Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamtes: „Fehler beim Maske-tragen sind bei der britischen Virusvariante durchschlagskräftiger als bei den normalen Wild-Virusvarianten, die wir bislang kennen.“ © Stephan Schütze
Coronavirus-Pandemie

Gesundheitsamts-Chef: Wir können die dritte Welle verhindern

Dortmunds oberster Infektionsschützer Dr. Frank Renken sagt, die dritte Corona-Infektionswelle lasse sich trotz der gefährlicheren Mutante verhindern. Dafür müsse aber etwas getan werden.

Glaubt man dem Bundespolitiker und Epidemiologen Karl Lauterbach, ist die dritte Infektionswelle durch das Coronavirus nicht mehr aufzuhalten. So fatalistisch sieht das Dortmunds oberster Infektionsschützer Dr. Frank Renken nicht. Er glaubt nicht, dass Dortmund zumindest zum jetzigen Zeitpunkt in die dritte Infektionswelle schlittert – sofern ein paar Voraussetzungen erfüllt sind.

„Natürlich weiß ich es genauso wenig wie Herr Lauterbach“, sagt er, „er hat seine These, aber ich entscheide mich für die Antithese.“ Zum einen habe es England geschafft, auch mit der Virusvariante aus der zweiten Welle zu kommen. Renken: „In England haben sie auch einen Lockdown gehabt, aber nicht das komplette Land heruntergefahren. Und trotzdem ist es ihnen offensichtlich gelungen, mit den uns bekannten Maßnahmen das Virus in den Griff zu bekommen“ – wenn auch flankiert von mehr und schnelleren Impfungen als in Deutschland.

Für eine Abwehr der dritten Welle spreche aber vor allem, dass die Gesundheitsämter wieder in der Lage seien, die Kontakte nachzuverfolgen und Infektionsketten zu unterbrechen, „so wie wir es gelernt haben“, sagt der Dortmunder Amtsleiter. „Noch steht uns dafür Unterstützungspersonal, das wir eingearbeitet haben, zur Verfügung.“

Auf die Mündigkeit der Bürger setzen

Bei der Öffnung gelte es, „mit Augenmaß“ vorzugehen, mahnt. Renken, und auf die Mündigkeit der Bürger zu setzen. „Die Bürger wissen inzwischen, worum es geht. Wir sollten nicht gleich alle Verbote aufheben, aber auf jeden Fall mehr mit den Bürgern reden und mehr erklären, warum wir etwas tun.“

Beispiel ist die Maskenpflicht am Phoenixsee und jetzt auch in den Dortmunder Parks, die – mit Blick auf die ansteckendere britische Virusvariante – vermutlich noch in den nächsten zwei Wochen bestehen bleibt. Die Mutante mache den Unterschied, betont Renken. Gehe man ohne Mund- und Nasenschutz hinter jemandem her, der die britische Variante in sich trage, und der Vordermann huste oder niese, erreiche man bei Schrittgeschwindigkeit innerhalb von vier Sekunden dieselbe Stelle und atme zwei- bis dreimal dieses Aerosol ein. „Dann war’s das.“

Wo man die Dunkelziffer bei der Virusvariante ansetzen soll, kann Renken nicht sagen. Dafür wisse man noch zu wenig über die Mutante. Doch man weiß, wie ansteckend sie ist. „Wenn wir bei Ausbrüchen im Krankenhaus einen Patienten in einem Mehrbettzimmer hatten, haben sich 30 Prozent der anderen angesteckt. Bei der britischen Variante sind es 100 Prozent.“ Und nur die sei unter den Mutanten bislang in Dortmund nachgewiesen.

Schneller in Quarantäne

Die hohe Ansteckungsrate sei darauf zurückzuführen, dass die Proteine der Mutanten wesentlich besser an die Rezeptoren im Körper andocken können als die bislang bekannten sogenannten Wildvirus-Varianten. „Das hat zur Folge, dass für eine Ansteckung weniger Virenmaterial benötigt wird“, erläutert der Amtsmediziner. „Doch die für eine Infektion notwendige Dosis zu quantifizieren, ist sehr schwierig.“

