Fehldiagnose: Parkinson-Patientin schluckte elf Jahre Pillen, ohne Parkinson zu haben

dzMedikamenten-Wahnsinn

Vor elf Jahren erhielt eine 73-jährige Dortmunderin die Parkinson-Diagnose. Jetzt steht fest: Sie leidet gar nicht an der schweren Krankheit.

Dortmund

, 16.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Parkinson - seit über 200 Jahren befassen sich Mediziner mit dieser unheilbaren Krankheit, die mit dem Untergang von Nervenzellen im Gehirn einhergeht. Ein Mangel am Botenstoff Dopamin steht am Anfang der Krankheit. Der Körper reagiert mit Zittern, die Muskeln versteifen. Das Bewegungsbild der Patienten verändert sich. Parkinson durchdringt das Leben in allen Bereichen - und wird zu einem weiter wachsenden Problem:

Die europäische Dachorganisation für Parkinson-Erkrankungen (EPDA) geht davon aus, dass sich die Zahl der Erkrankten in Europa bis in das Jahr 2030 auf über zwei Millionen Patienten erhöhen wird. Die Behandlungsstandards und -kosten in Europa schwanken stark. Eine Diagnose ist immer kompliziert. Eine heute 73-jährige Dortmunderin erhielt die Parkinson-Diagnose im Jahr 2007. Seit dem 3. August 2018 weiß sie, dass sie gar nicht an Parkinson erkrankt ist.

Die Diagnose Parkinson

Das Jahr 2007: Alles deutet bei Roswitha (Name geändert) auf Parkinson hin, als sie unruhig, zitternd, verängstigt und „mit den Nerven am Ende“ in das Krankenhaus in Lütgendortmund eingeliefert wird. Nach wenigen Tagen holt ihr Mann sie dort wieder heraus: „Sie war vollgepumpt mit Medikamenten. Ihr Wesen war völlig verändert. Ich habe sie nicht mehr wiedererkannt.“ Nächste Station ist eine Klinik in Hemer. Ein Professor verändert die Medikation. Von da an ist klar: Roswitha leidet an der Parkinson-Krankheit. Der Mutter von zwei erwachsenen Kindern geht es in der Klinik mental noch halbwegs gut. Den jungen Patienten in der Klinik gibt sie sogar Halt. Sie schreiben ihr Briefe und sprechen Dank aus: „Bleib so fröhlich und so positiv.“

Doch dann verliert die heute 73-jährige Seniorin aus dem Stadtteil Berghofen im Dortmunder Süden selbst den Halt. Die Medikamente wirken nicht. Im Gegenteil: Die emotional angeschlagene Patientin glaubt, dass die verordnete Medizin ihre Situation eher verschlimmert. Das Laufen fällt zunehmend schwer. Die Kaffeetasse ist nur zu einem Drittel gefüllt, damit die zitternde Hand nichts verschüttet. Eine Depression schlägt voll durch und drückt sie an die Wand. Roswithas Leben ist dunkel. Ein Psychologe in der Schweiz hilft. Sie weint viel. Herzprobleme kommen auch noch dazu. Die Patientin kämpft an vielen Fronten und lernt in Krankenhäusern viele Ärzte kennen. Elf Jahre später steht fest: Roswitha hat keine Parkinson-Krankheit. Sie setzt die Medikamente ab und lacht wieder.

36.000 Pillen in 11 Jahren

Neun Tabletten täglich hat sie geschluckt. Insgesamt rund 36.000 Pillen in den elf Jahren, darunter auch starke Psychopharmaka. Roswithas Kiste mit Medikamenten ist prall gefüllt. Die Listen mit den Nebenwirkungen sind lang. Der Dortmunder Apotheker Markus Mießner sagt, dass Patienten und Angehörige häufig einen großen Stapel an Medikamenten in der Apotheke abladen und fragen: „Muss das so viel sein?“ Dann sei es die Aufgabe der Vor-Ort-Apotheken, die Neben- und Wechselwirkungen erkennen zu können. Auf Neben- und Wechselwirkungen müssen auch Ärzte achten, doch sie wissen nicht immer, was ein Kollege bereits verordnet hat. Apotheker kennen ihre Kunden häufig persönlich und haben die Medikamente-Historie sogar im Kopf - Internet-Apotheken können das nicht.

