Der Teil-Lockdown in diesem November trifft viele Firmen in Dortmund jetzt ins Herz. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie lange der Lockdown noch aufrechterhalten wird. © dpa
Corona-Krise

Insolvenzwelle in Dortmund rollt an: „Der zweite Lockdown wird rappeln“

Exakt 17.374 Firmen gibt es in Dortmund. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat sie alle im Blick. Sie stellt Kurioses und auch Ermutigendes fest – und wagt eine Prognose.

In der Tabelle der Wirtschaftsauskunftei Creditreform werden hinter Buchstaben von A bis U alle Wirtschaftsbranchen aufgelistet. Zu jeder Branche ist eine Prozentzahl angegeben, die anzeigt, wie hoch in dieser Branche gerade die Wahrscheinlichkeit ist, Insolvenz anmelden zu müssen.

Das Gastgewerbe steht unter dem Buchstaben I. Das J gehört dem Bereich Information und Kommunikation. In der Tabelle stehen beide Branchen also direkt nebeneinander, in der Wirklichkeit aber liegen zwischen ihnen Welten.

„Wir zählen im Gastgewerbe 933 Betriebe in Dortmund, von denen in diesem Jahr 32 aus finanziellen Gründen schließen mussten. Der Risikoindikator liegt hier also bei 3,43 Prozent“, sagt Wolfgang Scharf, Geschäftsführer von Creditreform Dortmund/Witten am Phoenix-See.

Täglich gibt es jetzt zwei Insolvenzen

In der IT- und Kommunikationsbranche dagegen gibt es keine Krise. Im Gegenteil: die Unternehmen steigern gerade ihre Umsätze. Der Creditreform-Risikoindikator liegt hier bei gerade mal 0,29 Prozent. Das liegt noch unter dem bundesweiten Wert von 0,98 Prozent.

Sorgenkinder sind ganz klar das Gast- und Veranstaltungsgewerbe sowie die Reisebüros, Kinos oder Messebauer. „Die Betriebe, zuerst die kleinen und dann auch die großen, trifft es jetzt. Täglich sehe ich im Verzeichnis zwei bis drei Sperrungen wegen Insolvenz. Meiner Meinung nach rollt die Insolvenzwelle in Dortmund jetzt an“, so Wolfgang Scharf.

Wolfgang Scharf leitet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Phoenix-See in Dortmund.
Wolfgang Scharf leitet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Phoenix-See. Als „Schufa für Unternehmen“ weiß er, wie es um die Dortmunder Firmen bestellt ist. „Die kleinen Betriebe trifft es jetzt“, sagt er zu einer anrollenden Insolvenzwelle. © Wulle, Peter © Wulle, Peter

Als Wirtschaftsauskunftei kennt man bei Creditreform die Liquidität und Bonität sämtlicher 17.374 Firmen in Dortmund. Akribisch werden alle verfügbaren Daten, die die Unternehmen selbst, Banken oder das Amtsgericht liefern, zusammengetragen. „Wir sind soetwas wie die Schufa für Unternehmen“, sagen Wolfgang Scharf und sein Vertriebsleiter Hartmut Irmer.

Was die Experten in ihren Statistiken sehen, wird von Michael Draeger vom Reisebüro Stoffregen an der Kampstraße bestätigt. „Es gibt wirklich viele kleine Reisebüros, die auf der Kippe stehen. Das höre ich von Kolleginnen und Kollegen“, sagt er. „Im Moment verkaufen wir nix“, ergänzt er, „dabei sind wir eigentlich gedanklich zu dieser Zeit im Sommer und hätten jetzt unser Hauptbuchungsgeschäft.“

Nachdem das Bundeswirtschaftsministerium die Bedingungen für die Überbrückungshilfe II jetzt zugunsten der Reisebüros noch einmal geändert hat, ist Michael Draeger vom Reisebüro Stoffregen in Dortmund erleichtert.
Nachdem das Bundeswirtschaftsministerium die Bedingungen für die Überbrückungshilfe II jetzt zugunsten der Reisebüros noch einmal geändert hat, ist Michael Draeger vom Reisebüro Stoffregen erleichtert. Im Krisenmodus bleiben er und seine Kolleginnen und Kollegen in der gesamten Tourismusbranche allerdings weiterhin. © Schaper © Schaper

Und die Überbrückungshilfe III vom Staat helfe nicht wirklich weiter. „Denn,welche Umsätze sollen wir da bitte einsetzen“, sagt Michael Draeger und fragt: „Warum bekommen Reisebüros keine Novemberhilfe? Wir können zwar unsere Büros öffnen, machen aber keinerlei Umsätze.“

Hilfszahlungen zögern Illiquidität nur hinaus

Während es also für Reisebüros, für Gastronomiebetriebe und deren Zulieferer sowie generell für viele Kleinbetriebe am Jahresende um die Existenz geht, liefert die Insolvenzstatistik für das Krisenjahr 2020 ein kurioses Bild.

