Die Thier-Galerie leuchtet jetzt abends rot. Die Aktion soll den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin vor dem nächsten Corona-Gipfel zeigen: Der ist in Gefahr und sieht rot. © Thier-Galerie
Corona-Krise

Dortmunder Handel sieht rot: „Wir müssen wieder öffnen dürfen“

Immer mehr Geschäfte sind in Not, das Insolvenzrisiko wächst mit jedem Tag im Lockdown. Der Dortmunder Handel sieht rot - und zeigt es auch. Außerdem legt die IHK einen Plan zur Öffnung vor.

Die Forderung ist klar: „Wir müssen am 8. März öffnen“, sagt Irmgard Untiedt-Sawall vom Modehaus Sawall in der City. Gleiches sagt auch Tobias Heitmann als Vorsitzender des Cityrings: „Wir müssen wieder öffnen dürfen, sonst stirbt die Dortmunder City.“

Tobias Heitmann, der selbst Geschäftsmann in der City ist und das Kunsthaus Zimmermann & Heitmann am Hansaplatz führt, erwartet vom Corona-Gipfel am Mittwoch (3.3.), dass der Lockdown für den Einzelhandel aufgehoben wird und eine kontrollierte Öffnung mit begrenztem Einlass erlaubt wird.

„Natürlich müssen die Hygienekonzepte umgesetzt werden – so wie vor dem Lockdown auch. Dazu kommt jetzt die Pflicht zum Tragen von medizinischen Masken. Und es gibt hoffentlich bald die Möglichkeit regelmäßiger Schnelltests, die wir für die Verkäuferinnen und Verkäufer nutzen können. Ich habe Antigen-Tests schon da“, sagt Tobias Heitmann.

Handel warnt vor wachsendem Insolvenzrisiko

Der Cityring-Chef verweist auch auf die neuen elektronischen Möglichkeiten zur Kontaktnachverfolgung – wie etwa mit der App „Luca“. „Bisher bekämpfen wir die Pandemie wie im Mittelalter. Das geht nicht mehr. Mit jeder Woche im Lockdown sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Geschäfte überhaupt wieder öffnen“, so Tobias Heitmann.

Cityring-Vorsitzender Tobias Heitmann fordert als Vertreter der Kaufleute aus der Innenstadt in Dortmund, dass die Politik nicht mehr nur einen Lockdown als Antwort auf die Pandemie kennt.
Cityring-Vorsitzender Tobias Heitmann fordert als Vertreter der Kaufleute aus der Innenstadt, dass die Politik nicht mehr nur einen Lockdown als Antwort auf die Pandemie kennt. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

Weil also das Insolvenzrisiko steigt, leuchten jetzt viele Schaufenster in Dortmund rot. Mit der Aktion machen der Handelsverband und Unternehmen bundesweit vor der Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin auf die existenzielle Not der Geschäfte aufmerksam.

„Die Farbe Rot symbolisiert, dass die Geschäfte bedroht sind, und demonstriert die Präsenz und Bedeutung der Geschäfte für die Stadt und jeden Handelsstandort. In Dortmund beteiligen sich unter anderem die Thier-Galerie in der Innenstadt und der Dustmann Store in Hombruch. Zudem sind viele Filialisten wie Kik, Ernstings Family, H&M, Thalia und andere rot erleuchtet“, sagt Thomas Schäfer, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Westfalen-Münsterland in Dortmund.

Wirtschaft vermisst eine klug abgestimmte Politik

Laut Handelsverband beweist der Handel seit Beginn der Pandemie, dass er kein Infektionsherd ist. Hygienekonzepte und Sicherheitsvorkehrungen seien in der Praxis erprobt und wirksam. „Nach der langen Lockdown-Phase vermisst die Wirtschaft schmerzlich eine klug abgestimmte Politik mit Impfkonzept, angepassten Hygieneregeln, Teststrategien und App-Lösungen“, erklärt Thomas Schäfer.

Gemeinsam mit Tobias Heitmann vom Cityring verweist er darauf, dass von täglich 50 Millionen Kundenkontakten im deutschen Einzelhandel 40 Millionen im Lebensmittelhandel stattfinden. „Gleichzeitig ist die Ansteckungsquote im Lebensmittelhandel extrem niedrig. Das heißt: Es gibt keinen Grund, den anderen Einzelhandel geschlossen zu halten“, so Heitmann.