Fehldiagnose: Parkinson-Patientin schluckte elf Jahre Pillen, ohne Parkinson zu haben

„Parkinson-Medikamente werden häufig in Pflegeheimen verabreicht", sagt der Dortmunder Apotheker Markus Mießner. © Peter Bandermann

Dann, im Frühsommer 2018, folgt ein viertägiger Krankenhaus-Aufenthalt, weil Roswithas Herz nach einem längst abgehakten Notfall mit anschließender Operation schon wieder nicht mitspielt. Angst. Atemnot. Herzrasen. Als wäre sie nicht schon genug gestraft: Schon wieder macht die Pumpe nicht mehr richtig mit.

Zweifel an der Parkinson-Krankheit

Ein Spezialist des Dortmunder Klinikums untersucht und behandelt die Seniorin vier Tage lang stationär und gibt ihr am Vorabend der Entlassung aus der Herzklinik den Hinweis, dass er an der Parkinson-Diagnose zweifle. „Ich glaube nicht, dass Sie Parkinson haben. Aber ich bin Kardiologe und nicht Neurologe“, hört Roswitha ihn sagen. Der Professor rät dazu, den Neurologen aufzusuchen.

Roswitha folgt dem Hinweis und erhält einen neuen Pillen-Plan. Sie muss weniger schlucken. Zweifel hat jetzt auch der Hausarzt aus Berghofen. Er will eine zweite Meinung hören und vermittelt in die Praxis eines weiteren Kollegen.

Der Neurologe untersucht die Patientin sehr intensiv, reduziert eine Dosis, setzt ein Medikament komplett ab und veranlasst einen „Datscan“ - eine nuklearmedizinische Untersuchungsmethode, bei der eine Kamera an einem Freitag 55 Minuten lang Roswithas Gehirn „ausliest“ und das Ergebnis als Bild zusammenstellt. Roswitha muss dabei still liegen. Der Kopf ist fixiert. Sie hat dabei Schmerzen. „Ich bin alle Kirchenlieder und das autogene Training durchgegangen, um das auszuhalten.“ Nach der Untersuchung heißt es: abwarten. In einer Woche, am 3. August 2018, steht der nächste Besuch bei dem neuen Neurologen an. Dann soll sie das Ergebnis bekommen. Parkinson: Ja oder Nein? Warum Roswitha nie zuvor mit dem „Datscan“ untersucht worden ist, weiß sie nicht.

„Sie haben kein Parkinson“

Sie und ihr Mann fahren zunächst zur Tochter und den Enkelkindern und genießen außerhalb Dortmunds das Familienleben. Eine Woche später schließlich der Arztbesuch, der die berühmte „zweite Meinung“ liefern soll. Das Ehepaar sitzt im Sprechzimmer. Der Arzt arbeitet sich ein, liest den Befund des Radiologen, sichtet und bewertet. Dann dieser Satz: „Ja. Sie haben kein Parkinson.“ Wenige Minuten nach diesem Satz beginnt Roswithas neues Leben.

Während ihr Mann das Auto holt, wartet sie unten in der Fußgängerzone. „Ich habe beim Bäcker wildfremden Menschen erzählt, dass ich kein Parkinson habe. Die haben mir gratuliert. Und ich hätte schreien können vor Glück. Denn ich wusste nicht wohin mit meinen Gefühlen.“ Dann fließen Tränen. „Wir haben uns in den Arm genommen, sind am Abend schön essen gegangen und haben, wie so oft, Scrabble gespielt. Vor lauter Glück war ich nicht mehr in der Lage zu beten.“ Obwohl die Religion in Roswithas Leben immer eine große Rolle gespielt hat.

Achterbahnfahrt der Gefühle

Seit dem befreienden Befund setzt Roswitha Tag für Tag schleichend die Medikamente ab, berichtet sie in ihrem Wohnzimmer vor vielen Pillen-Packungen und einem dicken Aktenordner mit Arztberichten sitzend. Sie erzählt und erzählt. Blickt hinaus in den Garten. Schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Empfindet so viel Dankbarkeit gegenüber ihrem aufopferungsvollen Ehemann. Sie weint. Sie lacht. Sie durchlebt beim Erzählen eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Elf Jahre wirken die Medikamente wie Hammerschläge auf die 73-Jährige ein. Sie kann jetzt viel besser laufen, seit die Dosis für die Medikamente kleiner wird und Pillen ganz gestrichen sind. Der Gemütszustand ändert sich. „Sie hat sich so sehr verändert“, sagt der Mann. Roswitha spürt, dass sich ihr Leben positiv wandelt.

