In der Jungen Oper entdeckt man manchmal mehr als nur eine Liebe

dzTheater Dortmund

Die Junge Oper wird zehn Jahre alt. Am Samstag gibt es zum Jubiläum ein neues Stück – und zwei Darsteller die ihre Liebe auf der Bühne nicht spielen müssen.

Dortmund

, 06.11.2018, 17:52 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bis es am 4. Mai 2008 endlich soweit war und sich in der damaligen Kinderoper am Hiltropwall zum ersten Mal der Vorhang hob, war viel Schweiß geflossen: Mehrfach war die Eröffnung verschoben worden, es gab Engpässe bei der Finanzierung und Unmut über die anfängliche Optik des Gebäudes. Jetzt, 2018, zehn Jahre und etliche Premieren später – Schnee von gestern.

Zum zehnten Geburtstag gibt es ein besonderes Stück

Theaterpädagogin Heike Buderus und Heribert Germeshausen, neuer Intendant der Oper, sitzen am Montag vor der großen Geburtstagsfeier in dessen Büro auf der Couch und sprechen schon über die nächsten zehn Jahre. Zuversicht, Aufbruchsstimmung, beste Voraussetzungen für die große Geburtstagsfeier, die am Samstag (10.11.) in und an der Jungen Oper stattfindet.

Als zweite Kinderoper Deutschlands - nach Köln - und erste Kinderoper in einer eigenen Residenz, ist die kleine Schwester der großen „Muschel“ ein Pionierprojekt – noch immer. „Die Junge Oper ist ein Ort für den Erstkontakt mit der Kunstform Oper“, sagt Germeshausen. Nicht umsonst plant er, sein Projekt „Bürgeroper“ mit der Jungen Oper zusammen zu legen – „nach wie vor aber mit dem Fokus auf Kinder und Jugendliche“, beteuert er.

„Viele Leute haben die präzisesten Klischee-Vorstellungen"

Ihn verwundere, sagt er, wie hartnäckig sich Vorurteile über die Kunstform Oper hielten: „Gerade viele Leute, die nie in der Oper sind, haben die präzisesten Klischee-Vorstellungen von einer exklusiven, veralteten Kunstform für alte, weiße Leute.“ Dabei seien Menschen, die früh in Kontakt mit der Oper kämen, später viel offener: „Wenn ich die Zauberflöte schon fünf Mal gehört habe, freue ich mich über eine neue Interpretation“, sagt der Intendant. Die Junge Oper erfülle also einen zentralen Zweck: Neues Publikum zu gewinnen, am Ende für das große Haus. Die Liebe zur Oper zu wecken, sozusagen.

Was zwischendurch auch immer mal wieder gelang: „2009, bei unserem Stück ‚Das Märchen vom Märchen im Märchen‘, spielten türkische Musiker mit – und wir hatten die türkische Community im Haus“, erzählt Heike Buderus. Und 2017, bei „Der unglaubliche Spotz“ von Mike Svoboda, „hatten die Kinder an der experimentellen Art, wie da Musik gemacht wurde, unglaublich großen Spaß.“

Jedoch habe sie um die Lehrer „kämpfen“ müssen, für die die präparierten Gitarren und selbst gebauten Instrumente etwas Befremdliches hatten.

Jugendliche müssten früh an Opern herangeführt werden

Am konservativsten jedoch seien typischerweise nicht die Lehrer – sondern vor allem Jugendliche: „Bis zwölf Jahre ist das Fenster für die ästhetische Prägung sehr weit offen“, erklärt Germeshausen. „Gleichzeitig erfahren wir, dass Menschen, die die Werke und viel Musik kennen, zugänglicher sind für neue Interpretationen.“

Jugendliche befinden sich genau dazwischen: Haben sie bis zum 12. Lebensjahr keine Oper gesehen, sind sie demnach umso schwerer für die Kunstform zu gewinnen. „Es fehlt an Stücken für diese Altersspanne von 13 bis 15 Jahren“, sagt Buderus. „Da gibt es einfach sehr wenig.“ Sie wünsche sich, sagt sie, dass die Junge Oper sich in diesem Bereich breiter aufstellt. Germeshausen träumt vor allem von einer weiteren interkulturellen Öffnung.

