Zumindest die Außengastronomie darf bald wieder geöffnet werden - wie hier bei Tante Amanda in Westerfilde. Seit November ist der Restaurantbetrieb geschlossen - wie überall. Wie wird die Dortmunder Gastro-Szene nach einem Jahr Corona aussehen? © (Archiv) Stephan Schütze
Ein Jahr Corona in Dortmund

Gastro-Szene in Dortmund: „Die meisten pfeifen aus dem letzten Loch“

Seit November im Lockdown, Dortmunds Gastronomie ist nach 12 Monaten Corona arg gebeutelt. Wie viele Restaurants werden überhaupt wieder öffnen? Der Versuch einer Annäherung.

Am äußersten Stadtrand in Westerfilde liegen in beschaulicher Idylle zwischen Pferdekoppeln und Feldern das Restaurant und der Biergarten Tante Amanda. Draußen ist alles zusammengezurrt und drinnen sind, wie in allen anderen Gastro-Betrieben auch, die Stühle hochgestellt und die Kochplatten kalt.

Lang und länger wird für Inhaber Bubi Leuthold der gegenwärtige Lockdown. Seit 40 Jahren ist er in der Gastronomie tätig, seit fast 30 Jahren betreibt er Tante Amanda. Eine solche Durststrecke hat er noch nicht erlebt.

Am 30. Oktober hat er das letzte Menü serviert und das letzte Bier ausgeschenkt. „Wirtschaftlich war das Corona-Jahr bisher schon sehr einschneidend. Wir als gestandener Betrieb kommen allerdings klar. Auch dank der November- und Dezemberhilfe, die wir vom Staat bekommen haben“, sagt Bubi Leuthold.

Außer-Haus-Verkauf kann Umsatzverlust nicht auffangen

Er denkt allerdings an die vielen kleinen Betriebe, „die nicht so den Zugriff auf Stützgelder haben.“ Bei etlichen sehe es gerade finanziell sehr eng aus. „Der Außer-Haus-Verkauf“, sagt Bubi Leuthold, „ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich fürchte, einige Betriebe werden auf der Strecke bleiben.“

Eines dieser kleinen Restaurants ist Katjusha’s Foodwerk an der Hochofenstraße in Hörde. „Ich bin mit Leib und Seele Gastronomin und jetzt steht meine Existenz auf dem Spiel“, sagt Inhaberin Ekaterina Guemuesh und fragt: „Wo ist die soziale Verantwortung der Bundesregierung?“

Seit dem 1. November ist der Restaurantbetrieb in Katjusha`s Foodwerk in Dortmund-Hörde geschlossen. Ab dem 22. März darf draußen wohl wieder serviert werden. „Finanziell bringt mir eine Öffnung der Außengastronomie aber nur wenig“, sagt Inhaberin Ekaterina Guemuesh.
Seit dem 1. November ist der Restaurantbetrieb in Katjusha`s Foodwerk in Hörde geschlossen. Ab dem 22. März darf draußen wohl wieder serviert werden. „Finanziell bringt mir eine Öffnung der Außengastronomie aber nur wenig“, sagt Inhaberin Ekaterina Guemuesh. © Foodwerk © Foodwerk

Wie Ekaterina Guemuesh geht es sicher vielen Gastronomen nach einem Jahr Corona in Dortmund. Etliche haben vielleicht schon aufgeben müssen. Wie sehr verändert also die Corona-Krise die Dortmunder Gastro-Szene? Wie viele Restaurants und Kneipen werden nach dem aktuell anhaltenden Lockdown überhaupt wieder öffnen?

Überraschende Zahl: Mehr Gastro-Betriebe als vor einem Jahr

Um eine Ahnung davon zu bekommen, hilft vielleicht ein Blick in die Liste der Mitgliedsunternehmen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund. Die Mitgliedschaft bei der Kammer ist für Gewerbetreibende Pflicht. Wie viele mussten also aus der Liste bisher gestrichen werden?

Nun, die Zahlen der IHK sind total überraschend. Danach gibt es zum 1. März 2021 im Wirtschaftszweig mit Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés, Eissalons und Ähnlichem rund 70 Betriebe mehr in Dortmund. Waren hier am 1. März 2020 etwa 730 Betriebe gemeldet, so sind es ein Jahr später rund 800.

„Das sind die Zahlen, die wir haben. Man muss sie allerdings einordnen“, sagt IHK-Pressesprecher Gero Brandenburg. „Der Zustand der Gastronomie lässt sich daraus nicht ableiten“, sagt er, „weil die reine Zahl nicht sagt, wie es den Betrieben aktuell geht.“ Außerdem seien wohl auch Betriebe noch erfasst, die längst nicht mehr aktiv sind, sich aber bei der Gewerbemeldestelle des Ordnungsamtes noch nicht offiziell abgemeldet haben.

Viele Gastronomen halten sich mit Krediten über Wasser

Sicherlich wirke sich auch aus, ergänzt IHK-Referent Patrick Voss, dass die Insolvenzantragspflicht wegen der Corona-Krise weiterhin ausgesetzt sei: „Sonst sähe es bestimmt anders aus.“ Und Gero Brandenburg fügt an: „Wenn man mit den Betrieben spricht, ist spürbar, dass es der Gastronomie schlecht geht. An der Bestandszahl ist das nicht ablesbar.“

Lars Martin ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Westfalen und ein Kenner der Dortmunder Gastro-Szene.
Lars Martin ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Westfalen und ein Kenner der Dortmunder Gastro-Szene. Er beobachtet, „dass nach und nach ein Betrieb nach dem nächsten schließt.“ © Dehoga Westfalen/Lichtrevier © Dehoga Westfalen/Lichtrevier

Beziffern kann auch Lars Martin, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Westfalen, das Ausmaß des zu befürchtenden Corona-Sterbens in der Gastronomie nicht. „Aber man muss keinen Master in Betriebswirtschaft haben, um zu verstehen, dass das Eis mit jedem Tag der Schließung dünner wird. Die meisten pfeifen finanziell, aber auch mental auf dem letzten Loch“, sagt er.

