Das „Horror-Hochhaus“ ist für viele Dortmunder ein Symbol für alles, was in der Nordstadt schiefläuft. Für Sofien Mbarki war es das geliebte Zuhause. Wir waren mit ihm in seiner alten Wohnung.

Dortmund

, 15.08.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sofien Mbarki geht wie immer als erstes ins Kinderzimmer. Dort hängt noch die Tapete mit den süßen Mäusen, Hamstern und Füchsen, die sich seine Tochter Joulia ausgesucht hat. Der heute 49-Jährige steht in der Mitte des kleinen Raumes, wo Joulia und ihr jüngerer Bruder Hamza einst auf dem Teppichboden saßen und mit Lego spielten. „Es kommt mir vor, als ob das erst vor ein paar Tagen gewesen ist“, sagt er lächelnd, während sein Blick durch den Raum schweift.

Tatsächlich ist das nun schon zwanzig Jahre her, Mbarki wohnt schon längst nicht mehr hier. Die Tierchen-Tapete ist vergilbt und blättert langsam von den Wänden ab. Viele Fenster sind eingeschlagen, ihre Scherben knirschen auf dem nackten Betonboden, wenn man auf sie tritt. Statt Glas prangen Bretter und dicke Plastikabdeckungen vor den Fensteröffnungen, die leere Wohnung liegt im Dunkeln. Kupferdiebe haben viele der Leitungen aus den Wänden gerissen.

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Horror-Hochhaus Wohnungsbesichtigung

Seit 2002 steht die alte Wohnung der Mbarkis leer – so wie alle anderen 101 Appartements des 18-stöckigen Gebäudes an der Kielstraße 26. Dass Mbarki überhaupt in seiner ehemaligen Wohnung stehen kann, verdankt er seinem Freund Klaus Höveler.

Der ist als Hausmeister zuständig für den ganzen Komplex und sieht regelmäßig nach dem Rechten in dem verbarrikadierten Hochhaus. Da es trotzdem immer wieder Junkies oder Kupferdiebe ins Gebäude schaffen, begleiten ihn Mbarki und andere Freunde manchmal.

„Es war eine Super-Zeit“ – So lebte es sich im Horror-Hochhaus

Sofien Mbarki zeigt, wo einst sein Klingelschild war. Weil ein Freund Hausmeister des "Horror-Hochhauses" ist, kommt er ab und an in das abgeriegelte Gebäude. © Thomas Thiel

Im April 2002 hatte die DEW21 vielen Wohnungen im Haus Strom und Wasser abgestellt. Schon damals war jede vierte Wohnung unbewohnt, danach suchten auch die übrig gebliebenen Mieter schnell das Weite. Im November 2002 ließ die Stadt das verlassene Wohn-Hochhaus zumauern, Junkies waren nachts eingestiegen, jemand hatte sogar Feuer gelegt. Das weithin sichtbare Gebäude verfiel, bekam schnell einen unrühmlichen Spitznamen: Horror-Hochhaus.

„Wir hatten Glück, dass wir die Wohnung bekamen“

Als Sofien Mbarki 1994 mit seiner Frau Beate und seiner gerade geborenen Tochter in die Wohnung im ersten Stock einzieht, fühlt sich das für die junge Familie wie ein Hauptgewinn an: „Wir hatten Glück, dass wir die Wohnung bekamen, da kam nicht jeder rein.“ Dabei hilft ihnen Vitamin B: Sie übernehmen die Wohnung von einem Onkel Beates, auch ihre Großeltern wohnen im 5. Stock.

Das neue Zuhause der Mbarkis ist eine 86-Quadratmeter-Wohnung mit drei gut geschnittenen Zimmern, zwei Balkone samt Fensterfronten sorgen für reichlich Licht. Die Monatsmiete ist auch für damalige Verhältnisse günstig: Die Mbarkis zahlen lediglich 640 D-Mark warm, inklusive Tiefgaragenstellplatz – alle Wohnungen im 1969 gebauten Haus sind Sozialwohnungen. Die billige Miete kommt den Mbarkis zupass. Sofien, der als Monteur in einem Werk in Kamen arbeitet, ist Alleinverdiener der jungen Familie.

„Es war eine Super-Zeit“ – So lebte es sich im Horror-Hochhaus

1994 zogen die Mbarkis in die Wohnung in der Kielstraße 26. Das Bild zeigt die beiden Kinder der Mbarkis, Hamza und Joulia, im Wohnzimmer, dahinter die Essecke und die Küche, etwa 1998. © Beate Mbarki

Sofien Mbarki denkt gerne an seine Anfangsjahre in der Kielstraße zurück: „Es war eine gute Nachbarschaft.“ Viele alte Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wohnen dort, schon damals ist das Haus international: „Neben uns lebte eine nette Familie vom Balkan“, erzählt Mbarki, der selbst aus Tunesien stammt. „Jeder hat seine Ruhe gehabt.“

Auch die Hausverwaltung sei auf Zack gewesen, erinnert sich Mbarki: „Wir hatten zwei Hausmeister, jeden Samstag kam eine Reinigungsfirma, die die Treppenhäuser und die Flure reinigte.“ Wenn mal was kaputt ist, wird sich sofort gekümmert: „Das war guter Service“, sagt Mbarki heute.

