Dortmund-Tatort Nr. 16 wird ein Mafia-Krimi. Eine Trattoria in Lütgendortmund wird zum Drogenumschlagplatz. Und für die Kommissare von der Ruhr gibt es ganz besondere Herausforderungen.

Dortmund

, 19.11.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Rande des Lütgendortmunder Hellwegs, gegenüber der Einmündung in die Lütgendortmunder Straße, parkt am Straßenrand ein Wohnwagen. Es ist früher Abend. 17.30 Uhr. Dunkel. Die Autos rauschen vorbei, halten, wenn die Ampel kurz vor dem Wohnwagen auf Rot springt. Die Fahrer, die auf Grün warten, ahnen nicht, was sich gerade, nur wenige Meter links von ihnen, auf der anderen Seite des Caravans abspielt. Ein Mafia-Krimi.

Abgeschirmt von der Straße guckt Hauptkommissar Peter Faber auf ein Handy und diskutiert mit seinem Kollegen Jan Pawlak. Die Stimmung ist gereizt. Es gibt Probleme bei einer Observation. Sie droht aufzufliegen. Faber öffnet die Wohnwagentür und steigt in den Caravan. Pawlak verschwindet in Richtung Straße – Dreharbeiten für den 16. Dortmund-Tatort.

Doppel-Tatort mit Münchener Kommissar-Duo

Seit dem 11. November ist das Film-Team in Dortmund. „In der Familie“ lautet der mehrdeutige Titel dieses Tatorts, einer Doppelfolge, bei der zum 50-jährigen Bestehen der ARD-Krimireihe die Dortmunder Kommissare Verstärkung von ihren Münchener Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bekommen.

Zurück zum Set: Peter Faber (Jörg Hartmann) und Jan Pawlak (Rick Okon) observieren eine kleine Trattoria gegenüber. Die Requisiteure haben dafür aus dem griechischen Restaurant Óla Kalá außen und innen eine Trattoria gemacht, einschließlich der Nudelgerichte, ausgehängt im Schaukasten an der Hauswand. Betrieben wird die Trattoria von Luca Modica (Beniamo Brogi) und seiner Frau Juliane (Antje Traue). Die Ermittler vermuten dort einen Drogenumschlagplatz.

Mörder aus Kalabrien taucht auf

Das Restaurant läuft nicht gut, aber regelmäßig kommen Lieferungen, die vor Ort umgeladen werden. Lucas 16-jährige Tochter Sofia (Emma Preisendanz) weiß nicht, woher das Geld stammt, von dem die Familie lebt, die für Luca sein Ein und Alles ist.

Mit einer Lieferung taucht plötzlich Pippo Mauro (Emiliano de Martino) auf. Er hat in München einen Mord begangen. Luca muss ihm Unterschlupf bieten. Die ‘Ndrangheta, seit Mitte der 90er-Jahre die mächtigste italienische Mafia-Organisation aus Kalabrien, verlangt es. Nach anfänglichem Zögern nähern sich die beiden Männer an. Pippo bringt Luca auf neue Geschäftsideen, und dieser wittert das große Geld. Doch Juliane drängt Luca, endlich aus den illegalen Geschäften auszusteigen.

Im nächsten Dortmund-Tatort regiert die Mafia – mit Mord, Drogen und dampfenden Nudeln

Aus dem griechischen Restaurant Olá Kalá ist für die "Tatort"-Dreharbeiten eine Trattoria geworden – mit italienischer Speisekarte- © Carolin West

Während die Dortmunder Ermittler Faber und Pawlak sowie ihre Kolleginnen Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel) die Trattoria der Modicas observieren, reisen ihre stets schlecht gelaunten Münchener Kollegen Batic und Leitmayr nach Dortmund, um Mauro festzunehmen. Doch die Dortmunder wollen erst mehr über die Hintergrundorganisation der Familie erfahren, bevor sie zugreifen.

Realer Hintergrund

Auch diese Geschichte, wie so viele der Dortmund-Tatorte, hat einen realen Hintergrund - wenn auch nicht unbedingt in Dortmund, so aber im Ruhrgebiet. So haben vor knapp einem Jahr Fahnder zum Schlag gegen die ‘Ndrangheta ausgeholt und bei einer internationalen Razzia gegen die Mafia Pizzerien, Eiscafés und Wohnungen unter anderem im Ruhrgebiet durchsucht, vor allem im Ennepe-Ruhr-Kreis und in Recklinghausen. Einer der Mafia-Bosse soll ein Gastwirt mit einer Pizzeria gewesen sein.