Als Kenner der Dortmunder Gastro-Szene beschreibt er die vielfach vorherrschende Situation so: „Auch, wenn jetzt die November- und Dezemberhilfen in weiten Teilen endlich ausgezahlt wurden, so reicht dieses Geld bei weitem nicht aus, um die Verluste, die im vergangenen Jahr entstanden sind, zu kompensieren. Man hält sich im Moment irgendwie mit Krediten über Wasser oder geht an die Altersversorgung.“

Hörder Restaurant-Betreiberin beklagt 70.000 Euro Schulden

Viele Gastronomen hätten in den vergangenen Monaten so viel privates Geld in ihren Betrieb gesteckt, dass es kein Zurück mehr gebe. „Alles oder nichts scheint bei einer Mehrzahl der Betriebe daher die Devise zu sein“, so Lars Martin.

Und genauso ist es bei Ekaterina Guemuesh. Die Jungunternehmerin, die ihr Lokal am 1. Oktober 2019 öffnete, sitzt auf einem Schuldenberg von mittlerweile 70.000 Euro. Aufgeben kommt für sie einfach nicht infrage: „Dafür ist das finanzielle Loch zu groß.“

Ekaterina Guemuesh setzt zurzeit auf das Außer-Haus-Geschäft. Das reiche aber lange nicht, um die Kosten zu decken. „Tatsächlich“, sagt Gastro-Experte Lars Martin, „halten sich die auf diese Art und Weise generierten Umsätze im Rahmen – bei den meisten Betrieben in etwa bei 10 bis 20 Prozent des normalen Umsatzes.“

Inwieweit das Außer-Haus-Geschäft über Corona hinaus ein Umsatzfaktor bleiben wird, vermag Lars Martin nicht einzuschätzen. Momentan sorge es für wenigstens etwas Beschäftigung. „Ich kann mir schon vorstellen, dass der eine oder andere Betrieb das Angebot aufrecht erhalten wird – allerdings bedeutet für die meisten Gäste der Gastronomiebesuch ja auch ein Stück weit Urlaub vom Alltag, und da gehört die ‚Flucht aus den eigenen vier Wänden‘ in das nette Ambiente beim Lieblingsgastronomen um die Ecke dazu“, so Lars Martin.

Öffnung der Außengastronomie sorgt für moralischen Konflikt

„Tante Amanda“-Chef Bubi Leuthold hatte sich schon vor dem vergangenen Corona-Gipfel darauf eingestellt, dass er in seinem netten Ambiente frühestens im April wieder wird öffnen dürfen. „Das war absehbar“, sagt er.

Bubi Leuthold und seine Familie betreiben nicht nur „Tante Amanda“ in Dortmund, sondern auch das Bistro „1910“ am Markt in Castrop. Er ist seit Jahrzehnten Gastronom. Eine solche Durststrecke wie in den vergangenen zwölf Corona-Monaten hat er noch nicht erlebt.
Bubi Leuthold und seine Familie betreiben nicht nur „Tante Amanda“ in Westerfilde, sondern auch das Bistro „1910“ am Markt in Castrop. Er ist seit Jahrzehnten Gastronom. Eine solche Durststrecke wie in den vergangenen zwölf Corona-Monaten hat er noch nicht erlebt. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Dass ab dem 22. März unter einigen Voraussetzungen (Terminbuchung und tagesaktueller Schnelltest) zumindest die Außengastronomie wieder geöffnet werden darf, bringt ihn in einen moralischen Konflikt. „Ich öffne natürlich gerne draußen meinen Biergarten. Ich finde aber, wegen der Gleichbehandlung hätte man es nicht so beschließen sollen“, sagt er. Viele Gastronomen verfügten eben nicht oder nur in ganz geringer Zahl über Plätze im Außenbereich.

Ekaterina Guemuesh spricht er damit aus der Seele. Finanziell bringt eine Öffnung der Außengastronomie für sie nur wenig. „Im Laden habe ich 50 Plätze“, erklärt sie, „draußen nur die Hälfte“.

Bubi Leuthold: „Haben die Zeit genutzt, um zu renovieren“

Aus vielen Gesprächen weiß man bei der IHK um genau diese Problematik. „Wie sollen wir denn von Außengastronomie leben? Das fragen uns viele Gastronomen“, sagt IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann. Ein schlechtes Gewissen müssten aber Biergarten-Besitzer nicht haben. „Man nimmt ja niemandem einen Gast weg, wenn nun die Außengastronomie öffnen darf“, so Dustmann.

Wie die Hörderin Ekaterina Guemuesh hat auch Bubi Leuthold den ganzen Winter über sein Stammpersonal inklusive aller Aushilfen halten und bezahlen können. „Wir haben die Zeit genutzt, um zu renovieren, zu restaurieren und einiges zu optimieren“, sagt Leuthold und freut sich nun, dass alle bereit sind, wenn Ende März zumindest der Biergarten wieder in Betrieb genommen werden kann.

„Ich weiß noch nicht, wie das mit den Tests klappen wird. Aber wenn das Wetter passt, wird wohl ein großer Gästeansturm auf uns zu kommen. Darauf müssen wir uns gut einstellen“, sagt Bubi Leuthold. Immerhin ein Silberstreif zu Beginn des zweiten Corona-Jahres für die Dortmunder Gastronomie.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle
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