„Aggression hat einen sehr schlechten Ruf – dabei ist sie nicht per se schlecht“

dzHäusliche Gewalt in Dortmund

Fast vier Polizeieinsätze gab es in Dortmund 2018 im Schnitt täglich wegen häuslicher Gewalt. Seit 2019 können sich gewalttätige Männer in Dortmund helfen lassen, nicht mehr zuzuschlagen.

Dortmund

, 23.01.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für Markus Brauckmann gehören Gewalt und Krisen zum Berufsleben dazu: Der 45-Jährige berät Männer zu diesen Themen. 2015 hat der Rechtsanwalt, der zuvor als Schuldnerberater arbeitete, mit dem Themenschwerpunkt angefangen, seit März 2019 berät Brauckmann auch in Dortmund. Jede Beratung beginnt mit einem Telefonat. Meistens wenden sich Männer an ihn, die im häuslichen Umfeld gewalttätig geworden sind.

Herr Brauckmann, ihr Telefon schellt. Und dann?

Dann kommt meistens eine Aussage: „Ich habe gehört…“ Oder auch: „Mir wurde zugetragen, dass es da so etwas gibt, dass ich an mir arbeiten kann.“ Männer benennen nicht sofort ihr Anliegen. Sie haben Hemmungen. Sie brauchen Raum zum Erzählen, dann ergibt sich viel von selbst. Und ich bin dazu da, den Mann zum Nachdenken zu bringen.

Diese Männer melden sich bei Ihnen freiwillig?

Die Beratung ist freiwillig, aber niemand kommt ganz freiwillig. Es gibt immer äußere Faktoren, die mit motivieren. Sei es, dass die Frau sagt: Wenn du dich nicht änderst, dann bin ich weg. Und in der Regel hat der Mann ein Interesse, dass die Beziehung bestehen bleibt. Auch Frauen möchten gerne die Beziehung fortsetzen, wenn er denn nicht schlagen würde. Die Beratung kann aber auch eine behördliche Auflage sein.

Der Mann als Täter mit dem Wunsch, die Beziehung bestehen zu lassen? Wie passt das zusammen?

Es klingt so, als würde sich das ausschließen, das tut es aber nicht. Ich denke, dass Gewalt ein Abwehrverhalten ist, weil Männer in bestimmten Situationen überfordert sind, nicht mehr weiterwissen und diese Ohnmacht nicht ertragen. Weil ungefähr jeder Mann in seinem Leben Gewalterfahrungen gemacht hat, haben Männer gelernt, dass Gewalt ein Mittel sein kann.

Wie löst man so etwas auf?

Oft wird mir gesagt: „Das hat mir doch nicht geschadet, dass ich Schläge bekommen habe“. Was mich immer wieder stark irritiert, weil: Was wäre aus dem Menschen geworden, wenn er nicht geschlagen worden wäre? Für den Mann ist das eine Selbstverständlichkeit, denn es hat ja auch bei ihm vermeintlich funktioniert.

Und? Was kann man tun, um aus dieser Schleife herauszukommen?

Wir nennen das Gewaltkreislauf. Der mit einer Gewalthandlung beginnt und sich da auch wieder anschließt. Die Gewalt tut dem Mann sehr oft unendlich leid und er verspricht, dass es nie wieder passiert. Und er will alles daran setzen, um es wiedergutzumachen.

Nur geht der Alltag weiter, die Erinnerung verblasst, wie auch die Schuld, und dann kommt er in die Rechtfertigung rein. Und von der Rechtfertigung der Tat aus fällt es dem Mann wieder leicht, bestimmte Situationen wieder in der gleichen Art und Weise wie in seinem bisherigen Handlungsmuster anzugehen.

Dann schlägt er wieder zu?

Dann schlägt er wieder zu und es wiederholt sich. Erst wenn der Mann seine eigene Dynamik, die in jedem Fall unterschiedlich sein kann, erkennt, dann hat er auch die Möglichkeit, eine Alternative zu sehen und ergreifen zu können.


Haben sie ein Beispiel aus der Praxis?

Viele, ich nehme einfach meine letzte Beratung. Einen Mann, der mittlerweile ganz klar benennen kann, dass er Scham empfindet. Er geht in den Konflikt mit seiner Partnerin, weil es ihm peinlich ist, dass sein Anspruch an sich selbst scheitert.

Einerseits will er der tolerante Mann sein, der seiner Frau alles gestattet. Andererseits aber wehrt er das vehement ab, wenn er den leisesten Verdacht bekommt, dass die Beziehung auseinandergeht, weil sie einen anderen, interessanteren und tolleren Mann kennenlernen könnte. Geht auf eine sachliche statt auf die emotionale Ebene, überspielt damit seine eigene Scham mit irgendwelchen abwertenden Aussagen.

So kommen sie in einen Konflikt, was eigentlich die Ängste des Mannes sind. Das macht ihm große Unsicherheit, schwächt das Selbstbewusstsein und ist ein Problem.

Über das er nicht sprechen kann?

