13.000 Dortmunder müssen am 12. Januar ihre Wohnungen räumen, weil gleich mehrere Bombenblindgänger entschärft werden sollen. Es ist eine von vielen spektakulären Aktionen der letzten Jahre.

Dortmund

, 08.01.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes der Bezirksregierung Arnsberg haben in unserer Stadt viel zu tun. Oft sind sie mehrmals pro Monat im Einsatz, um Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen.

Hier eine kurze Chronik der größten Entschärfungsaktionen der letzten Jahre - ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

November 2008 - Bombenfund am Klinikum

Die Bauten von Logistik- und OP-Zentrum am Klinikzentrum Mitte rufen gleich mehrfach die Bombenentschärfer auf den Plan. Innerhalb von drei Jahren werden auf dem Klinikgelände an der Beurhausstraße drei Bombenblindgänger gefunden.

Die aufwändigste Evakuierungsaktion gibt es am 8. November 2008. Für die Entschärfung einer am Tag zuvor gefundenen 500-Kilo-Bombe müssen an diesem Samstag Teile des Klinikums mit 284 Patienten evakuiert werden.

Sie werden allerdings innerhalb des Klinikums verlegt. Neun „Frühchen“ von der Gebutsstation werden in die Kinderklinik auf der anderen Seite der Beurhausstraße gebracht. Dort kommen während der Bombenentschärfung sogar zwei Babys zur Welt.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Im Innenhof des Klinikums wurde im November 2008 ein Bombenblindgänger geborgen. © Dieter Menne

Ebenfalls von der Evakuierung betroffen sind die Anwohner der Wohnstraßen, die unmittelbar an das Klinikum angrenzen. Doch sie müssen nicht lange ausharren. Ab 12 Uhr können sie in ihre Wohnungen zurück - ebenso wie die Patienten in ihre Zimmer.

Oktober/November 2009: Baustelle Thier-Galerie

Kurios ist ein Bombenfund beim Bau der Thier-Galerie vor gut zehn Jahren. Im Oktober 2009 wird hier ein Bombenblindgänger unbemerkt mit Erdreich auf einen Lkw verladen. Erst beim Abkippen auf der Westfalenhütte wird er entdeckt und dann dort entschärft. Den Anwohnern und zahlreichen Geschäften rund um das Thier-Gelände bleibt eine Evakuierung erspart.

Allerdings nur für kurze Zeit. Wenige Wochen später, am Nachmittag des 19. November 2009, wird ein Bombenblindgänger auf der Baustelle an der Silberstraße entdeckt. Betroffen von der Evakuierung sind rund 500 Anwohner und zahlreiche Geschäfte am oberen Westenhellweg. Ihr Glück: Die Evakuierung läuft nach Geschäftsschluss in den Abendstunden an. Gegen 21.15 Uhr ist dann die Bombe entschärft.

Dezember 2010: Fund am Johannes-Hospital

2400 Anwohner des Klinikviertels müssen am frühen Morgen des 4. Dezember 2010 ihre Häuser verlassen: In einer Baugrube zwischen Johannes-Hospital und der Liebfrauenkirche war ein Bombenblindgänger gefunden worden - nur 60 Zentimeter unter der bisherigen Asphaltdecke des Parkplatzes und direkt neben einem Kindergarten. Rund 350 Patienten des Johannes-Hospitals werden innerhalb des Krankenhaus-Komplexes verlegt. Um 13.02 kann Feuerwerker Walter Luth dann Entwarnung geben.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Nur 60 Zentimeter unter der Oberfläche lag diese Bombe an der Liebfrauenkirche. © Dieter Menne

November 2012: Langes Warten im Klinikviertel

Die bislang spektakulärste Bombenentschärfung erleben Anwohner des Klinikviertels knapp zwei Jahre später. Am 29. November 2012 wird in einer Baugrube an der Friedrichstraße eine 500-Kilo-Bombe entdeckt. Diesmal müssen innerhalb weniger Stunden sogar 7000 Anwohner ihre Häuser verlassen und Klinik-Patienten in Sicherheit gebracht werden.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Aufwendig war die Evakuierung des Klinikviertels im November 2012. © Dieter Menne

Besondere Probleme bereitet erst die Evakuierung - unter anderem, weil sich Besucher einer Kneipe hartnäckig weigern, zu gehen - und dann auch der Blindgänger. Er hat einen „chemisch-mechanischen Langzeitzünder mit Ausbausperre“, erklären die Entschärfer Karl-Friedrich Schröder und Uwe Pawlowksi. Eine gute halbe Stunde brauchen sie, um ihn unschädlich zu machen. Um kurz vor Mitternacht geben sie Entwarnung.

