Julian Weigl und Nico Perrey kämpften für ihren Traum vom Profi-Fußball

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Der Traum, Profi-Fußballer zu werden, erfüllt sich für die wenigsten jungen Kicker. Die Spieler Julian Weigl und Nico Perrey kennen den schmalen Grat zwischen Scheitern und Erfolg.

Dortmund

, 16.10.2018, 03:12 Uhr / Lesedauer: 8 min

Der Traum, Profi-Fußballer zu werden. Ein Traum, den viele Kinder und Jugendliche haben. Ein Traum, der sich nur für wenige Jugendliche und Erwachsene erfüllt. Sogar kurz vorm Ziel scheitern noch einige - der Platz an der Spitze reicht nur für ganz wenige. Das Handelsblatt berichtet, dass mehr als die Hälfte der U18-Nationalspieler nicht den Sprung in die deutsche Eliteliga schafft. Die meisten Spieler landen demnach in der dritten Liga. Dort verdienen sie zwar auch noch durchschnittlich 120.000 Euro pro Jahr - oder in der Regionalliga (40.000 Euro) und der Oberliga (20.000 Euro) - doch das ist nichts, verglichen mit den Millionen in der ersten Bundesliga

Auch der 22-jährige Julian Weigl und der 24-jährige Nico Perrey haben bereits in der Jugendnationalmannschaft gespielt. Sie beide hatten diesen einen großen Traum: „Als kleiner Junge wünscht sich natürlich jeder, der Fußball spielt, Fußballprofi zu werden. Aber nur ein ganz winziger Teil schafft das am Ende wirklich“, sagt Perrey: „Auch ich habe davon geträumt, dass ich den Sprung schaffe in die erste oder zweite Liga.“ Dafür hat Perrey viel und hart trainiert.

Genauso Julian Weigl: „Ich hatte schon immer den großen Traum, Fußballprofi zu werden. Schon als ich angefangen habe, hatte ich immer die eine Sache im Kopf: Vor Tausenden Leuten zu spielen, Fans zu haben und Fans glücklich zu machen. Ich habe immer zu meinen Eltern gesagt, dass ich ihnen irgendwann ein Haus kaufen möchte. Fußballprofi werden und damit so viel Geld verdienen, dass ich das erfüllen kann - das war immer mein Traum!“

Leistungsdruck schon in der Jugend

Los ging es für beide in ihrem jeweiligen Heimatverein. Nico Perrey begann mit vier Jahren beim TV Elverdissen, einem kleinen Verein in Nordrhein-Westfalen. Bis zur U14 spielte er dort, danach ging es vier Jahre lang zu Arminia Bielefeld, anschließend zu Bayer Leverkusen.

„Der Aufwand war sehr groß, schon in der Jugend. Dort haben wir fast jeden Tag trainiert, manchmal sogar zwei Mal täglich. In Leverkusen zum Beispiel war alles sehr auf den Fußball fixiert: Schon morgens stand Training anstatt Schule auf dem Programm. Die Anforderungen in Jugendmannschaften wird heutzutage immer größer, geht immer früher los.“

Julian Weigl und Nico Perrey kämpften für ihren Traum vom Profi-Fußball

Nico Perrey hat in der Jugendnationalmannschaft gespielt. Jetzt spielt er beim Bonner SC und studiert noch nebenbei. © Privat

Bereits in der U12 werde viel Druck erzeugt, viel trainiert und viel Leistung gefordert: „Das ist nicht mehr normal und auch nicht mehr wirklich förderlich, aber so ist das Geschäft halt, weil da so viel Geld im Umlauf ist“, so Perrey. Den Sprung in den Profikader von Bayer Leverkussen schaffte Perrey nicht. 2014 ging es für den jungen Fußballer für zwei Jahre zu Hessen Kassel, danach spielte er ein Jahr lang beim 1. FC Köln II.

Die Kehrseite: Spieler müssen gehen, Freundschaften zerbrechen

Diesen Leistungsdruck hat auch Julian Weigl zu spüren bekommen. Für ihn begann der Weg mit drei Jahren beim SV Ostermünchen in Bayern: „Da war einfach Spaß angesagt und mit Freunden kicken gehen.“ Mit zehn Jahren wechselte Weigl zu 1860 Rosenheim: „Das war der nächst bessere Verein, die im Jugendbereich eine Klasse höher gespielt haben, die haben mich gesichtet. Ich war sehr stolz, dahin zu wechseln.“

Doch ab dem Zeitpunkt spürte Weigl das drängende Gefühl, stetig liefern zu müssen: „Das Leistungsprinzip war in dem Verein schon stärker vertreten als beim Heimatverein. Da musste man sich bei jedem Training beweisen, weil schon ab der U12 Spieler aussortiert wurden, die sehr wenig gespielt haben. So habe ich den Druck zum ersten Mal etwas mitbekommen.

