Jede dritte Beisetzung auf städtischen Friedhöfen ist anonym

dzVeränderte Bestattungskultur

Die Bestattungskultur in Dortmund hat sich stark verändert. Fast jeder dritte Verstorbene wurde 2017 auf städtischen Friedhöfen anonym beerdigt - auch, weil es dafür ein Komplettpaket gibt.

Dortmund

, 02.10.2018, 17:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Tradition, in der Trauer Trost am Grab zu suchen und dieses selbst zu pflegen, schwindet immer mehr. Von den 4850 Verstorbenen, die im Schnitt jährlich auf den 32 städtischen Friedhöfen beigesetzt werden, wurde 2017 nicht mal jeder Fünfte (19 Prozent) in einem Sarg unter die Erde gebracht. 81 Prozent wurden in einer Urne bestattet - und das häufig in einem Grab, das die Angehörigen nicht mehr selbst pflegen. Seit dem Jahr 2001 hat sich diese Zahl verdoppelt auf heute 1059 Bestattungen im Jahr.

Der Trend geht besonders deutlich zur anonymen Urnenbestattung. Ihre Zahl hat sich in den vergangenen 16 Jahren verdoppelt auf 1600. Fast jeder dritte Verstorbene wurde 2017 in Dortmund anonym bestattet statt in einem Grab mit Stein und persönlichen Daten.

Angebotspaket „Einäscherung plus Beisetzung“

Allerdings handelt es sich dabei nicht immer um Dortmunder, erläutert Ulrich Heynen, stellvertretender Betriebsleiter der städtischen Friedhöfe. Diese Statistik resultiere aus dem kostengünstigen Angebotspaket „Einäscherung plus anonyme Beisetzung“, das der Hauptfriedhof mit seinem Krematorium in Dortmund vorhält - eine Reaktion auf die Konkurrenz der privaten Krematorien im Umland. Doch auch unter dem Strich nehme der Trend zu anonymen Bestattungen zu, ebenso wie der zu pflegeleichten Gräbern, weiß Heynen.

Das bestätigt Susanne Lategahn vom gleichnamigen Bestattungshaus in Hörde: „Urnenbesetzungen und auch anonyme Urnenbestattungen haben stark zugenommen. Die Urnenbestattung hat in den letzten 20 Jahren den Platz der Erdbestattungen eingenommen. Die Tendenz hat sich glatt umgedreht.“

Sargbestattung ist ein Kostenfaktor

Wie Ulrich Heynen sieht auch Susanne Lategahn vielfältige Gründe für diesen Trend. Zunächst sei die Akzeptanz von Urnenbestattungen größer geworden. Außerdem sei eine Erdbestattung gerade auf städtischen Friedhöfen ein „erheblicher Kostenfaktor“, auch weil Krankenkassen seit Jahren kein Sterbegeld mehr zahlten. Weitere Gründe seien die Mobilität und die Vereinzelung in der Gesellschaft.

Ältere Menschen meinen oft, ihren erwachsenen Kindern einen Gefallen zu tun, wenn sie zu Lebzeiten eine anonyme Bestattung für sich verfügen. Angehörige wiederum wollen auch keinen hohen Pflegeaufwand der Gräber. „Wenn Familien weit verstreut leben, verliert das Familiengrab an Bedeutung“, sagt Susanne Lategahn.

Anonyme Grabstelle bleibt anonym

Sie weise Menschen, die mit dem Argument der Pflegefreiheit des Grabes anonym beigesetzt werden wollen, immer darauf hin, dass das für die Angehörigen traumatisch sein könne, wenn sie keinen Platz zum Trauern hätten. Wie der Mann, der seine anonym beigesetzte Frau am Gedenkstein des Hauptfriedhofs vermutete und dann feststellen musste, dass dem nicht so ist.

Hinterbliebene erfahren in Dortmund nicht, wo auf dem Friedhof ihre anonym bestatteten Angehörigen beigesetzt wurden, bestätigt Heynen: „Die müssen klagen.“ Auch die Friedhofsverwaltung arbeite gegen den Trend der anonymen Bestattung an, sagt Heynen, mit Angeboten wie Haingräbern und naturnahen Gräbern unter Obstbäumen. Man könne schon Flächengräber verkaufen, doch diese müssten pflegeleicht sein.

Auch wenn sich das gärtnerische Erscheinungsbild der Friedhöfe verändern wird, auf den Trend zu platzsparenden Urnengräbern haben die Friedhöfe Dortmund - seit 2001 ein Eigenbetrieb der Stadt - schon vor 15 Jahren reagiert und Flächen ins städtische Vermögen zurückgegeben. Als Grünfläche mit ökologischer und stadtklimatischer Funktion sollen die städtischen Friedhöfe erhalten bleiben.

Aktuell stehen Angehörigen auf den städtischen Friedhöfen 16 verschiedene Grabarten zur Auswahl, vom klassischen Erdgrab bis zum naturnahen Obstbaum- oder Haingrab. Wie schon im Jahr 2018 bleiben die Friedhofsgebühren auch im nächsten Jahr stabil.
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