November 2013: Luftmine in Hombruch

Die größten Bombenentschärfungen der letzten Jahren fanden außerhalb des Stadtzentrums statt.

Im November 2013 führt der Fund einer 1,8-Tonnen-Luftmine auf einem Firmengrundstück in Hombruch zur bis dahin größten Evakuierungsaktion der Nachkriegsgeschichte in Dortmund: Mehr als 20.000 Menschen im Umkreis von 1,5 Kilometern um den Fundort müssen ihre Häuser verlassen. Für sie wird eine Notunterkunft in der großen Westfalenhalle eingerichtet.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Die große Westfalenhalle wurde zur Notunterkunft für Anwohner aus Hombruch. © Dieter Menne

Gut sechs Stunden dauert die Evakuierungsaktion, weil auch zwei Seniorenheime und ein Krankenhaus geräumt werden müssen und es immer wieder Verzögerungen gibt. So müssen zwei Wohnungen mithilfe eines Schlüsseldienstes geöffnet werden, weil sich die Bewohner weigern, das Gebiet zu räumen. Und ein Spaziergänger taucht noch an der Fundstelle der Luftmine auf, während die Entschärfer schon bei der Arbeit sind. Erst am Nachmittag, um kurz nach 16 Uhr, ist die Gefahr gebannt.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Eine 1,8-Tonnen-Luftmine wurde 2013 in Hombruch geborgen. © RN-Archiv

November 2014: Luftmine bei Wilo

Ein ähnliches Szenario gibt es am 29. November 2014, nachdem bei den Bauarbeiten auf dem Wilo-Gelände an der Nortkirchenstraße ebenfalls eine 1,8-Tonnen-Luftmine gefunden wird. Mehr als 17.000 Anwohner aus Hörde, Hacheney, Wellinghofen und Teile von Brünninghausen sind betroffen.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Geschafft: Tanya Beimel, Karl-Friedrich Schröder und Rainer Woitschek mit der Luftmine vom Wilo-Gelände. © RN-Archiv

Diesmals läuft die Evakuierung weitgehend reibungslos. Sie dauert viereinhalb Stunden. 59 Minuten brauchen die Feuerwerker Rainer Woitschek, Karl-Friedrich Schröder und Tanya Beimel für die Entschärfung - wobei sie neben der Luftmine drei nebenbei gefundene Stabbrandbomben unschädlich machen.

September 2015: Fünf auf einen Streich

Gleich fünf Bomben werden im September 2015 auf dem Parkplatz F2 am Westfalenpark gleichzeitig entschärft. Er war wegen des Aufbaus der Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber untersucht worden. Zwölf Verdachtspunkte wurden nach der Auswertung von Luftbildern ausgemacht.

Immer wieder Bomben-Alarm in Dortmund: Die spektakulärsten Entschärfungen der letzten Jahre

Fünf Bomben auf einen Streich entschärften Karl-Friedrich Schröder, Tanya Beimel und Rainer Woitschek im September 2015 am Westfalenpark. © Dieter Menne

Fünf Bomben werden tatsächlich gefunden und entschärft. Das ist selbst für die Experten eine Besonderheit. „Fünf Bomben auf einen Schlag, das haben wir noch nie erlebt“, sagt Rainer Woitschek.

Dortmund und die Blindgängergefahr

  • Dortmund gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den am stärksten bombardierten deutschen Städten. Allein die britische Luftwaffe warf nach eigenen Angaben zwischen 1943 und 1945 22.242 Tonnen Bomben über Dortmund ab.
  • Umgerechnet auf das übliche „Kaliber“ wären das rund 80.000 einzelne Bomben.
  • Experten gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent davon nicht explodiert sind. Das wären dann rund 10.000 Blindgänger.
  • Vorausgesetzt, der Zünder ist noch intakt, geht von ihnen noch immer Gefahr aus, wenn sie angerührt werden. Sie müssen dann im Vorfeld von oder während laufender Bauarbeiten entschärft werden.
  • Um Gefahren durch Blindgänger abschätzen zu können werten die Experten des Kampfmitelräumdienstes von den Briten während des Kriegs angefertigte Luftbilder aus. Das war auch Ausgangspunkt für die jetzt anstehende Evakuierung im Klinikviertel.
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Eine große Herausforderung wird die Mega-Evakuierung am 12. Januar, wenn Blindgänger im Klinikviertel aufgespürt und entschärft werden. Anwohner bekommen dies schon Tage vorher zu spüren. Von Oliver Volmerich

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