Ich war zum Glück immer ein Spieler, der sehr viel gespielt hat und sich darum eigentlich immer sicher sein konnte.“ Doch: „Ich habe zum ersten Mal gemerkt, dass es auch Seiten gibt, die sehr schade sind, weil man Freundschaften verloren hat, wenn Spieler einfach ausgemustert wurden.“

Nach der U15 ging es für Weigl zu 1860 München. Da habe der Druck in der Juniorenbundesliga richtig angefangen: „Da spielst du mit den Besten deines Alters zusammen und jedes Jahr am Ende und auch im Winter werden immer wieder Spieler aussortiert und ihnen gesagt, dass es hier nicht weiter geht. Damit bricht für sie natürlich eine Welt zusammen.“ Das sei in so jungen Jahren nicht immer einfach gewesen: „Gerade, wenn man in dem Alter schon verletzt ist, kann das einen die Zukunft im Fußball kosten.“

Noch größer seien die Anforderungen und Erwartungen geworden, als Julian zu den Profis hoch kam: „Dort herrschte ein enormer Druck, weil 1860 München ein sehr unruhiges Umfeld hat. Wir mussten gegen den Abstieg spielen, es waren schwierige Jahre. Da habe ich den Druck richtig gemerkt, weil ich wusste, dass ich jetzt entscheidend bin auf dem Platz und von meiner Leistung auch abhing, ob andere ihren Job verlieren. Wenn 1860 München in die dritte Liga abgestiegen wäre, hätte der Verein viel weniger Geld als in der zweiten Liga eingenommen. Ich kannte da jede einzelne Person und hatte dadurch nochmal einen ganz anderen Bezug. Als ich dort war, haben wir es aber zum Glück geschafft.“

Vieles hinten anstellen für den großen Traum

Der Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga ist schwierig und lang. Ihn gehen viele leidenschaftliche Kicker. Die wenigsten kommen an. Nico Perrey weiß, dass viele verschiedene Faktoren darüber entscheiden, ob es ein Spieler in den Profibereich schafft oder nicht: „Bei manchen sieht man das schon ganz früh mit 14 oder 15 Jahren, dass die das Zeug dazu haben, richtige Profis in der ersten oder zweiten Liga zu werden und großes Talent haben. Doch sicher kann man sich nie sein, da gehört einfach so viel zu: keine Verletzungen, die dich zurück schmeißen und du brauchst viel Glück, dass du vom Trainer eingesetzt wirst. Es gibt auch Spieler, die schaffen es erst so mit 26 in die Bundesliga und manche sind schon mit 16 drin.“

Julian Weigl und Nico Perrey haben beide unaufhörlich für ihren Traum gekämpft und dafür viele andere Sachen hinten angestellt. „Das ging schon los, als ich bei 1860 Rosenheim gespielt habe, dass ich sowas wie Klassenfahrten nicht mitgemacht habe und ab und zu nicht mit in den Urlaub fahren konnte, weil da die Saison schon los ging. Bei den Vorbereitungen wollte ich immer dabei sein und nichts verpassen.“ Je älter Weigl wurde, umso mehr musste er für den Fußball verzichten: „Bei meinem eigenen Abschlussball konnte ich nicht dabei sein, weil es mir wichtiger war, beim Spiel auf dem Platz zu stehen. Fußball stand bei mir schon immer an erster Stelle. Ein Stück Kindheit ging dadurch schon verloren und Erlebnisse, die jeder in seinem Leben macht, habe ich nicht gemacht.“

Auch Perrey musste und muss für seinen großen Traum Prioritäten setzen: „Natürlich bleibt dann für Familie und Freunde weniger Zeit.“ Doch Perrey betont: „Wir haben uns das alle so ausgesucht und spielen gerne Fußball, es ist nicht so, dass man da nur Geld verdient, es ist schon ein leidenschaftliches Hobby.“ Und auch Weigl bereut nichts: „Ich würde das alles im Nachhinein immer wieder so machen.“

Den Traum vom Profi-Fußballer träumen zu viele

Die beiden Sportjournalisten Thomas Tamberg und Jörg Runde haben ein Buch über den Weg junger Fußballer vom Bolzplatz in die Bundesliga geschrieben: „Traumberuf Fußballprofi“. Sie erklären, wieso die Leistungszentren dafür sorgen, dass viele Spieler trotz guter Aussichten doch scheitern: Es gebe zu viele „Wunderkinder“.