Über das er mit niemandem sprechen kann. Warum sollte er das, was er in seiner Beziehung nicht kann, in seinem Freundeskreis können? Also sagen: Ich habe große Sorgen, dass meine Frau mich verlässt, weil ich nicht der tolle Hecht bin.

„Aggression hat einen sehr schlechten Ruf – dabei ist sie nicht per se schlecht“

Markus Brauckmann ist als Krisen- und Gewaltberater unter anderem in Dortmund tätig. © Großekemper

Kann man sagen, dass Schwierigkeiten in Partnerschaften oft wenig mit dem Ist-Zustand zu tun haben? Sondern damit, wie der Partner die Aussagen des Gegenübers interpretiert?

Absolut. Im Regelfall sind fast alle Probleme auf Sachebene lösbar, landen aber schnell auf der Beziehungsebene. Einfacher Klassiker ist hier: Ein Pärchen sitzt in einem Wagen vor einer Ampel und sie sagt: Es ist grün. Und er sagt: Wer fährt denn hier, ich oder du? Meinst du, ich kann nicht fahren? Allein die Sachaussage hört er auf der Beziehungsebene und wertet sich selber ab. Und diese Selbstabwertung kann eine Eintrittskarte in den Gewaltkreislauf sein.

Wie viele Männer haben Sie bisher hier beraten?

17 Männer in Dortmund. Zusammen mit den Fällen in Hamm, wo wir länger tätig sind, summiert sich das auf 150 bis 200 Männer im Jahr. Im Alter von 10 bis 77.

Ist das viel oder wenig?

Ein ordentlicher Zulauf, mehr kann ich ja gar nicht verarbeiten, Termine in Dortmund bieten wir nur montags an. Wir bräuchten einen höheren refinanzierten Stellenanteil, um den Bedarf zu decken. Und wenn sich dann mehr Männer trauen würden. Denn wie viele Männer erreichen wir nicht? Was mich immer wundert, ist, dass Männer so viel aushalten, bis sie sich eingestehen, ein Problem zu haben. Wenn das Auto nicht fährt, geht es in die Werkstatt. Wenn der Mann nicht funktioniert, wo geht er hin?

Der Mann hält aus. Steckt weg, soll sich gerade machen, Nehmerqualitäten haben. Das sind ja alles so Beschreibungen…

…an denen man nur scheitern kann.

Ja, das sagen Sie jetzt. Die lassen aber auch alle den Geist der Vergangenheit wehen.

Was Männern einfach fehlt, ist eine Emanzipationsbewegung. Die Frauen haben sie vierzig Jahre lang durchschritten, haben sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft. Und der Mann ist von seinem Selbstverständnis her schon immer dagewesen und musste nichts lernen.

Also haben die Frauen einen wahninnigen Vorsprung in allen Bereichen. Jetzt muss der Mann mal auf den Weg gebracht werden. Auch um zu erkennen: Wenn was bei mir nicht funktioniert, muss das nicht außerhalb von mir sein. Vielleicht bin einfach ich es, der nicht funktioniert.

Wann wird es für Sie richtig schwer?

Ich habe einen Klienten, die Beratung ist abgeschlossen, er ruft aber noch mal ab und zu an. Der Mann ist Hooligan, war sowohl dort als auch in der Partnerschaft gewalttätig. Da wird es schwer, denn wir können rituelle Gewalt, und so würde ich Hooliganismus bezeichnen, nicht beraten. Dieser Klient ist seit 20 Jahren Hooligan und hat eine ganz, ganz andere Verbindung zur Gewalt. Diese Leute kommen für gewöhnlich nicht in die Beratung, die üben Gewalt aus um der Gewalt Willen.

Eine extreme Ausnahme, oder?

Ja. In der Regel ist die Gewalt, um die es in den Beratungen geht, ein Abwehrverhalten. Ich habe zum Beispiel einen älteren Mann in der Beratung. Seine Frau, die eine Demenz entwickelt hat, unterstellte ihm, er würde Dinge verstecken. Mit der Situation kam er nicht klar und hat sie dann geschubst und ihr den Arm umgedreht. Auch so etwas kann Auslöser für Gewalt sein. Hier steht dann dahinter eine Trauer, eine Verlustangst. Sehr starke Gefühle, mit denen Männern nicht gelernt haben, klarzukommen.

Was zu Aggression führt?

Ach, Aggression hat einen sehr schlechten Ruf. Dabei ist sie nicht per se schlecht. Das Wort (aggredi, Anm. d. Red.) kommt aus dem Lateinischen und heißt „an etwas herangehen“. Man kann also auch sagen, man muss aggressiv sein, um seine Ziele zu erreichen. Auf nicht zerstörerische Weise aggressiv sein zu können, ist eigentlich die Lösung.

Info

Die Krisen- und Gewaltberatung wird vom SKM Dortmund e.V. angeboten und vom Bistum Paderborn gefördert. Markus Brauckmann unterliegt der Schweigepflicht und ist unter 017630040089 erreichbar. Weitere Infos: www.echte-männer-reden.de
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