Ein Buch beschreibt 80 „Glücksorte“ in Dortmund

dzDortmund-Reiseführer

16 Autoren schreiben über 80 Orte in Dortmund, die sie besonders beglückend finden. Da sind nicht nur die Klassiker dabei, sondern auch einige Überraschungen. Wir zeigen zehn Beispiele.

08.10.2018, 18:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wutschnaubend trat der alte Mann immer wieder auf seinen Rollator ein. Auch verbal: „Scheißding!“, fauchte er seine Gehhilfe an, „Mistkarre!“

So erzählt es Thorsten Trelenberg, der dem Mann auf dem Hauptfriedhof begegnet ist, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Trelenberg: „Ich sach: ‚Was‘ los, Oppa?‘ Da hat er mir erzählt, dass er seit ein paar Tagen im Altersheim ist und die Betreuer da hätten ihm den Rollator aufgeschwatzt. Und er hat offenbar den Hauptfriedhof als seine persönliche Teststrecke auserkoren.
Da schiebt er jetzt das Teil vor sich her und verflucht es gleichzeitig. Zu mir sagte er: ,Ich will das Teil nicht! Ich bin doch erst 90!‘“

Der Hauptfriedhof ist ein Glücksort, weil er so vielfältig ist

Trelenberg hatte schon viele Begegnungen auf dem Hauptfriedhof. Vor allem deswegen ist der Friedhof einer von Trelenbergs Lieblingsorten. Und jetzt auch einer der 80 „Glücksorte in Dortmund“ – so heißt das Buch, das Trelenberg zusammen mit Thomas Kade und Matthias Engels herausgegeben hat.

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Zehn Beispiele aus dem Buch "Glücksorte in Dortmund"

80 "Glücksorte" beschreiben die Autorinnen und Autoren im Buch "Glücksorte in Dortmund". Wir zeigen zehn Beispiele mit Auszügen aus den Texten, inklusive der Originalfotos aus dem Buch.
09.10.2018
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Zur Gaststätte Tremonia heißt es im Buch: „Doch erst nach halb elf wird es richtig voll. Da wummern die Bässe, da flimmert die Lichtorgel und die Discokugel dreht sich. Eckbänke, Hirschgeweihe und rot-weiß-karierte Vorhänge bilden die Kulisse für die Tanzwütigen, man fühlt sich zurückversetzt in selige Stunden im elterlichen Partykeller.“© Anne-Kathrin Koppetsch
Zum Westfälischen Schulmuseum: „Noch immer riecht es nach Schule in dem düsteren Treppenhaus. [...] Hautnah erleben die Schüler von heute den Unterricht wie zu Kaisers Zeiten: Strammstehen, „Guten Morgen, Herr Lehrer!“, Fingernagelkontrolle, Gebet. Und natürlich erfahren sie auch, wofür es den Stock gab.“© Anne-Kathrin Koppetsch
Zur Apfelbaumallee zwischen Universitätsstraße und Joseph-von-Fraunhofer-Straße 29: „Was nimmt man mit? überquellende Taschen voll Äpfel, einen ruhigen Puls, die Farbpartikel von Schmetterlingsflügeln auf der Jacke, die Grüße von Spaziergängern, die einen schönen Tag wünschen. Ja, das ist ein schöner Tag!“© Michaela Rat
Zum Damwildgehe im Süggelwald: „Nähert man sich dem Hochstand unbemerkt, kann man die Tiere in ihrem natürlichen Verhalten erleben. die Kälber suchen fiepend nach der Mutter, um zu trinken. Die schon älteren Schmaltiere oder Spießer liegen gemütlich wiederkäuend in der Deckung und oft erkennt man sie nur, wenn sie gerade mal mit den Lauschern wackeln.“© Peter Gallus
Zum Parkdeck P3 des Klinikums: „Die dritte Etage [...] ist am Wochenende immer autofrei [...]. Wo sonst bis zu 170 Autos parken, kann man jetzt mitten in der Stadt durchatmen. Viel Luft, viel Raum und ein weiter Blick. Sicher, man wird bescheiden, wenn man in der Innenstadt wohnt, selten reicht der Blick hier weiter als bis zur nächsten Hauswand, überall machen Autos die Räume eng. Nur hier nicht, oben auf dem P3.“© Sascha Wundes
„In Ruhe seine Runden treten, mit dem Nebenfahrer reden, über das Mittagessen, das die Frau gerade brutzelt, über den besten Sportarzt, das letzte Spiel. Herrlich, durch die Natur zu radeln. [...] Du gleitest, du schwebst, du fliegst. [...] Bussard, Kaninchen, Eichhörnchen sind schneller. IN der Lift, auf dem Baum, im Bau. Egal, du fühlst dich wie, nein, du bist der King of the Road.“© Thomas Kade
Zum Borsigplatz: „Zum Naschen oder für die Verpflegung zwischendurch ein besonderer Tipp: das Muskara, Borsigplatz 7, eine Art Mini-Schlaraffenland. Da liegen 1001 Knabbereien aus aller Welt vor einem ausgebreitet. Und wenn man hier steht und mal ganz doll die Augen zusammenkneift und das Herz öffnet, dann sieht man den Platz schwarz-gelb. Ehrlich!“© Thorsten Trelenberg
Zum Club- und Eventschiff Herr Walter am Hafen: „Binnen kürzester Zeit wurde es zum idealen Glücksort, der weit und breit seinesgleichen sucht. Schon der mit viel Liebe zum Detail gestaltete Zugangsbereich auf dem Gelände vor dem Schiff verbreitet ein maritimes Feeling. [...] Also ihr Landratten, nix wie hin und dann am Hafenstrand oder auf Deck abhängen!“© Thorsten Trelenberg
Zum Fredenbaumpark: „Ein Spaziergang durch ein Meer von Buschwindröschen im Frühjahr macht einfach glücklich!“© Thorsten Trelenberg
Zu den gemalten Kleeblättern in der ganzen Stadt: „Aus dem schwarzen Mercedes zeigt einer „doof“ und du zurück. Plötzlich bist du irritiert, denkst, was mache ich hier eigentlich. Da fällt dein Blick auf einen Laternenmast, an dem etwas wächst. Ein Kleeblatt, vierblättrig! Auf dunklem Grund blüht zwischen Masten für Lampen und Ampeln, über blankpolierten und verstaubten Autoblechen ein wunderbarer Augenblick des Glückes auf.“© Thomas Kade

