Die eine ist die Enkelin eines KZ-Kommandanten. Die andere entkam in diesem Lager als Holocaust-Überlebende nur knapp dem Tod. Heute sind beide Frauen befreundet – und haben eine Mission.

von Rebekka Antonia Wölky

Dortmund

, 13.12.2019, 13:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das „Portal zur Hölle“ habe man das Durchgangslager Westerbork im Norden der Niederlande genannt, erinnert sich Eva Weyl am Donnerstag (12. Dezember) in der Aula des Konrad-Klepping-Berufskollegs. Die heute 83-Jährige kam 1942 mit ihren jüdischen Eltern in das Durchgangslager. Diese waren zuvor aus Deutschland in die Niederlande geflohen. Bei der Ankunft in Westerbork war Weyl sechs Jahre alt. Sie und ihre Eltern blieben für dreieinhalb Jahre dort.

Das Lager führte KZ-Kommandant Albert Konrad Gemmeker. Dessen Enkelin, Anke Winter, steht neben Eva Weyl vor den Schülern. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte ihrer Familie und ihrem eigenen Trauma, Angehörige eines Täters zu sein, beschäftigt. In einem schmerzhaften und von Scham geprägten Prozess.

Die beiden Frauen kennen sich seit mehreren Jahren und verbreiten gemeinsam eine ganz klare Botschaft: „Nie wieder Auschwitz!“ Zu dem Vortrag eingeladen hatte der Jugendring Dortmund.

Rund fünf Prozent Überlebende

Aus Westerbork fuhren bis zur Befreiung des Lagers im Jahr 1945 93 Züge mit jeweils rund 1000 Insassen in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor nach Polen sowie nach Theresienstadt und Bergen-Belsen.

Eva Weyl und ihre Familie überlebten den Holocaust mit viel Glück. Damit gehören sie zu einem sehr geringen Prozentsatz derer, die nach Westerbork kamen. 102.000 der zwischen 1942 und 1945 insgesamt rund 107.000 in Westerbork Gefangenen fanden in einem Vernichtungslager den Tod.

Eine perfide Scheinwelt

In Westerbork selbst hingegen starb kaum ein Gefangener. „Ein Lager wie dieses gab es kein zweites Mal. Der Lagerkommandant, Albert Gemmeker, baute dort eine ganz perfide Scheinwelt auf“, so Weyl. Über einen Beamer zeigt sie einen Grundriss des Lagers und Originalbilder aus einem Film, den Gemmeker drehen ließ.

Holocaust-Überlebende und Enkelin eines KZ-Kommandanten mit gemeinsamer Botschaft

Eva Weyl berichtet den Schülern von den Erfahrungen, die sie als Kind in Westerbork gemacht hat. © Rebekka Wölky

Eine Schule und mehrere Fabriken sind zu erkennen. In Westerbork gab es außerdem eines der größten Krankenhäuser der gesamten Niederlande. Das Leben dort funktionierte fast wie in einem Dorf. Geschäfte und das Krankenhaus wurden von den jüdischen Lagerinsassen selbst geführt.

Schreibtischmörder

Bei alledem sei es allerdings keineswegs darum gegangen, dass Gemmeker den gefangenen Juden in einem Anflug von Mitgefühl etwas Gutes hätte tun wollen. „Er dachte stattdessen, wenn er ein besonders gutes Lager führte und sich nützlich machte, würde er nicht an die Ostfront geschickt werden, um dort im Krieg zu erfrieren“, sagt Weyl.

So habe Gemmeker als „Schreibtischmörder“ mehr als 80.000 Juden in den Tod geschickt. Und das immer mit dem Bestreben, die Gefangenen in möglichst gutem Gesundheitszustand weiterzuschicken. Absurderweise in Lager, in denen sie kurze Zeit später ermordet wurden.

Emotionale Aufarbeitung

Nach Eva Weyl spricht Anke Winter zu den Schülern. 1965 geboren habe sie Gemmeker in ihrer Kindheit zwar als strengen, aber alles in allem doch ganz normalen Großvater kennengelernt. Von der Rolle, die er als Lagerkommandant in Westerbork gespielt hatte, erfuhr sie erst als Jugendliche.

„Es ist wichtig, auch in die eigene Familie zu sehen“, sagt sie heute. Das sei ihr allerdings erst klar geworden, nachdem sie die Taten ihres Großvaters lange Zeit verdrängt hatte. „Ich bitte euch, in euren Familien emotionale Aufarbeitung zu leisten“, sagt Winter zu den Schülern. „Traumata werden sonst transgenerational weitergetragen. Wir müssen aber durch diesen Schmerz hindurch, um zu gesunden Menschen und einer gesunden Gemeinschaft werden zu können.“

Schüler besuchen Konzentrationslager

Dass es für Anke Winter nicht einfach ist, über ihren Großvater zu sprechen, merkt man ihrem Vortrag an. Immer wieder zittern ihre Stimme und Hände. Trauer für die Opfer und eine große Wut gegen ihren Großvater empfinde sie. Nach dem Krieg habe dieser behauptet, nicht gewusst zu haben, wohin die Züge fuhren. „Er hat bis zum Ende gelogen, um seine eigene Haut zu retten“, so Anke Winter.

Als sie sagt, Gemmeker habe nach dem Krieg für nur sechs Jahre in Haft gemusst, geht eine Welle aus Unverständnis durch das junge Publikum.

Holocaust-Überlebende und Enkelin eines KZ-Kommandanten mit gemeinsamer Botschaft

Die Schüler der beiden Kollegs haben im November das Konzentrationslager Auschwitz besucht. Viele von ihnen möchten sich nun selbst für Toleranz, gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. © Rebekka Wölky

Die Schüler von Konrad-Klepping-Berufskolleg und Karl-Schiller-Berufskolleg haben erst im November selbst das Vernichtungslager Auschwitz besucht. Viele waren schockiert von dem, was sie dort gesehen haben. So auch die 18-jährige Sena Toktayli und die 19-jährige Olivia Floer. Zu Beginn der Veranstaltung schilderten die Schülerinnen ihrerseits in einem Dialog, was sie in Auschwitz empfunden haben.

Verantwortung für die Zukunft

„Ich schäme mich als Mensch dafür, dass andere Menschen diese grausamen Dinge tun konnten“, sagt Sena. Die Geschichten und Erinnerungen an damals machen die Schüler nachdenklich. „Das Erinnern hat für uns eine ganz andere Dimension bekommen“, sagt auch Schulleiterin Andrea Schendekehl, die die Fahrt begleitet hat. „Vielen Schülern ist es nun wichtig, zu zeigen, dass sie die Erinnerung an das, was dort geschehen ist, weitergeben möchten.“

Das ist ganz im Sinne von Eva Weyl und Anke Winter. „Ich bin bald nicht mehr da, um euch meine Geschichte zu erzählen“, sagt Weyl. Aber als „Zweitzeugen“ könnten die Schüler dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werde und dass die Menschen sich auch weiterhin erinnern.

Während Anke Winters Vortrag legt die ältere Frau ihr liebevoll und bestärkend einen Arm um die Schultern. „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was hier geschehen ist. Aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft“, sagt sie.

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