Kommt die Homeoffice-Pflicht zurück? Angesichts der hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen denkt die Politik darüber nach, die Schutzmaßnahmen auch für die Arbeitswelt wieder zu verschärfen. © dpa
Corona-Regel vor Comeback

Homeoffice-Pflicht in Dortmund umstritten: „Das ist überflüssig“

Die Homeoffice-Pflicht steht vor einem Comeback. Nachdem es sie in der ersten Jahreshälfte bereits gab, denkt die Politik erneut darüber nach. Wie denken die Dortmunder Unternehmen darüber?

Die Pflicht zur Arbeit im Homeoffice ist in der Pandemiebekämpfung nicht neu. Schon im Januar dieses Jahres waren Arbeitgeber verpflichtet, allen Beschäftigten, bei denen die Tätigkeit dies zulässt, die Arbeit im Homeoffice anzubieten.

Eine Pflicht zur Annahme des Angebots gab es allerdings zunächst nicht. Diese Regelung wurde dann Ende April mit der sogenannten Bundesnotbremse verschärft. Beschäftigte wurden dann verpflichtet, das Homeoffice-Angebot auch anzunehmen. Mit sinkenden Infektionszahlen lief die Regelung im Juni aus. Jetzt soll sie reaktiviert werden. Der Impfstatus soll dabei keine Rolle spielen.

„Die bundesweite Einführung wäre aus unserer Sicht sinnvoll, da so Kontakte vermieden werden. Nicht nur die am Arbeitsplatz, sondern schon auf dem Weg zur Arbeit und zurück oder in der Mittagspause“, sagt Stefan Tölle, Personalleiter bei der Dortmunder Krankenkasse „BIG direkt gesund“ zu Meldungen, nach denen die geschäftsführende Bundesregierung und die Ampelparteien die Homeoffice-Pflicht wieder einführen wollen.

Unternehmen will weiter in „Mischform“ arbeiten

Zurückhaltender äußert man sich bei dem jungen Unternehmen Online GmbH & Co. KG auf der Stadtkrone Ost. „Bei uns hat sich eine gemischte Arbeitsform zwischen Büro und Homeoffice entwickelt. Ich fände es gut, wenn es bei der Mischform bleiben könnte und es nicht zu Verschärfungen kommt“, sagt Mike Therolf, Geschäftsführender Gesellschafter der IT-Agentur mit 35 Beschäftigten.

Geht es nach der Dortmunder Volksbank, kommt man auch dort ohne eine Verpflichtung zur Heimarbeit aus.

„Wir haben von unseren 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 400 für mobiles Arbeiten befähigt. Die Beschäftigten, die etwa in den Filialen arbeiten und Kundenkontakt haben, schließt das aus, aber den internen Bereich haben wir so gut entzerrt und arbeiten dort unter Einhaltung strenger Hygienekonzepte. Die Devise lautet, das Homeoffice zu nutzen – und das funktioniert freiwillig sehr gut“, sagt Volksbank-Sprecher Carsten Jäger.

„Führt nur zu überflüssigem Kontroll- und Bürokratieaufwand“

Ganz klar für „überflüssig“ hält Ernst-Peter Brasse, der Geschäftsführer der Unternehmensverbände für Dortmund und Umgebung, eine Homeoffice-Pflicht.

Seine Begründung: „Eine gesetzliche Pflicht führt nur zu überflüssigem Kontroll- und Bürokratieaufwand. Darüber hinaus gibt es einen großen Teil an Beschäftigten, die nach wie vor nicht mobil arbeiten können, wie zum Beispiel in den Produktionen und im Handel.“

Homeoffice-Pflicht auch, wenn alle im Büro geimpft sind?

Da wo möglich, so Ernst-Peter Brasse, habe der überwiegende Teil der Unternehmen die Regelungen zum Homeoffice nicht verändert und der Anteil mobil arbeitender Beschäftigter sei nach wie vor sehr hoch.

