Ersthelfer nach Horror-Unfall: Dominik Möller (35) setzte sich neben die Frau, die starb

dzBrackeler Straße

Der Dortmunder Dominik Möller (35) war Ersthelfer beim schweren Unfall auf der Brackeler Straße am 8. August. Er war als Erster am Auto der Geisterfahrerin. So verarbeitet er das Ereignis.

Dortmund

, 21.08.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den 8. August 2019 wird Dominik Möller vermutlich in seinem ganzen Leben nicht vergessen. Um kurz nach 16 Uhr fährt er auf der Brackeler Straße. Sein siebenjähriger Sohn sitzt ausnahmsweise auf dem Beifahrersitz. Möllers Frau sitzt hinten beim Zweijährigen, weil der vor dem Besuch bei den Großeltern noch etwas schlafen soll.

„Wir waren das dritte, vierte Auto hinter dem Unfall. Von dem Unfall selbst haben wir nicht viel mitbekommen. Nur, dass Scherben durch die Gegend geflogen sind und alle begonnen haben zu bremsen“, erzählt Möller.

Familie fährt auf der linken Spur - der schlimme Unfall passiert nur wenige Meter vor ihnen

Die Familie fährt auf der linken Spur. Also dort, wo Sekunden vorher und nur wenige hundert Meter entfernt eine 69-Jährige mit ihrem Auto gegen die Fahrtrichtung auf der Schnellstraße fährt, dort frontal mit einem anderen Auto zusammenstößt. Ein dritter Wagen fährt auf. Die 69-Jährige stirbt später an den Folgen des Unfalls im Krankenhaus, die anderen Beteiligten erleiden schwere Verletzungen.

Dominik Möller, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr am Flughafen Dortmund, findet sich plötzlich direkt vor der Unfallstelle wieder. „In dem Augenblick ist sofort ein Mechanismus losgegangen“, sagt der Dortmunder. Andere Autofahrer stehen offenbar unter Schock und bleiben sitzen. Andere schlängeln sich sogar noch an der Unfallstelle vorbei.

Dem 35-Jährigen hilft es, dass die Abläufe in solchen Notfällen präsenter sind – auch, wenn er zum ersten Mal privat in einer solchen Situation ist. „In dem Moment habe ich als Feuerwehrmann gehandelt“, sagt er.

Schnell wird ihm das Ausmaß dieses Unfalls klar. Benzin und Öl sind auf der Brackeler Straße verteilt. „Hat jemand einen Feuerlöscher?“, ruft er in die Rettungsgasse hinein. Er und der andere Helfer organisieren die ersten Minuten an der Unfallstelle, bis die Rettungskräfte eintreffen.

Dominik Möller stabilisiert die Unfallfahrerin und versucht sie zu beruhigen

Er rennt zu dem stark zerstörten blauen Auto direkt vor ihm. Die Fahrertür lässt sich nicht mehr öffnen. Die Fahrerin ist nicht mehr ansprechbar. Aber Dominik Möller sieht, dass sie noch lebt. Als sie auf die Seite zu kippen droht, steigt er auf der Beifahrerseite ein, setzt sich neben sie. Er spricht mit ihr, versucht sie zu beruhigen.

Gute drei Stunden sitzen Dominik Möller und seine Familie danach noch im Auto, bis sie weiterfahren können. Möller kennt mittlerweile die Meldungen über die Unfallursache. Am nächsten Morgen erfährt er, dass die Frau, an deren Seite er saß, nicht überlebt hat.

Die Worte seines Sohnes lassen ihn zusammenbrechen

Lange funktioniert der Mechanismus. Jetzt beginnt er zu haken. Und bricht zusammen, als Dominik Möller am Abend mit seinem siebenjährigen Sohn spricht. Der hat den Vorfall oberflächlich gut verpackt, sagt dann aber einen Satz, der Möller erschaudern lässt. „Papa, wenn wir das gewesen wären in dem anderen Auto, dann wären wir jetzt tot.“ Die kindliche Klarheit trifft den Vater und erzeugt neue Bilder im Kopf. „Von da an war alles vorbei bei mir.“

Dominik Möller setzt sich mit der psychosozialen Unterstützungsstelle der Feuerwehr Dortmund in Verbindung, bekommt dort direkt einen Gesprächstermin.

Zweieinhalb Stunden redet er sich das Erlebte von der Seele. „Ich habe zum ersten Mal die Bilder in Worte gefasst.“ Er lernt, sich bewusst zu machen, dass er das Geschehene nicht ändern kann. Dass er da war. Dass die Frau in den Minuten, in denen er an ihrer Seite war, noch gelebt hat.

Das hilft ihm. Aber er weiß auch, dass die Verarbeitung noch eine ganze Zeit dauern wird. Die Polizei Dortmund bietet ihm in einem Brief ein weiteres psychologisches Beratungsgespräch an. Mit dem Feuerwehr-Psychologen bleibt er in Kontakt.

Dominik Möller spricht mit äußerlicher Ruhe über den Unfall. Er möchte keine Heldengeschichte erzählen. Er bittet auch darum, nicht mit einem Foto zu erscheinen, weshalb wir den beherzten Helfer in diesem Artikel auch nicht zeigen. Aber er wünscht sich, dass das schreckliche Ereignis zumindest eine Botschaft hat: „Je mehr Menschen helfen, desto besser ist es. Jeder kann etwas tun.“

Wer nicht geholfen hat, dem sei kein Vorwurf zu machen. „Die allermeisten haben völlig richtig reagiert“, sagt Dominik Möller. Wütend machen ihn allerdings Vorfälle wie der Audi-Fahrer, der in der Rettungsgasse gewendet hat oder eine Frau, die vom Ende des Staus bis zum Anfang gelaufen ist, um ein Video von der Bergung zu machen.

Wer hilft Ersthelfern nach Schock-Erlebnissen?

Bei der Feuerwehr Dortmund gibt es seit 1999 ein Team von 13 Feuerwehrleuten als soziale Ansprechpartner zur psychosozialen Unterstützung (PSU). Diese Einheit hilft Feuerwehrleuten bei der Aufarbeitung belastender Einsätze. Aber das PSU-Team hilft auch Betroffenen, Angehörigen oder Augenzeugen am Einsatzort.

Bei der Polizei gibt es ebenfalls spezielle geschulte Beamte, die sich in Kooperation mit der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland um Unfallopfer und -beteiligte kümmern.

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