Darin schreiben 16 Autoren jeweils eine Seite über ihre persönlichen Dortmunder Lieblingsorte: nur ein paar Geschäfte und Restaurants, in erster Linie viele Parks, Wege, Kulturorte und überraschende Flecken wie das Parkdeck des Klinikums („Nur knapp 20 Meter hoch. Und doch hat man Luft zum Atmen und zum Bewegen: Kinder lernen hier Fahrrad, Rollschuh und Skateboard fahren.“).

„Was verbindet mich mit dem Glücksort?“

Kade, Trelenberg und Engels hatten die rund 40 Autorinnen und Autoren ihres Verbunds „Literaturraum Dortmund Ruhr“ angeschrieben und eingeladen, bei dem Buch mitzumachen. Jeder sollte Orte vorschlagen, zu denen er eine persönliche Beziehung verspürt.

„Der Ansatz“, sagt Trelenberg, „war die Frage: Was verbindet mich mit dem Glücksort?“ In „Nullkommanix“, innerhalb von 14 Tagen, hatten 16 Autorinnen und Autoren sich gemeldet und insgesamt 200 Orte vorgeschlagen.

Ein Glücksort hat Charme und ermöglicht Begegnungen

Charme müsse ein Glücksort haben, sagt Trelenberg. Beispiel Hauptfriedhof: Der sei so vielfältig, zum großen Teil normale Grünfläche, mit Überraschungen wie fest installierten Sportgeräten und wunderschönen Blickachsen.

Ein Buch beschreibt 80 „Glücksorte“ in Dortmund

Das Buch "Glücksorte in Dortmund" von Thomas Kade, Matthias Engels und Thorsten Trelenberg (Hrsg.) © Tilman Abegg

Genau, Überraschungen, stimmt Mitherausgeber Thomas Kade zu. Beglückend seien die Orte auch, weil man dort Menschen treffe, von denen man Neues erfahre.

Kurios: Die Rennradrentner auf dem Steinklippenweg

Wie bei einem seiner Glücksorte, der Radrennstrecke Steinklippenweg. Jeden Morgen trainiere dort, so schreibt Kade im Buch, „eine Horde Rentner, voll ausgestattet mit den neuesten, windschnittigen Materialien“.

Die rissen dort „täglich ihre 50 Kilometer runter, dann fahren sie nach Hause und lassen sich von ihren Frauen das Essen vorsetzen“.

Die schönen Facetten des Dortmunder Alltags

Das erzählt Kade sichtbar amüsiert, aber nicht herablassend gegenüber den Radrentnern, sondern erfreut über diese weitere kuriose Facette des Dortmunder Lebens.

Als Reiseführer funktioniert das Buch nicht nur für Auswärtige. Auch Dortmunder werden nicht alle Orte kennen. Zumindest nicht so.

Kade, Trelenberg und weitere Autoren stellen das Buch vor am Donnerstag (11. 10.) um 19.30 Uhr im Studio B der Stadtbibliothek, Max-von-der-Grün-Platz 1-3. „Glücksorte in Dortmund“, erschienen im Droste-Verlag, 168 Seiten, 14,99 Euro. Die Autorinnen und Autoren, in alphabetischer Folge: Simon Demes, Sigrid Drübbisch, Udo Etterich, Conny Franken, Peter Gallus, Daniela Gerlach, Horst Dieter Gölzenleuchter, Hans-Ulrich Heuser, Thomas Kade, Anne-Kathrin Koppetsch, Josef Krug, Bianca Lorenz, Patricia Malcher, Thorsten Trelenberg, Eva von der Dunk und Sascha Wundes. Bei zwei „Glücksorten“ des Buches hat die Wirklichkeit sich schneller verändert, als es beim Drucktermin absehbar war: Sowohl das Restaurant Hohoffs in Deusen als auch das Café Strickmann alias Koehler‘s in der Innenstadt haben inzwischen geschlossen bzw. den Restaurantbetrieb eingestellt.
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