Fußballmuseum zieht mit seiner Strahlkraft Besucher aus 113 Ländern nach Dortmund

dzDeutsches Fußballmuseum

Im Oktober 2015 eröffnet, hat sich das Deutsche Fußballmuseum fest im Bewusstsein der Fans verankert und macht auch im Ausland von sich reden. 2019 soll es neue Attraktionen geben.

Dortmund

, 16.11.2018, 17:51 Uhr / Lesedauer: 5 min

Museen beschäftigen sich in der Regel mit Vergangenheit, mit Exponaten und oft mit Kunst. Das kann lehrreich sein und eine ästhetische Komponente haben. Wo aber geschehen in solchen Häusern die Verknüpfungen mit Momenten schieren Glücks? Wo ist die Vergangenheit plötzlich so nah, dass sie fast zur Gegenwart wird? Im Deutschen Fußballmuseum am Königswall gegenüber dem Hauptbahnhof ist das der Fall.

Das Fußballmuseum ist ein Haus, das Momente sammelt

Es ist ein Haus, in dem man sich nicht nur den Endspielball des „Wunders von Bern“ 1954 und Mario Götzes Schuh aus dem Endspiel 2014 anschauen kann. Nein, es ist vor allem ein Museum, das Momente sammelt. Ein Haus voller Inszenierungen.

Die Einrichtung vermittelt den Zeitsprung. Die Möbel sind im 50er-Jahre-Stil, im Röhren-Fernseher läuft das Berner Endspiel. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“, schallt es aus der Kiste. Und dann – „TOOOR, TOOOR, TOOOR!“ Herbert Zimmermanns leidenschaftliche Reportage von damals lässt Helmut Köller lächeln. Der 80-Jährige ist mit drei Freunden aus Lippetal angereist, sie haben ihm den Besuch im Museum zum Geburtstag geschenkt. „Das war sagenhaft damals“, erinnert er sich.

Ich erkenn' alle Spieler wieder“

16 Jahre alt war Helmut Köller, als Rahn abzog und der Ball am ungarischen Keeper vorbei ins Eck flog zum 3:2-Sieg der deutschen Nationalmannschaft. Er hat es oft im TV gesehen. Aber es ist auch ein Film, der regelmäßig in Köllers Kopf abläuft. Das Spiel ist Teil seiner Biografie, „ich hab' das immer noch vor Augen. Und ich erkenne noch heute alle Spieler wieder.“

Fußballmuseum zieht mit seiner Strahlkraft Besucher aus 113 Ländern nach Dortmund

Heinrich Köller (80) aus Lippetal vor dem Röhrenfernseher, in dem das 1954er-Endspiel zwischen Deutschland und Ungarn in Bern läuft. © Gregor Beushausen

Köller, damals als Jungspund in Diensten von VEW, hat das Spiel in einer Gruppe von Menschen bei einem damaligen Arbeitskollegen gesehen. Fußball vor dem Fernseher war genauso intensiv wie ein Stadionbesuch. Schließlich gab es gerade mal 40.000 Fernsehgeräte in Deutschland. Das Treffen vor den Fernsehern ließ die Stadionenge nachempfinden, der Jubel ebenso. „Das war Fußball, wie ich ihn gemocht habe“, sagt Köller, „leidenschaftlich und ehrlich.“

Mehr als 1600 Exponate, 25 Stunden Filmmaterial, Geräusche und Radioreportagen stoßen bei den Besuchern Erinnerungen an, die das Deutsche Fußballmuseum zu einer einzigen großen Erlebniswelt werden lassen. Drei Jahre nach der Eröffnung im Oktober 2015 betrachtet Museumsdirektor Manuel Neukirchner das Haus als „Marke, die neben dem BVB wie keine zweite die Stadt Dortmund ins Bewusstsein der Öffentlichkeit pflanzt.“ National wie international.