„Was die Unternehmen dringend benötigen“, sagt er, „ist eine Auskunftspflicht der Beschäftigten zu deren Impfstatus, um die betrieblichen Hygienemaßnahmen an die unterschiedlichen Gefährdungslagen anpassen zu können. Es darf nicht sein, dass aus Unkenntnis über den Impfstatus geimpfte Kolleginnen und Kollegen den gleichen Einschränkungen unterliegen, wie ungeimpfte.“

Björn Henkel, Geschäftsführer der Bloedorn Container GmbH in Aplerbeck, stützt die Haltung von Ernst-Peter Brasse und ist gegen eine Homeoffice-Pflicht: „Unser Geschäft lebt von der Interaktion. Was die Logistik, den Transport und die Kommunikation mit den Fahrern angeht, ist es wichtig, dass man im Büro mitbekommt, was der Kollege oder die Kollegin gerade macht.“

Zudem seien alle 12 Beschäftigten im Büro geimpft, es gebe dort keinen Kundenverkehr und es würden alle Schutzmaßnahmen und Abstände eingehalten. „Homeoffice bedeutet nur Mehrarbeit für die, die zwingend im Büro sein müssen. Deshalb begrüßen wir eine Homeoffice-Pflicht nicht“, so Björn Henkel.

Homeoffice ist Herausforderung für Führungskräfte

Grundsätzlich sind die bisherigen Erfahrungen mit dem Homeoffice in vielen Unternehmen positiv. „Wir haben 2020 fast 90 Prozent unserer damals gut 720 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb von fünf Wochen einen Homeoffice-Arbeitsplatz eingerichtet“, sagt Stefan Tölle von der BIG-Krankenkasse.

„Mit der Fusion mit der Actimonda Krankenkasse zum Jahresanfang 2021 haben wir ebenfalls dem Großteil der neuen 220 Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit geboten, zuhause zu arbeiten. Unsere rund 520.000 Versicherten haben von diesem gewaltigen Umbruch nichts bemerkt.“

Stefan Tölle ist Personalleiter bei der Dortmunder Krankenkasse „BIG direkt gesund
Stefan Tölle ist Personalleiter bei der Dortmunder Krankenkasse „BIG direkt gesund“. Eine Homeoffice-Pflicht würde in seinem Unternehmen gar nichts ändern, da inzwischen ohnehin 90 Prozent der Beschäftigten wieder im Homeoffice arbeiten. „Zurzeit arbeiten wir an einer Homeoffice-Regelung, die nach der Pandemie unternehmensweit gelten soll“, so Stefan Tölle. © BIG/Stephan Schütze © BIG/Stephan Schütze

Nichtsdestotrotz bestehe bei vielen Mitarbeitenden der Krankenkasse mittlerweile der Wunsch, sich auch wieder persönlich zu treffen.

„So waren wir völlig überrascht“, sagt Stefan Tölle, „dass sich 550 Kolleginnen und Kollegen zu einem geplanten adventlichen Beisammensein im Dezember angemeldet hatten. Dieses mussten wir leider aufgrund der Corona-Entwicklung zwischenzeitlich absagen. Auch das Führen auf Distanz ist für unsere Führungskräfte eine Herausforderung, für die sie speziell geschult werden.“

Auch oder gerade in einem kleineren Unternehmen wie der Online GmbH & Co. KG sind die Mitarbeitenden weitestgehend gerne wieder ins Büro zurückgekommen.

„Wenn große Teile der Mitarbeitenden im Homeoffice sind, fehlt der soziale und menschliche Austausch untereinander. Aber auch fachlich fehlt etwas: Viele Informationen und Dinge, die im Büro so nebenbei besprochen werden oder die man im Flur im Vorbeigehen mitbekommt, gehen verloren“, sagt Mike Therolf.

Jetzt zeichnet sich ab, dass die Beschäftigten wieder ins Homeoffice müssen. Wahrscheinlich werden neue Pandemie-Regeln, zu denen wohl auch die Homeoffice-Pflicht gehören wird, am Donnerstag (18.11.) vom Bundestag beschlossen. Am Tag darauf könnten sie vom Bundesrat bestätigt werden und dann kurzfristig in Kraft treten.

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Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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