„Das genau war der Plan des DFB“, so Thomas Tamberg: „Dass durch die Sportförderung diese sogenannten Wunderkinder nicht verloren gehen, dass man die frühzeitig entdeckt und keiner mehr durchs Raster fällt und dass die frühzeitig auch gefördert werden.“ So startete die intensive Nachwuchsförderung und es wurden die Leistungszentren gegründet, die jeder Profiklub brauchte. Heute gibt es in ganz Deutschland 366 DFB-Stützpunkte.

„Dadurch ist es fast unmöglich, dass dem DFB ein Talent durchrutschen kann.“ Doch diese Förderung hat auch einen Haken: Es gibt zu viele Verlierer. „Jeder der da anfängt, träumt von der Bundesliga. Es gibt da keinen Jungen, der sagt, ich will mal dritte Liga spielen. Aber in die Bundesliga schaffen es ganz wenige“, so Tamberg.

Weigl hat den Bundesliga-Pfad bezwungen

Julian Weigl zählt zu den großen Gewinnern. 2015 wechselte er zu Borussia Dortmund. Weigl lebt jetzt seinen Traum, auch wenn Druck und Aufwand bei Dortmund noch viel größer sind als in den Vereinen zuvor. „Borussia Dortmund ist Deutschlands zweitgrößter Verein mit einer unglaublichen Anzahl an Fans, da spielen weltklasse Spieler und da muss man wirklich Woche für Woche liefern, im Training und im Spiel.

Das ist alles nochmal eine Nummer größer. Im ersten Jahr war das für mich noch relativ einfach, weil von mir keiner etwas erwartet hat und ich befreit auftreten konnte. Wenn ich mal ein schlechtes Spiel hatte, hat man gesagt: ‚Der Junge ist erst 19, wer will’s ihm verdenken.‘ Im Jahr danach, in dem ich auch Nationalspieler wurde, habe ich gemerkt, wie sich die Erwartungen immer weiter verschoben haben, weil die Leute wissen, was du im Stande bist zu leisten und das dann sehen wollen.

Das ist nicht immer einfach, wenn man eigentlich ein ganz normales Spiel gemacht hat, genauso wie im Jahr davor auch, und im Jahr davor wurde noch geschrieben: ‚top Spiel‘ und das Jahr danach heißt es nur noch: ‚Weigl muss mehr zum Spiel beitragen, ist sehr unsicher und unauffällig.‘ Das kriege ich natürlich alles mit.“

Julian Weigl und Nico Perrey kämpften für ihren Traum vom Profi-Fußball

Julian Weigls konnte seinen großen Traum verwirklichen: Er spielt jetzt beim BVB und macht Fans glücklich. © Dan Laryea

Schmaler Grad zwischen Bundesliga und Regionalliga

Nico Perrey spielt nicht bei Borussia Dortmund, sondern kommt als Fan ins Stadion. Perrey ist beim Bonner SC unter Vertrag. In der Regionalliga. Dort hat Perrey mit einer ganz anderen Belastung zu kämpfen: Er studiert nebenbei und muss beides unter einen Hut bekommen. „Das Profigeschäft im Fußball ist natürlich eh begrenzt, mit über 40 kann man keinen professionellen Fußball mehr spielen. Deshalb habe ich jetzt nebenbei noch angefangen zu studieren. Ich denke, es ist sehr vernünftig, sich da ein zweites Standbein aufzubauen. Ich kenne viele, die sind schon 27 Jahre alt, spielen auch „nur“ in der Regionalliga und machen gar nichts nebenbei. Die stehen dann in fünf Jahren da und wissen nicht, was sie machen sollen. Darum würde ich jedem raten, sich neben dem Fußball noch ein zweites Standbein aufzubauen, da man im Fußball nie wissen kann, wie es läuft und was passiert.“

Die Enttäuschung darüber, dass er den Sprung in die Bundesliga nicht geschafft hat, hat Perrey überwunden: „Mittlerweile ist das abgeebbt, ich bin da ziemlich entspannt und kann damit besser umgehen. Insgesamt bin ich echt zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Ich bin auch nicht traurig oder sauer, dass ich den Sprung in die Bundesliga nicht geschafft habe, sondern sehr zufrieden damit, wie alles gelaufen ist und mir macht mein Studium viel Spaß.“