Bis zum 30. September hatten in Deutschland knapp 12.200 Unternehmen eine Insolvenz angemeldet – das waren 14,7 Prozent (1. bis 3. Quartal 2019: 14.381) weniger als im vergangenen Hochkonjunktur-Jahr. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen vom 1. März 2020 bis 30. September generell ausgesetzt war. Verlängert wurde diese Abmilderung dann nur für solche Unternehmen, die infolge der Pandemie überschuldet sind, ohne zahlungsunfähig zu sein. Zahlungsunfähige Firmen müssen seit dem 1. Oktober wieder Insolvenz anmelden.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Rettungspakete für Unternehmen, die entwickelt wurden, um im Jahr 2020 ein historisches Ausmaß an Firmeninsolvenzen zu verhindern.

„Die wirtschaftlichen Probleme vieler Unternehmen durch die Corona-Krise zeigen sich bislang auch in Dortmund nicht in einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen. Die Hilfszahlungen überdecken derzeit die wahre finanzielle Struktur einiger Unternehmen“, sagt Wolfgang Scharf.

„5000 Euro vom Staat sind zwar ganz nett, werden aber keinem substanziell weiterhelfen. Die helfen vielleicht zwei Monate. Aber dann ist es ja nicht vorbei. Der Zeitpunkt einer Illiquidität wird nur hinausgezögert.“

Anfang 2021, so fürchtet Wolfgang Scharf, werden bei vielen Firmen die Rücklagen endgültig aufgebraucht sein. Wenn dann auch wieder die Insolvenzantragspflicht umfassend gelte, werde es zu einer Pleitewelle kommen. „Der zweite Lockdown wird rappeln“, sagt er.

Hartmut Irmer leitet den Vertrieb der Creditreform Dortmund/Witten Scharf KG.
Hartmut Irmer leitet den Vertrieb der Creditreform Dortmund/Witten Scharf KG. „Die Insolvenzwelle wird noch weit ins Jahr 2021 reichen“, sagt er. © Creditreform/Lippert © Creditreform/Lippert

Da die Insolvenzstatistik stets die Vergangenheit abbilde, also gewissermaßen einen Blick in den Rückspiegel darstelle, werden die genauen Auswirkungen der Corona-Krise verstärkt im kommenden Jahr sichtbar werden, sagen Wolfgang Scharf und Hartmut Irmer. Die Insolvenz-Welle werde noch weit ins Jahr 2021 hineinreichen.

Gleichwohl sieht er Dortmund dafür im Vergleich zu allen anderen Ruhrgebietsstädten gut aufgestellt. Das zeigt ihm der Blick in seinen Creditreform-Regionencheck. Danach ist das Kreditausfall-Risiko für Banken und damit die Insolvenzgefahr in Dortmund „sehr gering“.

Erhöhtes Insolvenz-Risiko in Gelsenkirchen

Die Anzahl der Unternehmen mit Negativmerkmalen wie schlechter Zahlungsmoral oder geringer Bonität beträgt, hochgerechnet auf das gesamte Jahr, 208. Bei insgesamt 17.374 Unternehmen in der Stadt entspricht das einem Insolvenzrisiko-Indikator von 1,20 Prozent. Der liegt unter dem Durchschnittswert aller Regionen in Deutschland (1,32 Prozent) in 2020.

Dem Kreis Recklinghausen dagegen wird ein Wert von über zwei Prozent (mittleres Ausfallrisiko) attestiert. Für Gelsenkirchen (über 2,5 Prozent) gilt gar ein erhöhtes Ausfallrisiko.

„Die Wahrscheinlichkeit, in Dortmund pleite zu gehen, ist in den vergangenen Jahren gesunken. Der Risiko-Indikator lag mal bei über drei Prozent. Unter anderem durch tolle Neuansiedlungen in den Bereichen Medien, EDV und Forschung hat er sich so verbessert und wird sich nach unserer Prognose auch 2021 nur leicht auf 1,28 Prozent erhöhen“, sagt Hartmut Irmer.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle
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