„Finstere Gestalten“, Videokameras: So gefährlich ist das berüchtigte Brückstraßen-Viertel

dzAngstraum Ausgehviertel

Das verwinkelte Brückstraßenviertel macht vielen Dortmundern Angst. Vor allem an der Reinoldikirche fühlen sich abends viele Dortmunder unsicher. Die Polizei versucht, gegenzusteuern.

Dortmund

, 15.11.2019, 13:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Während tagsüber viele Fußgänger nur vorbeihuschen, ist die Kreuzung des Brüderwegs zur Kuckelke nachts am Wochenende der Top-Verkehrsknoten Dortmunds. Vom großen Glas-Pylon der Haltestelle Reinoldikirche fahren die Nacht-Express-Busse sternförmig ins ganze Stadtgebiet. Hier treffen sich fast alle Linien - und damit auch Bewohner der gesamten Stadt.

Beobachter können die Fußgänger, die hier nachts alleine unterwegs sind, ganz offensichtlich in zwei Gruppen einteilen. Diejenigen, die lieber Abstand von anderen halten und die, die es genau gegenteilig tun - um nicht alleine dazustehen.

Disco-Highheels, Kneipen-Würfler und Obdachlose

Ein Großteil der Bus-Fahrgäste ist angetrunken und entweder vom Party-Abend ziemlich geschafft oder laut und aufgekratzt. Disco-Besucherinnen auf Highheels treffen auf Kneipen-Gäste, die am Stammtisch um Schnaps würfeln und Obdachlose, die in Hauseingängen schlafen.

Diese Mischung an verschiedensten Leuten sorgt bei einigen von ihnen für mulmige Gefühle. Fast zwei Drittel der Dortmunder gaben bei einer Umfrage an, mit der Sicherheit nachts in der City unzufrieden zu sein. Sicherheitspersonal patrouilliert hier auch unter der Woche abends.

„Finstere Gestalten“, Videokameras: So gefährlich ist das berüchtigte Brückstraßen-Viertel

Gegenüber der Reinoldikirche schläft ein Obdachloser vor einer Ladenzeile. © Kevin Kindel

Janina Vogel meidet die Fremden am liebsten. „Abends stehen da wirklich immer finstere Gestalten rum“, sagt sie: „Ich beeile mich immer, dass ich da schnell wegkomme.“ Die Obdachlosen seien für sie keine Bedrohung, vielmehr stören sie Gruppen von Jugendlichen.

Junge Männer versuchen hier nicht selten, Frauen anzusprechen - die es in der Regel gar nicht charmant finden, angequatscht zu werden, wenn sie einfach nur nach Hause wollen. Selbst wenn‘s nicht beabsichtigt ist, werden so beängstigende Situationen geschaffen.

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„Da hilft nur weitergehen und ignorieren“, sagt Janina Vogel. Der Bereich zwischen Reinoldikirche und Brückstraße gehört zu den meistgenannten Angsträumen der Stadt. Gleichzeitig fühlen sich hier andere Dortmunder hingegen ausgesprochen wohl und genießen das bunte Leben auch zu Abendstunden. „Dann bleibt mal schön zu Hause. Ich fühle mich sicher“, antwortet eine Dortmunderin in einer Facebook-Diskussion.

Viele Sprachen hört man in der Brückstraße - für viele Leute ist auch das ein Faktor, der zu unsicheren Situationen führt. Wird man von fremden Männern angeguckt, die dann eine Sprache sprechen, die man selbst nicht versteht, verunsichert das viele Menschen. Auch dann, wenn sich die Fremden nur übers Wetter unterhalten.

„Finstere Gestalten“, Videokameras: So gefährlich ist das berüchtigte Brückstraßen-Viertel

Die Brückstraße wird von der Polizei mit Videokameras beobachtet. © Kevin Kindel

Die Brückstraße ist das Zentrum eines bunten Ausgehviertels mit Bars, Imbissbuden, Kino und Konzerthaus. Ein paar Meter weiter sind die Straßen aber relativ eng und verlassen, Müll liegt herum und Bettler sind unterwegs. Dabei hat sich vieles enorm verbessert.

Bis in die 90er-Jahre war die Brückstraße als Treffpunkt für Kriminelle berüchtigt. Es ist schwer, das Sicherheitsempfinden eines Bürgers zu verbessern, wenn er oder sie mit Erinnerungen aus dieser Zeit aufgewachsen ist. Seitdem hat die Stadt Dortmund aber mehr als 100 Millionen Euro in die Revitalisierung des Viertels investiert, im Jahr 2002 hat das Konzerthaus eröffnet.

„Örtliche Begebenheiten begünstigen Straftaten“

Für die Dortmunder Polizei ist die Brückstraße heute durchaus auch noch ein Kriminalitätsschwerpunkt. „Die örtlichen Gegebenheiten begünstigen die Begehung von Straftaten“, sagt Sprecherin Cornelia Weigandt auf Anfrage. Viele verwinkelte Wege, alle paar Meter kann man abbiegen, Straftäter können schnell im Trubel untertauchen.

Deshalb sind an mehreren Stellen des Bereichs Videokameras installiert - bislang ist das in Dortmund einmalig. Verdächtige sollen so schnell erkannt und zumindest kontrolliert werden. Aus Sicht der Polizei ist die Maßnahme erfolgreich.

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Zur Wirksamkeit der Kameras gibt es allerdings verschiedene Meinungen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat ausgewertet, dass es im beobachteten Bereich seit Aktivierung der Kameras an der Brückstraße sogar mehr Straftaten gab (plus 3,7 Prozent), während die Zahlen für ganz Dortmund stark gesunken sind (minus 11,2 Prozent).

Polizeiwache Anfang November neu eröffnet

622 Delikte wurden dort im Jahr 2017 gezählt. Zahlen zu den 90ern kann die Polizei nicht nennen, weil es aus der Zeit keine auf einzelne Straßen bezogenen Erhebungen gebe. Die Beamten möchten keine Vergleiche ziehen, die nicht statistisch belegbar sind.

Kurze Reaktionszeiten seien für die Polizei besonders wichtig, sagt die Polizeisprecherin. Anfang November haben die Beamten ihre neue Wache am Brüderweg bezogen, etwas weiter in Richtung Ostenhellweg, raus aus der schmalen Reinoldistraße direkt hinter dem Konzerthaus.

SERIE

ANGSTRÄUME IN DORTMUND

Unsere Redaktion hat über ihre Facebook-Seite knapp 50.000 Abonnenten gefragt, welche Orte in Dortmund sie als „Angstraum“ bezeichnen. In einer Serie widmen wir uns den vier am häufigsten genannten Orten, machen Ängste transparent, prüfen das Empfinden und spüren dem nach, was dort für die Sicherheit getan wird. Neben dem Brückstraßenviertel sind das die Nordstadt, der Bahnhof Hörde und der Wilhelmplatz in Dorstfeld.
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