Ute Kersting vom Blumengeschäft an der Lindemannstraße/Kreuzstraße ist Vorsitzende der Aktions- und Interessengemeinschaft Kreuzviertel in Dortmund. „An der Bereitschaft, die erforderlichen Hygiene- und Schutzmaßnahmen umzusetzen, mangelt es nicht.“
Ute Kersting vom Blumengeschäft an der Lindemannstraße/Kreuzstraße ist Vorsitzende der Aktions- und Interessengemeinschaft Kreuzviertel. „An der Bereitschaft, die erforderlichen Hygiene- und Schutzmaßnahmen umzusetzen, mangelt es nicht.“ © (A) Dieter Menne © (A) Dieter Menne

Im Kreuzviertel merkt Ute Kersting, Blumenhändlerin und Vorsitzende der Aktions- und Interessengemeinschaft, dass der Frust bei Händlern und Gastronomen gerade enorm wächst. „Weil die erzwungene Schließung einfach nicht nachvollziehbar ist und mit jedem Tag die Not größer wird. Wieviel Luft sollen die denn noch haben? Bei vielen ist die zweite Corona-Hilfe noch nicht angekommen“, sagt sie und fügt an: „Wenn jetzt nicht geöffnet wird, wird man das Kreuzviertel nicht mehr wiedererkennen.“

Händlerin: „Bei uns steckt sich keiner an“

Mit ihrer Kollegin Nicole Laubert aus dem Kaiserstraßenviertel drängt sie darauf, die Händler beweisen zu lassen, dass ihre Infektionsschutzkonzepte gut sind. „Die Chance muss es geben, sonst wird die Stimmung schwierig“, sagt Nicole Laubert, die das Weingeschäft „Vino Vin“ am Kaiserbrunnen betreibt.

Weil sie Lebensmittel verkauft, darf Nicole Laubert ihr Geschäft öffnen. „Ich behaupte mal: Bei uns steckt sich keiner an“, sagt sie. Andere Händler könnten ebenso alle Anstrengungen gewährleisten. „Absolut“, pflichtet ihr Ute Kersting bei, „an der Bereitschaft zum Infektionsschutz mangelt es nicht.“

Heinz-Herbert Dustmann ist Präsident der IHK zu Dortmund
IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann: „Positiv stimmt mich, dass rund 30 Prozent der Unternehmen davon ausgehen, im Laufe des kommenden Jahres wieder zur Normalität zurückkehren zu können.“ © Stephan Schütze (Archiv) © Stephan Schütze (Archiv)

So sieht es auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund. „Wir haben mittlerweile genug Masken und Desinfektionsmittel, Luftfilteranlagen, Schutzausstattung in Geschäftsräumen, Abstandsregelungen, Zugangsbeschränkungen oder Wegweiser. Mit digitalen Tools für ein Gästemanagement könnten Kontakte im Notfall nachverfolgt werden. Schnelltests werden immer praktikabler. Und nicht zuletzt haben wir jetzt einen Impfstoff“, sagt Kammerpräsident Heinz-Herbert Dustmann.

IHK macht Vorschläge für einen Öffnungsplan

Mit allen 16 IHKs in Nordrhein-Westfalen wurden Vorschläge für einen verbindlichen Öffnungsplan entwickelt. In dem Positionspapier werden vor allem drei Punkte genannt:

  • Als Teil des Öffnungsszenarios sollte ein klares Vorgehen für den Fall eines erneuten Anstiegs der Infektionszahlen verabredet werden, damit die Unternehmen auf Grundlage der Inzidenzzahlen frühzeitig selbst eine Risikoabschätzung vornehmen können.
  • Für die Öffnung sollte daher ausschlaggebend sein, wie es in dem jeweiligen Geschäftsmodell gelingt, das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Eine Öffnung allein nach Branchenklassen kann dem nicht gerecht werden. Wie die vergangenen Monate gezeigt haben, folgen aus einer starren Einteilung Ungerechtigkeiten und Wettbewerbsverzerrungen.
  • Durch klare Bedingungen für die Öffnung erhalten die Unternehmen den wichtigen Anreizrahmen, um ihr Geschäftsmodell anzupassen und in ihre Zukunft zu investieren.

Thomas Schäfer vom Handelsverband verweist darauf, dass Handel und Gastronomie bereits sehr frühzeitig umfassende Hygienekonzepte erfolgreich umgesetzt haben und trotzdem derzeit, wie der Tourismus und die Kultur, ein Sonderopfer wegen der politisch verfügten Zwangsschließungen erbringen. Er fragt: „Wie lang soll das noch weitergehen?“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle
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