"Hallo, Halolo" ist ein Opernprojekt für die ganz Kleinen

Bei der Feier am Samstag beginnt die Junge Oper, wie zur Demonstration, auch einen ganz anderen, ganz neuen Weg: „Hallo, Halolo“ ist das erste Dortmunder Opernprojekt für die ganz Kleinen: Kinder bis zwei Jahre. „Das Stück ist wunderschön, völlig poetisch“, sagt Buderus. „Richtiges Lauschen.“

Außerdem steht mit „Romeo und Zeliha“ eine interpretatorische Besonderheit auf dem Programm. Komponist Fons Merkies und Librettist Maartje Duin übertragen William Shakespeares Drama hier auf einen Clinch zwischen zwei Metzgersfamilien, einer deutschen und einer türkischen. Regie führt Justo Moret.

Die beiden Hauptdarsteller sind auch in echt ein Paar

Besonders spannend an dieser Produktion sind jedoch die Hauptdarsteller: Rinnat Moriah (Zeliha) und Zachary Wilson (Romeo), die auch im echten Leben ein Paar sind – zusammen seit vier, verheiratet seit eineinhalb Jahren. Erstmals stehen sie auch als Liebespaar auf der Bühne. „Wir müssen fast gar nicht spielen“, sagt Zachary Wilson und schaut, wie um sicherzugehen, seine Frau kurz an.

Die beiden sitzen im Erdgeschoss des großen Opernhauses auf durchsichtigen Stühlen und geraten, je mehr sie über ihre Rollen sprechen, mehr und mehr ins Erzählen, reihen Anekdote an Anekdote. Nein, eigentlich habe er ins Musical gewollt, sagt Zachary Wilson, und so seltsam das klinge, er habe sich zu Beginn seiner Karriere gar zur Oper „gezwungen“ gesehen, bevor er für sie für sich entdeckte: „Oper ist wie ein guter Whisky. Man muss es wirklich kennen, um es genießen zu können.“

Bewusstsein für das Fiktive kann verloren gehen

Rinnat Moriah hingegen war immer eine Opernliebhaberin, und weil sie noch viel mehr singen wollte, arbeitet sie seit dem vergangenen Jahr freiberuflich. Und ja, sie und Zachary hätten sich auf der Bühne kennengelernt, in Heidelberg: Da war Rinnat die Adele in Johann Strauß‘ „Die Fledermaus“, und Zachary war als Frau verkleidet. Trotz der hässlichen Perücken und beiderseits wallenden Kleider flirteten sie miteinander, außerhalb der Geschichte, bei den Proben, auf der Bühne.

Nicht ganz ungefährlich ist es, das scheint durch, nun eine tragische Liebesgeschichte miteinander zu spielen – weil allzu leicht das Bewusstsein für das Fiktive verloren geht: „In der ersten Probe blieb mir bei der Szene, in der Romeo stirbt, die Stimme weg“, erzählt Moriah. „Ich musste total weinen. Das ist mir noch nie passiert. Aber da lag ja mein Mann!“

Beide sind besser, wenn sie zusammen sind

In der Hochzeits-Szene brach auch Wilson in der Probe die Stimme. „Es gehört zu unserem Beruf, dass wir uns in die Emotionen dieser Figuren hineinlegen, dass wir spüren, was da gesungen wird“, sagt Rinnat Moriah. „Wir sind ja nicht nur Sänger, sondern auch Schauspieler.“ Man müsse aber auch lernen, „diese Emotionen zu kontrollieren“, sagt Wilson, „damit sie nicht zu stark werden.“

Immerhin, da sind sich beide einig, scheinen sie besser zu singen, wenn der jeweils andere im Raum ist. „Egal, ob auf der Bühne oder unter den Zuschauern“, sagt Rinnat Moriah und schaut, wie um sicherzugehen, kurz ihren Mann an.

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