„Mit diesen Depressionen wurde ich über die Jahre immer kleiner. Jetzt wachse ich gerade. Die ganze Welt ist wieder heller und mein Blickwinkel auf das Leben größer geworden. Alles ist nicht mehr so eng. Ich spüre die Freiheit. Ich habe das Gefühl, für meinen Mann nicht mehr so eine große Last zu sein.“ - „Nicht mehr eine große Last zu sein“ - als sie das sagt, presst sie die Lippen zusammen. Über das Gesicht, das gerade noch das große Freiheits-Gefühl personifizierte und so fröhlich wirkte, kullern jetzt die Tränen. Eine ewig wirkende Minute tiefes Schweigen. Tränen über Tränen aus zusammengekniffenen Augen. „Mein Mann hat so viel für mich getan.“

Keine einfache Diagnose

„Parkinson“, sagt Professor Dr. Peter Berlit, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), „ist eine nicht einfach zu stellende Diagnose. Fehldiagnosen kommen vor. Leider haben wir das Problem, dass die Parkinson-Diagnose oft auch voreilig gestellt wird.“ Für eine zuverlässige Diagnose sind klinisch-neurologische Untersuchungen, Schichtaufnahmen des Gehirns und ein Medikamententest notwendig. Mehrere Symptome müssen vorliegen, bevor ein Neurologe dem Parkinson-Verdacht nachgeht. Dazu zählen ...

  • Eine allgemeine Verlangsamung der Bewegungsabläufe (Akinese)
  • Zittern (Tremor)
  • Vermehrte Steifigkeit der Extremitäten (Rigor)

Fehldiagnose: Parkinson-Patientin schluckte elf Jahre Pillen, ohne Parkinson zu haben

Professor Dr. Peter Berlit: „Parkinson ist eine nicht einfach zu stellende Diagnose. Fehldiagnosen kommen vor.“ © Alfried Krupp Krankenhaus

In den meisten Fällen können die Patienten bereits zuvor nicht mehr riechen und schlafen unruhig (lautes Reden, „Umsichschlagen“). All dies sind Indizien, die auf Parkinson hinweisen, die Erkrankung aber noch nicht belegen. Professor Berlit betont: „Es gibt solche und ähnliche Symptome auch nach Schlaganfällen, anderen degenerativen Erkrankungen und auch bei Stoffwechselerkrankungen. Da helfen dann Parkinson-Medikamente nicht.“ Zwei oder drei klinische Tests reichten nicht aus - „man muss sehr genau hinsehen.“ Der Professor erklärt: „Hinweise auf andere Diagnosen liefern eine Computertomographie oder eine Kernspintomographie. Für die Parkinsondiagnose wichtig ist der L-Dopa-Test: Die beim Patienten bestehenden Symptome müssen sich messbar durch die Gabe eines Überträgerstoffs bessern, beispielsweise beim Gehen auf einer definierten Strecke.“

Den Mut nicht verlieren

Roswitha kann ihr Glück kaum in Worte fassen, denn sie weiß, dass die Parkinson-Krankheit nicht heilbar ist. Den Ärzten, die ihr die starken Medikamente verordnet haben, macht sie keine Vorwürfe. Sie möchte nicht, dass ihre Namen genannt werden. Die Freude über die neue Diagnose ist größer als Ärger und Wut. Ihre Geschichte erzählt sie, weil sie anderen Menschen mit Depressionen Mut machen möchte: „Gebt die Hoffnung nie auf.“

Die Europäische Vereinigung für Parkinsons-Erkrankung (EPDA) schätzt die Zahl der europaweit erkrankten Patienten auf über 1,2 Millionen. Kein anderes Land in Europa gibt pro Patient so viel Geld für die Behandlung aus wie Deutschland. Die Ausgaben schwanken zwischen 18.660 und 31.660 Euro (je nach Stufe / Zahlen aus 2010). Ausgaben in der EU: Rund 14 Milliarden Euro pro Jahr (2011 berechnet).
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