Vor dem Wohnwagen am Lütgendortmunder Hellweg steht ein roter Transporter. Als Tarnung, damit die Mafiosi nicht merken, dass sie beobachtet werden. „Das ist ein Requisitenfahrzeug“, erläutert vor Ort Produzent Michael Polle, „es muss schließlich alles so plausibel wie möglich sein.“

Knapp ein Viertel des Filmstoffs spielt in der Trattoria

Derweil wird die nächste Szene gedreht. „Ruhe bitte, wir drehen!“, ruft die Regie-Assistentin. „Bitte!“, gibt Regisseur Dominik Graf laut und vernehmlich das Kommando zum Einsatz für die Schauspieler. Jan Pawlak klopft vier Mal an die Wohnwagen-Tür. Das ausgemachte Zeichen. Jörg Hartmann öffnet. Pawlak verschwindet im Wagen. Diese kurze Szene wird mehrfach wiederholt, bis sie im Kasten und der Regisseur zufrieden ist.

Knapp ein Viertel der mehr als fünf Drehtage in Dortmund spielen sich in der Trattoria gegenüber ab. Eine der Wände ziert ein riesiges Stoffbanner mit einem Panorama-Foto eines kalabrischen Dorfes, das sich an eine Felswand schmiegt. „Das Bild hat der Kameramann gemacht“, berichtet Produzent Polle. Der sei ohnehin für ein paar Kameraeinstellungen ohne Schauspieler in Kalabrien gewesen.

Sogar die Speisekarte wurde umgeschrieben

Alles soll echt aussehen. Die Requisiteure waren schon am Wochenende vor den Dreharbeiten fleißig, haben neue Lampen unter die Decke des Restaurants gezimmert, an den Wänden Spiegel und vor den Fenstern neue Vorhänge angebracht.

Auch die Speisekarte zeigt nun statt Moussaka und Gyros Loup de Mer, Vitello und Linguine Pancetta mit Walnüssen und Petersilie. Da allerdings muss der Appetit mit den Requisiteuren durchgegangen sein; denn Loup de Mer und Kalbstafelspitz passen nicht zu einer einfachen Trattoria.

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Die insgesamt über 40-köpfige Crew nimmt ihre von einem Catering gelieferten Mahlzeiten trotz der Gelegenheit nicht an den Tischen des Restaurants ein. „Im Motiv wird nicht gegessen. Das ist eine eiserne Regel“, erläutert Michael Polle. Und: „Es wird auch nichts von dem gegessen, was im Motiv steht.“

Ausnahmen bestätigen die Regel; denn der Requisitenkoch, der nur fürs Bild, also eine Kameraeinstellung, dampfende Nudeln gekocht hatte, warf im Anschluss gleich noch ein paar zum Essen in den Topf hinterher. „Das war lecker“, sagt Polle.

Dortmunder stößt auf Münchener Mentalität

Auch wenn die Requisiteure in der Regel Sorgfalt walten lassen, die Umgebung rund um die Trattoria können sie nicht komplett beeinflussen. Hier und da an der Straße hängt bereits Weihnachtsdekoration im Fenster.

Die soll möglichst nicht zu sehen sein. Auch werden deshalb im Dezember nur noch die Innenaufnahmen gemacht. „In Köln hätten wir in dieser Woche gar nicht drehen können“, sagt der Produzent, „wegen Karnevalsauftakt am 11.11.“.

Auch die beiden Münchener Kommissare Batic und Leitmayr waren zum Drehen in Dortmund, unter anderem vor dem Polizeipräsidium und im Volkswohlbundhaus.

Für die gemeinsame Doppelfolge (jeweils 90 Minuten) habe man ein Traditionsteam wie das Münchener und ein neueres Team wie das Dortmunder zusammengeführt, sagt der zuständige WDR-Redakteur Frank Tönsmann: „Wir glauben, dass diese beiden Teams eine gute Dynamik entwickeln. Dass es zwischen der Münchener und der Dortmunder Mentalität zum Zusammenstoß kommt, kann man sich vorstellen.“

Sendetermin voraussichtlich im nächsten Herbst

Die Dreharbeiten für den ersten Teil laufen bis Mitte Dezember in Dortmund und Köln. Der zweite Teil wird im Frühjahr 2020 in München gedreht. Darin kulminieren die Ereignisse rund um die junge Sofia, die die Geschehnisse in ihrer Familie irgendwann begreift. Der Sendetermin ist für Herbst 2020 im Ersten vorgesehen.

Davor werden die Dortmunder Kommissare noch zwei Mal zu sehen sein. Am 1. Januar in dem Improvisations-Tatort „Gut und Böse“, bei dem insgesamt neun TV-Ermittler, darunter Peter Faber und Martina Bönisch, einen Serienmörder suchen, der vier Polizisten umgebracht hat.

Im Frühjahr 2020 soll dann der 15. Dortmund-Tatort „Monster“ im Fernsehen laufen, der bereits im Februar 2019 abgedreht wurde.

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