Mbarki schaut seinen Kindern vom Balkon aus beim Spielen zu

Dementsprechend wohl fühlt sich die Familie in ihrem neuen Zuhause: Sohn Hamza wird geboren, die Mbarkis machen es sich schön, samt Couch-Garnitur und großem Fernseher im Wohnzimmer. Wenn Sofien mal wieder länger auf Montage nach Belgien oder Frankreich muss, helfen die Großeltern Beate mit den Kindern. Ist der Vater Zuhause, liebt er es, seinen Kindern beim Spielen zuzusehen, vom Balkon hat er einen perfekten Blick auf den lebendigen und gut gepflegten Spielplatz auf der Wiese vor dem Hochhaus. „Es war eine Super-Zeit“, sagt Sofien Mbarki heute.

Was er damals nicht weiß: Schon im Jahr seines Einzugs wird der Grundstein für den späteren Niedergang der Kielstraße 26 gelegt. Das Gebäude wird zum Musterbeispiel einer Privatisierung von Wohnraum, die fürchterlich schiefging.

„Es war eine Super-Zeit“ – So lebte es sich im Horror-Hochhaus

18 Stockwerke Trostlosigkeit: das Horror-Hochhaus steht seit 2002 leer. © Gregoer Beushausen (Archivbild)

Zum 1. Februar 1994 verkauft die Veba, der ehemals staatliche Energie- und Immobiliengigant, das Hochhaus. Über den Umweg über ein Ehepaar aus Aachen, das offensichtlich nur als Zwischenhändler dient, landet die Immobilie für einen Verkaufspreis von kolportierten 6,75 Millionen Mark bei drei Geschäftsleuten aus dem Raum Stuttgart.

Die neuen Besitzer haben nur ein Interesse: ihr neues Eigentum möglichst schnell zu noch mehr Geld zu machen. In den nächsten Jahren werden viele der 102 Wohnungen des Hochhauses Privatleuten – meist aus Süddeutschland – als Geldanlage aufgeschwatzt, zu völlig überteuerten Preisen. Viele überheben sich beim Kauf, die Finanzierungen platzen reihenweise. Rechnungen, etwa die der Stadtwerke, werden nicht mehr bezahlt, an Investitionen in das Gebäude ist gar nicht mehr zu denken.

„Meine Frau hat sich nicht mehr aus der Wohnung getraut“

Sofien Mbarki und seine Familie merken erst gar nicht, dass da etwas schrecklich schief läuft in ihrem Haus. Das habe sich erst 1999/2000 geändert, glaubt Mbarki, ganz so genau weiß er es nicht mehr. Zuerst verschwinden die Hausmeister, dann die Reinigungsfirma. Immer wieder fällt der Lift aus.

Gleichzeitig bekommen die Mbarkis ständig Post von immer neuen Vermietern: „Wir haben ohne Ende Briefe bekommen, mit immer neuen Kontonummern für die Miete.“ Auch ihnen wird zu der Zeit ihre Wohnung zum Kauf angeboten, für 140.000 Mark. „Zum Glück haben wir das nicht gemacht“, sagt Sofien Mbarki. „Jede Wohnung hatte einen anderen Besitzer, das konnte nicht gut laufen.“

Das Haus verkommt, die Nachbarschaft zerbricht. Die alten Mieter ziehen reihenweise aus, über ihre Nachfolger weiß Mbarki meist nur Schlechtes zu berichten: „Fast jeden Abend standen Streifenwagen vor der Tür.“ Im Treppenhaus setzen sich Junkies Spritzen. „Meine Frau hat sich nicht mehr aus der Wohnung getraut.“ Als es kein Warmwasser mehr gibt, fährt die Familie zum Duschen zu den Schwiegereltern nach Körne. Dann, im Juli 2002, haben die Mbakis endlich eine neue Wohnung gefunden und können ausziehen.

„Es war eine Super-Zeit“ – So lebte es sich im Horror-Hochhaus

Sofien Mbarki vor seinem alten (rechts) und seinem neuen Zuhause (links). 2002 zog die Familie vom Horror-Hochhaus nur wenige Meter weiter ins Nachbargebäude. © Thomas Thiel

Einen Umzugswagen müssen sie nicht nehmen: Ihr neues Zuhause liegt nur ein Haus weiter, in der Kielstraße 20. Fünf Meter von ihrem Küchenfenster entfernt liegt die Außenwand ihrer alten Wohnung. So bleibt das Gebäude, das acht Jahre ihre Heimat war und nun zum „Horror-Hochhaus“ wird, immer präsent im Leben der Mbarkis.

17 Jahre später steht Mbarki nach unserer kleinen Wohnungsführung und der damit verbundenen Reise in seine Vergangenheit vor der waschbetongrauen Fassade des Hochhauses. Um ihn herum liegen, verstreut wie archäologische Fundstätten einer alten Zivilisation, die Überreste des Spielplatzes, auf dem seine Kinder spielten. Zwischen den Betonplatten, die in die Mulden der vier Sandkästen gelegt worden sind, sprießt das Unkraut, die Tischtennisplatte hat schon vor Jahren ihr Metallnetz verloren.

Horror-Hochhaus soll bis 2021 abgerissen werden

Bald wird das alles verschwunden sein: Bis 2021 soll das Horror-Hochhaus abgerissen werden, nach jahrelangem Kampf ist es der Stadt gelungen, alle Wohnungen von den insgesamt 44 Besitzern zu kaufen. An seiner Stelle plant die Stadt, eine Kita zu bauen.

Wehmütig wird Mbarki nicht bei dem Gedanken über den nahen Abschied von seinem alten Zuhause: „Es wird Zeit, dass hier was Neues hinkommt.“

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