitet.“

In Dortmund decken die Tierarzt-Praxen den Notdienst oft selbst ab, berichtet Hövel. Es gebe aber keine übergeordnete Liste aller Praxen, die einen Notdienst anbieten. „Manche bieten auch spezielle Telefonnummern an, unter denen sie bei Bereitschaftsdienst erreichbar sind“, sagt die Vorsitzende der Dortmunder Tierärztekammer.

Ein Brackeler Tierarzt gibt auf seiner Internetseite für den Notfall Kontaktdaten von Kollegen in Waltrop oder sogar Duisburg an. Die Praxis am Dorney in Kley bietet täglich von 8 bis 22 Uhr eine eigene Notdienst-Nummer an. Außerhalb dieser Zeit verweisen die Tierärzte, genau wie fast alle Dortmunder Kollegen, an Recklinghausen oder ebenfalls Duisburg.

Im benachbarten Kreis Unna ist die Vertretung anders geregelt. Auf der Internetseite der Lüner Praxis Lorson, wenige Meter von der Stadtgrenze zu Dortmund-Lanstrop gelegen, sind für alle Wochenenden bis Jahresende wechselnde Notdienst-Praxen im Kreis aufgelistet.

Hinweise auf eine „erhebliche Gefährdung“ der Versorgung

Grundsätzlich sollten sich Halter schon bei der Anschaffung eines Haustiers einen Tierarzt suchen und mit dem klären, wie der Notdienst in der Umgebung geregelt ist. „In der Regel werden die Tiere gut versorgt“, findet Dr. Judith Hövel. Doch andere Beteiligte sehen große Probleme.

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Um die Notdienst-Versorgung finanziell zu unterstützen, soll eine Neuregelung kommen. Über eine Verordnung der Bundesregierung sind die Entgelte für tierärztliche Leistungen geregelt. „Tierärztliche Fachverbände haben darauf hingewiesen, dass die Notdienstversorgung erheblich gefährdet ist“, ist in einem aktuellen Entwurf für eine Neufassung zu lesen.

50 Euro Praxisgebühr sind für Notfälle angedacht

„Für Tierhalter entstehen Mehrkosten, wenn der Notdienst in Anspruch genommen werden muss“, ist in den Plänen deutlich zu lesen. Laut Mechthild Lütke Kleimann, Hauptgeschäftsführerin der Tierärztekammer Westfalen-Lippe, sei eine Art Praxisgebühr von 50 Euro pro Notdienstbesuch zusätzlich zu den normalen Behandlungskosten angedacht. „Wenn alles gut geht“, sagt sie aus Sicht der Tierärzte,„kommt die Neuregelung zum 1. Januar 2020.“ Die genaue Formulierung und eventuell mögliche Ausnahmen seien aber noch nicht klar.

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Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das Tierärzten keine Notdienstpflicht nachts und an Wochenenden vorschreibt. In den anderen Bundesländern müssen Veterinämediziner gemäß der Berufsordnung eine ortsnahe Anlaufstelle für die Erstversorgung von Notfällen sicherstellen. Dies tun sie meistens mit Hilfe von sogenannten Notdienstringen, in denen mehrere Tierärzte zusammengeschlossen und wechselnd in Bereitschaft sind.

Von einer Pflicht zum Notdienst halten sowohl Tierärzte als auch die Tierärztekammer Westfalen-Lippe nichts. Mechthild Lütke Kleimann macht deutlich: „Die Notdienst-Problematik ist nur mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung zu lösen.“ Mit diesem Appell richte sich die Kammer immer wieder an die Tierärzte.

Hilfe für Tiere im Notfall

-Notdiensttelefon Dorneystraße 65 in Kley von 8 bis 22 Uhr: Tel. (0172) 5 40 32 03. -Tierklinik Recklinghausen, Am Stadion 113, Tel. (02361) 9 04 59 80. -Tierklinik Essen, Stankeitstraße 11, Tel. (0201) 34 26 04.
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