Bislang konnten sich zwei Personen mit medizinischem Mund-Nasenschutz eine Dreiviertelstunde lang in einem Raum aufhalten und unterhalten und galten nicht als enge, sondern nur weite Kontaktpersonen. Anders bei der britischen Variante. „Nach all‘ dem, was wir jetzt über die Ausbreitungsgeschwindigkeit wissen, wäre man heute nach einer Viertelstunde, aber vielleicht auch schon nach Minuten eine enge Kontaktperson und müsste in Quarantäne“, sagt Renken und räumt ein, „ob wir damit richtig liegen, das müssen wir noch sehen.“

Egal wie gut man seine Maske trage – man habe immer einen Beistrom in der Luft. Auch wenn man theoretisch alles richtig mache, gebe es praktisch die Möglichkeit, sehr viele Fehler zu machen. Kurz die Maske zu lockern, könne schon reichen, um Viren-geschwängerte Aerosole einzuatmen. „Diese Fehler sind bei den neuen Varianten offensichtlich durchschlagskräftiger als bei den normalen Wildvirus-Varianten, die wir bisher kennen.“

Anfangs im Dunkeln gelassen

Er habe sich selbst als erster Infektionsschützer von Dortmund anfangs gewundert, dass die Bundesregierung mit den 16 Ministerpräsidenten den Lockdown so deutlich verlängert hat. Schließlich müsse die Politik der wachsenden Unzufriedenheit über die Einschränkung der Freiheitsrechte Rechnung tragen. Den wachsenden Unmut habe er auch bei denjenigen beobachtet, die bislang die Schutzmaßnahmen ausnahmslos akzeptiert und überhaupt nicht infrage gestellt hätten, berichtet Renken. Doch mehr als kryptische Hinweise auf die Mutanten habe es von der Runde im Kanzleramt zunächst nicht gegeben.

„Rückblickend glaube ich, dass man uns ziemlich im Dunkeln hat stehen lassen, was bestimmte Informationen betrifft“, sagt Renken. „Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass das RKI sehr wohl ziemlich gute Informationen darüber hatte, dass die Varianten in verschiedenen Teilen Deutschlands definitiv angekommen waren und dass das nur noch nicht ausreichend in der Fachwelt kommuniziert war.“

Das decke sich jedenfalls mit den Ermittlungen des Dortmunder Gesundheitsamtes, das täglich weitere Menschen mit Varianten finde an ganz unterschiedlichen Stellen im Stadtgebiet. Diese Fälle gingen nicht zusammen, und könnten nur im Ausnahmefall einem anderen zugeordnet werden.

„Es ist schon passiert“

Stand Donnerstag (25.2.) waren es insgesamt 77 Nachweise. Noch eine niedrige Zahl, die gemessen an den Gesamtinfektionen im einstelligen Bereich liege, rechnet Renken vor. Um den 10. Februar herum lag der Höchstwert bei 7 Prozent, eine gute Woche später waren es nur noch zwei Prozent. Das sei zwar ein niedriger Wert, aber die Variante sei da. Renken: „Eine diffuse erkennbare Ausbreitung hat sich schon etabliert. Es muss nicht mehr passieren, es ist schon passiert. Wir können das nicht mehr verhindern, wir können es nur noch eindämmen.“

Mit dem Wissen um die hohe Ansteckungsgefahr der Variante hätten vermutlich die meisten Bürger Verständnis zum Beispiel für eine Verlängerung der Maskenpflicht am Phoenixsee und Ausweitung der Maskenpflicht auf die Parks.

Dritte Welle ist nicht gottgegeben

Unter Berücksichtigung dieser Schutzmaßnahmen und mit Blick auf die personellen Kräfte im Gesundheitsamt und Möglichkeiten der Kontaktnachverfolgung sowie auf die gewonnenen Erfahrungen „ist es nicht gottgegeben, dass wir jetzt die dritte Welle im Anmarsch haben“, meint Renken. „Wenn wir aktiv dagegen anarbeiten, werden wir die dritte Infektionswelle nicht bekommen.“

Wenn doch, dann möglicherweise im Herbst, aber auch nur, „wenn wir nicht genug Impfstoff bekommen“, sagt der Amtsmediziner. Es bleibe „noch ein bisschen spannend. Wir müssen im Moment sehr konzentriert arbeiten und hoffen, dass das Frühlingswetter für uns arbeitet; denn wir haben auch gelernt, dass das Virus instabiler wird, wenn es wärmer ist.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle
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