„Es war alles voller Blut“: Drei Dortmunder werden bei Messerangriffen zu Lebensrettern (mit Video)

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Ein Streit auf offener Straße in Dortmund. Plötzlich zieht ein Mann ein Messer und sticht zu. Drei Passanten reagierten mutig. Ihre Geschichten sind bemerkenswert.

Dortmund

, 21.11.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ilias Charmpas hatte in Vertretung des befreundeten Besitzers gerade ein Café am Borsigplatz aufgeschlossen, als es vor der Tür zu einem heftigen Angriff kam. „Ein Mann hatte wie wild an der Tür nebenan geklingelt“, erinnert sich der 64-Jährige an den Morgen Mitte August.

Irgendwann kam der Bewohner, ein Mann, den Charmpas flüchtig aus dem Café kannte, aus der Haustür gestürmt. In kugelsicherer Weste. Mit einem Messer in der Hand. Er stieß den Klingelnden unvermittelt zu Boden und rammte ihm das Messer in den Oberkörper.

„Den kannst du hier nicht abschlachten lassen“

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich genau gemacht habe“, sagt Ilias Charmpas rückblickend: „Hier war alles voller Blut.“ Er habe sich nur gedacht: „Den kannst du hier nicht abschlachten lassen.“

Als der Angreifer das Messer hob, um erneut zuzustechen, schritt der 64-Jährige entschieden ein, schlug ihm die Waffe aus der Hand und schleuderte sie unter ein geparktes Auto. Der Mann sei nicht besonders groß oder stark gewesen, meint Charmpas nur bescheiden.

Video
Messerstecher am Borsigplatz überwältigt

Von einer Sekunde auf die andere sei dann auch schon die Polizei dagewesen. „Mit Helmen, wie bei einer Razzia“, sagt Charmpas. Das Opfer erlitt lebensgefährliche Verletzungen im Hals- und Brustbereich. „Sie haben ganz sicher dem Opfer das Leben gerettet“, sagte Polizeipräsident Gregor Lange bei Charmpas‘ Ehrung im Polizeipräsidium.

Ilias Charmpas ist einer von zwölf vorbildlichen Bürgern, die Lange für ihre Zivilcourage feierlich ausgezeichnet hat. Sie haben geholfen, Straftaten aufzuklären und weitere (oder wie in Charmpas’ Fall schlimmere Folgen) zu verhindern.

„Es war alles voller Blut“: Drei Dortmunder werden bei Messerangriffen zu Lebensrettern (mit Video)

Ali-Riza Catak zeigt auf dem Flohmarkt, wo er zwischen den Ständen den Angreifer verfolgte. © Stephan Schuetze

Ähnlich dramatische Erfahrungen wie der 64-Jährige hat Ali-Riza Catak gemacht. Der 24-jährige Student war im Februar am Rande des Flohmarkts am Uni-Campus unterwegs. „Ich wollte in der Fachhochschule mit Freunden für eine Klausur lernen“, erinnert er sich.

Als er sein Auto parkte, bemerkte er zwei Männer, die sich heftig stritten und dann auch schlugen. Erst später erfuhr Catak, dass sich die Männer gar nicht kannten und wohl wegen eines Parkplatz-Streits aneinander gerieten. „Einer von ihnen hat plötzlich ein Messer gezogen und direkt in den Oberkörper zugestochen“, erzählt der Student.

Passanten filmten mit dem Handy statt zu helfen

Ohne nachzudenken, sei er dazwischengegangen. Da blutete das Opfer schon stark. „Der Täter ist ein paar Schritte zurückgegangen und hat dann wohl erst realisiert, was er getan hat“, sagt Catak: „Dann ist er weggelaufen.“

Knapp 500 Meter ist Ali-Riza Catak dem Unbekannten hinterhergerannt: „Ich habe um Hilfe gerufen, und dass jemand den Mann aufhalten soll. Aber keiner hat etwas getan.“ Ganz im Gegenteil: Passanten hätten sogar ihre Handys herausgeholt, um die Verfolgungsjagd zu filmen.

„Es war alles voller Blut“: Drei Dortmunder werden bei Messerangriffen zu Lebensrettern (mit Video)

Polizeipräsident Gregor Lange (M.) hat Michael Czarkowski (l.) und Ali-Riza Catak für ihre Zivilcourage geehrt. © Kevin Kindel

Nach quälend langen Momenten kam doch die ersehnte Unterstützung. Michael Czarkowski, Hauptfeldwebel der Luftwaffe, war mit seiner Familie auf dem Flohmarkt unterwegs, als er die Hilferufe hörte.

„Da schrie jemand ‚Der hat ein Messer‘“, erinnert er sich: „Es war eine Impulshandlung, da hinterherzugehen.“ Mit vereinten Kräften brachten die Männer den Täter zu Boden. „Wenn du dich noch einmal bewegst, brech ich dir den Arm“, habe Czarkowski gesagt, berichtet Catak. Inzwischen angekommene Polizisten nahmen den fixierten Mann fest, die mutigen Männer halfen dann noch dabei, das schwer verletzte Opfer zu versorgen.

Im November warten beide Täter noch auf ihre Gerichtsurteile, wie Staatsanwalt Henner Kruse auf Anfrage mitteilt. Der Angreifer vom Borsigplatz sitze in Untersuchungshaft, eine Anklageschrift sei in Arbeit. Gegen den Messerstecher vom Flohmarkt laufe aktuell ein Gerichtsverfahren.

Serie

Zivilcourage

Polizeipräsident Gregor Lange zeichnet jedes Jahr Dortmunder aus, die mit besonderer Zivilcourage zur Vereitelung von Straftaten oder zur Festnahme von Kriminellen beigetragen haben. Einige ihrer Geschichten erzählen wir in einer Serie.
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