Der Trainingsaufwand sei beim Bonner SC relativ entspannt: „Das sieht bei anderen Mannschaften ganz anders aus, zum Beispiel bei Köln II. Als ich da noch gespielt habe, hatten wir deutlich öfter Training: Sieben bis acht Mal die Woche, auch vormittags und zwei Mal täglich. Das geht bei uns jetzt aber nicht mehr, weil viele nebenbei noch arbeiten oder studieren.“

Viermal pro Woche hat Perrey Training

So schaffe er es ganz gut, Studium und Fußball unter einen Hut zu bekommen. „Wenn ich noch Klausuren habe und viel lernen muss, ist alles zusammen natürlich schon super anstrengend, aber meistens habe ich morgens und nachmittags Zeit für das Studium. An manchen Tagen kann ich mich nicht mit Freunden und der Familie treffen, obwohl ich das gerne würde. Aber zum Beispiel in den Semesterferien und sonntags habe ich genügend Zeit für sie.“

Viermal pro Woche hat Perrey Training: „Wann wir trainieren, ist immer davon abhängig, wann wir spielen. Wir haben immer zwei Tage vor dem Spiel trainingsfrei, und am Tag vor dem Spiel das Abschlusstraining.“ Den Tag nach dem Spiel habe Perrey häufig frei: „Das kommt immer darauf an, wie das Spiel gelaufen ist. Aber meistens haben wir frei, da ist unser Trainer recht - ich sage mal - ‚familienfreundlich‘. Und der will ja auch mal einen freien Tag haben.“

Julian Weigl hat den schmalen Weg in die erste Bundesliga gemeistert. Für ihn hat sich mit dem Wechsel zu Borussia Dortmund ein großer, langersehnter Traum erfüllt: „Mit 15 kam ich zur deutschen Futsal-Meisterschaft nach Bergkamen, und die teilnehmenden Teams bekamen Karten für ein Heimspiel von Borussia Dortmund. Das war ein prägender Abend, an dem ich dachte: ‚In diesem Stadion würde ich auch gern mal auf dem Rasen stehen‘.“

Dieser Traum hat sich für Nico Perrey nicht erfüllt: „Nachdem ich von Leverkusen zu Hessen Kassel gewechselt bin, wurde der Sprung in die Bundesliga schon recht unwahrscheinlich.“ Doch auch er ist zufrieden damit, wie alles gelaufen ist. Perrey ist glücklich beim Bonner SC und das Studium macht ihm Spaß. Und so ganz hat auch er die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Den einen speziellen Punkt, an dem die Bundesliga komplett für mich gestorben ist, gab es nicht. Irgendwie kann man den Sprung immer schaffen.“

Beispielhafter Tagesablauf von Nico Perrey:

  • 8 - 17 Uhr: Uni. Sechs Veranstaltungen und Seminare.
  • Ab 17 Uhr: Von der Uni aus direkt zum Training.
  • 18.15 Uhr: Trainingsbeginn. Hauptbelastungstag ist am Dienstag. Es wird lange und viel trainiert, viele elf gegen elf Spiele. Das Training dauert über zwei Stunden.
  • 21.30 Uhr: Wieder zu Hause. Entspannen, fertig machen und ins Bett.

Beispielhafter Tagesablauf von Julian Weigl:

  • 8.30 Uhr: Aufstehen, fertig machen und zum Trainingsgelände fahren. Dort gibt es Frühstück für die ganze Mannschaft, zwei Köche bereiten alles zu. Weigl isst meistens Rührei und Joghurt mit Früchten. Nach dem Frühstück bereitet sich jeder auf das Training vor und macht im Kraftraum seine Übungen.
  • 10.30 Uhr: Trainingsbeginn. Eineinhalb Stunden wird trainiert, manchmal auch ein wenig länger. Anschließend wird geduscht und es gibt ein gemeinsames Mittagessen, ebenfalls zubereitet von den Mannschaftsköchen. Danach ist Freizeit. Weigl fährt dann meistens nach Hause: „Dort verbringe ich Zeit mit meiner Freundin oder mit Freunden oder gehe mit dem Hund raus, relaxe einfach ein bisschen, bevor ich dann wieder zum Trainingsgelände fahre. Man muss immer eine Stunde vorm Training da sein.“
  • 15.30 Uhr: Vorbereitung auf das Training.
  • 16.30 Uhr: Trainingsbeginn.
  • Abends: Freizeit. „Nach dem Training gehe ich dann mit meiner Freundin etwas essen oder verbringe Zeit mit meinen Liebsten. Ich gehe auch mal ganz gerne ins Kino oder Bowling spielen, je nachdem wie anstrengend die Einheiten waren.
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