Wichtiger Standortfaktor für Dortmund

„Das Fußballmuseum ist zu einem wichtigen Standortfaktor für Dortmund geworden“, stellt Neukirchner fest. Er münzt das nicht allein auf die breite Fernsehpräsenz, auf rund 13 Millionen Zuschauer, die in der Saison 2017/2018 in der ARD sonntags die Live-Auslosung der DFB-Pokalspiele im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund verfolgt haben.

Fußballmuseum zieht mit seiner Strahlkraft Besucher aus 113 Ländern nach Dortmund

Manuel Neukirchner: „Beim Bekanntheitsgrad spielen wir inzwischen in einer Liga mit den großen Museen wie Guggenheim oder dem Louvre.“ © Gregor Beushausen

Nein, Neukirchner hat weitere Belege für seine These, dass die Strahlkraft des Hauses auch die Köpfe weit außerhalb Dortmunds erreicht. Rund 52 Prozent der Besucher, die 2018 ins Museum kamen, hatten eine Anreise von mehr als einer Stunde hinter sich. Darunter Menschen aus 113 Ländern.

Als Borussia vor Kurzem gegen Bayern spielte, wurde das besonders deutlich. Rund 2300 Besucher haben sie an jenem Wochenende (Samstag und Sonntag) gezählt. Üblichen seien rund 1500 Besucher. Zwei Drittel der Gäste nahmen eine Anreise von mehr als einer Stunde in Kauf - darunter 20 Prozent aus dem Ausland. Menschen aus 32 Nationen waren in Dortmund zu Gast; unter anderem aus Dänemark, England, Polen und der Schweiz. Neukirchner will gar nicht verhehlen, „dass dieser Effekt möglicherweise auch mit dem BVB-Spiel zu tun hatte.“

Unabhängig davon bleibe aber festzuhalten, „dass wir gerade an den Wochenenden zunehmend überregionale Besucher haben." Als Sprecher der Geschäftsführung der Stiftung Deutsches Fußballmuseum und mehr noch als Museumsdirektor, der er ja nun mal ist, weiß Neukirchner, dass Einrichtungen dieser Art vor allem an ihren Besucherzahlen gemessen werden. Die habe man – rechnet man 2018 mit – drei Jahre lang mit jeweils rund 200.000 stabil gehalten.

Besucher bleiben bis zu vier Stunden

„Wir gehören zu den meist besuchten Dauerausstellungen im Ruhrgebiet“, hält Neukirchner fest. Zwei Millionen Euro Umsatz allein im Ticketverkauf, auch das spreche für sich. Die Verweildauer eines Gastes liege im Schnitt „zwischen drei und vier Stunden“, ein sehr ordentliches Ergebnis für ein Museum. In herkömmlichen Museen betrage sie rund 90 Minuten, weiß Neukirchner.

Fußballmuseum zieht mit seiner Strahlkraft Besucher aus 113 Ländern nach Dortmund

Fußball 4.0: Das Museum arbeitet mit modernsten Techniken wie zum Beispiel einer große Multimediashow. © Gregor Beushausen

Wenn man im Zusammenhang mit Stadien von „Multifunktionsarenen“ spricht, dann trifft das auch aufs Fußballmuseum zu. Privatpersonen, die Geburtstag feiern, Firmenfeste, Sponsoringpartner – sie alle machen sich die Strahlkraft des Hauses zunutze. „Wir hatten seit Eröffnung rund 600 Fremdveranstaltungen“, rechnet Neukirchner vor. Hinzu kommen kulturelle Veranstaltungen wie Buchvorstellungen oder die Vorstellung eines Films zu Ehren des verstorbenen Heinz Flohe, dem Mittelfeldstar des 1. FC Köln.

Es können aber auch Gesprächsrunden sein, in denen Experten die Tiefen und Untiefen des Fußballs ausloten. Auch eine Abschiedspressekonferenz wie die von Lukas Podolski kann beispielsweise dafür sorgen, dass sich das Museum auf der Bekanntheitsskala ein weiteres Stück nach oben schiebt.

