Verteidiger Udo Vetter beantragte für den Angeklagten Ralf H. einen Freispruch. © Martin von Braunschweig
Schwurgericht

„Feige, bösartig, brutal und grausam“ – Plädoyers im Schalla-Prozess

Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Nicole-Denise Schalla im Jungferntal sind am Mittwoch die Plädoyers gehalten worden. Mutter Sigrid Schalla fand deutliche Worte.

Mehr als 27 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Nicole-Denise Schalla will das Schwurgericht am Montag (25.1.) das Urteil verkünden. Für den Angeklagten Ralf H. aus Castrop-Rauxel geht es um alles oder nichts.

Staatsanwalt fordert lebenslang

Staatsanwalt Felix Giesenregen plädierte am Mittwoch (20.1.) als erster. Und er machte gleich deutlich, dass der Fall für ihn geklärt und gelöst ist. „Für mich steht zweifelsfrei fest, dass Sie, Herr H., der Mörder der Nicole-Denise Schalla sind“, sagte der Staatsanwalt.

Giesenregen weiß genau, dass es keinen handfesten Beweis für die Täterschaft des heute 56-Jährigen gibt. Eine Reihe von Indizien reicht seiner Ansicht nach aber aus, um zu demselben Schluss zu gelangen. Ralf H. sei wegen „massiver gewalttätiger Überfälle auf junge Frauen“ vorbestraft, so Giesenregen. Und vor allem gebe es DNA-Spuren von der unbekleideten Leiche, die eindeutig Ralf H. zuzuordnen seien.

„Ein Mordmerkmal sicher erfüllt“

Der Staatsanwalt räumte zwar ein: „Wir alle wissen nicht, was genau am Abend des 14. Oktober 1993 geschehen ist.“ Er könne sich jedoch keinen Tatablauf vorstellen, der ohne heimtückisches Handeln oder ohne die Absicht ein vorheriges Verbrechen zu verdecken, einhergehe. Eines dieser beiden Mordmerkmale ist aus Sicht des Anklagevertreters sicher erfüllt.

Daher überraschte der Antrag des Staatsanwalts niemanden mehr: lebenslange Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Damit könnte Ralf H. wohl nicht bereits nach 15 Jahren wieder entlassen werden.

Sigrid Schalla spricht selbst

Arabella Pooth, die Anwältin der Eltern Sigrid und Joachim Schalla, schloss sich dem Antrag des Staatsanwalts vollumfänglich an. Sie hätte sich gewünscht, dass der Angeklagte den Hinterbliebenen erklärt hätte, was genau damals geschehen sei, sagte sie noch.

Im Anschluss nutzte auch Sigrid Schalla die Gelegenheit, selbst ein kleines Plädoyer zu halten. Das war mit Abstand der emotionalste Moment im kompletten bisherigen Prozessverlauf.

Anfangs sprach Sigrid Schalla noch mit ruhiger Stimme, dann aber wurde sie doch von ihrer Trauer übermannt. „Diese Tat war feige, bösartig, brutal und grausam“, sagte sie. „Für unsere Familie ist eine Welt zusammengebrochen, unsere gemeinsame Zukunft wurde zerstört. Nici wird bis heute von so vielen Menschen schmerzlich vermisst. Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Die Zeit heilt nicht alle Wunden, man lernt nur irgendwann, damit zu leben.“

Verteidiger beantragt Freispruch

Verteidiger Udo Vetter bewertet den Fall wenig überraschend völlig anders. Er konzentrierte sich in seinem Plädoyer vor allem auf eine weitere DNA-Spur, die an der Kleidung von Nicole-Denise Schalla gesichert worden war.

Der Spurenleger ist bis heute unbekannt, deshalb kommt er aus Sicht des Verteidigers eben auch als Täter in Betracht. „Es ist Rosinenpickerei, wenn man sagt, die eine Spur ist tatrelevant und die andere nicht“, sagte Vetter. Für ihn seien Spuren auf der Oberbekleidung und solche am entblößten Unterkörper der Leiche „qualitativ gleichwertig“.

Totschlag wäre verjährt

Verteidiger Vetter beantragte schließlich einen Freispruch. Und selbst, wenn die Richter zu der Überzeugung gelangten, dass sein Mandant der Täter sei, dürften sie ihn nicht verurteilen. „Das war kein Mord, sondern ein Totschlag. Und ein solcher wäre bereits verjährt“, so Vetter.

Als letzter hatte Ralf H. selbst die Gelegenheit, noch etwas zu sagen. Seine Worte, die er den Richtern mit in die Urteilsberatung gab, klangen so: „Ich bin unschuldig. Ich habe zwei Jahre in Haft gesessen. Mein Leben ist ein Spießrutenlauf. Bitte sprechen Sie mich frei.“

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