2019 kommt die Ruhmeshalle

Neukirchner zitiert aus einer NRW-weiten Umfrage des WDR: Bei der Frage, welches Museum ihnen bekannt sei, nannten neun Prozent ohne jede Vorgabe das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund; das Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao kam auf sieben Prozent. Konkret befragt, ob ihnen das Deutsche Fußballmuseum bekannt sei, antworteten sogar 70 Prozent mit „Ja“. Zu Umfragen kann man stehen, wie man will. Dass es das nationale Fußballmuseum war, das Dortmund auf die Landkarte gesetzt und so die Stadt überhaupt erst sichtbar gemacht hätte – soweit würde Neukirchner natürlich nicht gehen. Dass die „Schatzkammer der deutschen Fußballgeschichte“ aber die Reichweite des Dortmund-Marketings erheblich ausweitet, dürfte unbestritten sein.

Frank Helpenstein (64) und Ehefrau Diana sind aus Wuppertal gekommen. Er drückt sich fast die Nase an einer der Vitrinen platt, seine Frau schaut etwas besorgt auf die Uhr. Er sei „beeindruckt“ sagt Helpenstein, das Museum gefalle ihm „ganz gut“. Er beginnt zu erzählen, bis ihn die Stimme seiner Frau unterbricht: „Unsere Parkuhr läuft ab.“ Eigentlich schade, Helpenstein ist noch längst nicht durch. „Wahrscheinlich komm' ich nochmal wieder.“ Es könnte sein, dass er überrascht wird. Das Museum bekommt neue Attraktionen.

Fußballmuseum zieht mit seiner Strahlkraft Besucher aus 113 Ländern nach Dortmund

Fußballfans, die ins Museum gehen, halten sich dort im Schnitt bis zu vier Stunden auf. Kein Wunder bei mehr als 1600 Exponaten und 25 Stunden Filmmaterial. © Gregor Beushausen

Voraussichtlich im Frühjahr 2019 wird im Fußballmuseum die angekündigte Hall of Fame („Ruhmeshalle“) eröffnet. Sie wird elf herausragenden, deutschen Fußballspielern und -spielerinnen gewidmet, deren Konterfeis sich mithilfe von Projektoren über die Wände bewegen sollen. Gewählt werden sie von einer Jury aus 25 erfahrenen Sportjournalisten, die am 20. November (Dienstag) tagen und ihre Auswahl treffen. Jahr für Jahr sollen weitere Akteure hinzukommen. Voraussetzung: Sie müssen ihre Laufbahn seit mindestens fünf Jahren beendet haben. „Einzigartig“ nennt Neukirchner das Vorhaben. So etwas gebe es in ganz Deutschland nicht. „Das Deutsche Fußballmuseum ist genau die Einrichtung, in die eine solche Hall of Fame inhaltlich hingehört.“

Multimedia-Show für die Bundesliga

Auch im Bundesliga-Bereich des Museums wird sich etwas tun. In Vorbereitung, so viel kann Neukirchner sagen, ist eine Multimedia-Show. Sie soll den Fußballfan auf eine spannende und emotionale Zeitreise durch 50 Jahre Bundesliga-Geschichte mitnehmen. Der Eröffnungstermin ist für die Osterferien 2019 geplant.

Gegen Ende des laufenden Jahres 2018 sollen die Umbauarbeiten im früheren Adidas-Shop abgeschlossen sein. Rund 200 Quadratmeter groß, wird die Fläche künftig vom Museum selbst bewirtschaftet. Geplant sind ein Bistro und der Verkauf von Fußballutensilien – darunter Bücher, Anstecknadeln und Retro-Trikots.

„Das letzte Unberechenbare ist der Ball“, sinniert Bundestrainer Löw in einem Tondokument. Das Berechenbare ist die Begeisterung der Fans, dafür wurde das Deutsche Fußballmuseum erbaut. Vielleicht kommt Helmut Köller aus Lippetal in einigen Jahren wieder. Er wird sich an das Tor von Helmut Rahn genauso erinnern wie an das von Mario Götze, dem 2014 im Endspiel gegen Argentinien das 1:0 gelang. Es gibt Dinge, über die niemals Gras wachsen wird.

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